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KARL FRIEDRICH AMENDA
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EINLEITUNG
" . . . Ich habe nur zwei Freunde in der Welt gefunden, mit denen ich auch nie in ein Mißverhältniß gekommen, aber welche Menschen! Der eine ist todt,[4] der andere lebt noch.[5] . . . " schrieb Beethoven am 24. Juli 1804 an seinen Schüler Ferdinand Ries [Quelle: Ludwig van Beethoven Briefwechsel Gesamtausgabe, Band I, Brief Nr. 186, S. 216-217; zu [4]: verweist wohl auf Lorenz von Breuning, der 1798 verstarb; zu [5]: verweist laut GA auf Amenda; Einzelheiten S. 217 entnommen].
Da uns zu Beethovens -- seiner eigenen Aussage nach -- engstem von zwei Freunden, Karl Friedrich Amenda, einiges Material zur Verfügung steht, ist es uns ein besonderes Vergnügen, Ihnen diesen Freund hier als ersten von Beethovens Freunden vorzustellen!
Als Quellen stehen uns die Thayer'sche Standardbiographie, Anmerkungen in der Henle-Gesamtausgabe der Beethoven-Briefe und die darin enthaltene Korrespondenz zwischen den Freunden zur Verfügung.
Unsere Betrachtung bietet Ihnen zunächst einen chronologischen, biographischen Überblick über Amendas Leben bis zum Beginn seiner Freundschaft mit Beethoven, konzentriert sich dann in ähnlicher, jedoch mit Originalbriefen durchsetzter, Weise auf weitere Lebensabschnitte, wie die Wiener Freundschaftsjahre 1798 - 1799, gefolgt von einem Blick auf den Kontakt der Freunde in den Jahren 1800-1801 und dem -- wohl letzten -- im Jahr 1815.
Dieser chronologisch-biographischen Betrachtung werden wir eine zusammenfassende Betrachtung aller uns zugänglicher Aspekte dieser Freundschaft folgen lassen.
AMENDAS LEBENSWEG VOR SEINER ANKUNFT IN WIEN
Thayer (S. 223) berichtet, dass Karl Amenda am 4. Oktober 1771 in Lippaiken im Kurland geboren wurde und zunächst von seinem Vater und danach von Kapellmeister Beichtmer Musikunterricht erhielt. Er soll sich dadurch zu einem so guten Geiger entwickelt haben, dass er bereits im Alter von 14 Jahren ein Konzert geben konnte. Laut Thayer befasste er sich auch weiter mit Musik.
Hier sollten wir einfügen, dass Amenda laut GA (S. 48) von 1792 - 1796 an der Universität Jena Theologie studierte. Ein Auszug aus der Liste der bedeutenden Persönlichkeiten, die zu dieser Zeit entweder an dieser Universität studierten oder dort lehrten, gibt uns einen kurzen Einblick in das geistige Klima, das Amenda dort umgab:
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"Arndt, Ernst
Moritz
(1769-1860) Fichte, Johann Gottlieb
(1762-1814) Hölderlin, Friedrich
(1770-1843) Hufeland, Christoph
Wilhelm (1762-1836) Hufeland, Gottlieb
(1760-1817) Loder, Justus Christian
(1753-1832) Niethammer, Friedrich
Immanuel (1766-1848) Novalis
(Georg Philipp
Friedrich Frhr. von Hardenberg) (1772-1801) Reinhold, Karl Leonhard
(1758-1823) Schiller, Friedrich
(1759-1805) (Wie wir bereits aus unseren Zeittafeln zur Geschichte der Entstehung der Ode an die Freude wissen, war Schiller dort zunächst bis zu seiner Krankheit im Jahr 1791 intensiv lehrtätig, begab sich aber von 1792 - 1794 auf Reisen, während er nach seiner Rückkehr im Frühjahr 1794 durch seine eigene Initiative seine Freundschaft mit Goethe begann, wobei die folgenden Jahre bis zu seiner Übersiedlung nach Weimar im Jahr 1799 Goethe auch ab und zu bei ihm in Jena zu Besuch sahen.) |
In welchem Ausmaß Amenda von diesem geistigen Klima während seines Theologiestudiums Notiz nehmen konnte, ist uns leider nicht überliefert. Der Gesamtausgabe können wir entnehmen, dass Amenda nach Abschluss seines Studiums über Frankreich nach Lausanne reiste, wo er zwei Jahre lang als Musikleher tätig war und nach Engagements in Frankfurt am Main und Konstanz zusammen mit dem Gitarristen Gottfried Heinrich Mylich (1773 - 1834) im Frühjahr 1798 in Wien eintraf.
1798 - 1799
Dort war er zunächst bei Fürstin Karoline Lobkowitz als Vorleser tätig, wurde aber bald zum Hauslehrer der Kinder Mozarts. Wie er dann mit Beethoven bekannt wurde, vermittelt uns laut Thayer ein Dokument der Familie Amenda mit dem Titel "Brief Account of the Friendly Relations between L. v. Beethoven and Karl Friedrich Amenda, afterwards Provost at Talsen in Courland, written down from oral tradition" ("Kurze Zusammenfassung der freundlichen Beziehungen zwischen L. v. Beethoven und Karl Friedrich Amenda, nachmals Propst in Talsen im Kurland, nach der mündlichen Überlieferung niedergeschrieben":
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"After the completion of his theological studies K.F. Amenda goes to Vienna, where he several times meets Beethoven at the table d'hote, attempts to enter into conversation with him, but without success, since Beeth. remains very reserve. After some time Amenda, who meanwhile had become music-teacher at the home of Mozart's widow, receives an invitation from a friendly family and there plays first violin in a quartet. While he was playing somebody turned the pages for him, and when he turned about at the finish he was frightened to see Beethoven, who had taken the trouble to do this and now withdrew with a bow. The next day the extremely amiable host at the evening party appeared and cried out: "What have you done? You have captured Beethoven's hart! B. requests that you rejoice him with your company." A., much pleased, hurries to B., who at once asks him to play with him. This is done and when, after several hours, A. takes his leave, B. accompanies him to his quarters, where there was music again. As B. finally prepared to go he said to A.: "I suppose you can accompany me." This is done, and B. kept A. till evening and went with him to his home late at night. From that time the mutual visits became more and more numerous and the two took walks together, so that the people in the streets when they saw only one of them in the street at once called out: "Where is the other one?" . . . B. complained that he could not get along on the violin. Asked by A. to try it, nevertheless, he played so fearfully that A. had to call out: "Have mercy--quit!" B. quit playing and the two laughed till they had to hold their sides. One evening B. improvised marvellously on the pianoforte and at the close A. said: "It is a great pity that such glorious music is born and lost in a moment." Whereupon B.: "There you are mistaken; I can repeat every extemporization"; whereupon he sat himself down and played it again without a change; B. was frequently embarrassed for money. Once he complained to A.; he had to pay rent and had no idea how he could do it. "That's easily remedied," said A. and gave him a theme ("Freudvoll und Leidvoll") and locked him in his room with the remark that he must make a beginning on the variations within three hours. When A. returns he finds B. on the spot but ill-tempered. To the question whether or not he had begun B. handed over a paper with the remark: "There's your stuff!" (Da ist der Wisch!) A. takes the notes joyfully to B.'s landlord and tells him to take it to a publisher, who would pay him handsomely for it. The landlord hesitated at first but finally decided to do the errand and, returning joyfully, asks if other bits of paper like that were to be had. But in order definitely to relieve such financial needs A. advises B. to make a trip to Italy. B. says he is willing but only on one condition that A. go with him. A. agrees gladly and the trip is practically planned. Unfortunately news of a death calls A. back to his home. His brother has been killed in an accident and the duty of caring for the family devolved to him. With doubly oppressed heart A. takes leave of B. to return to his home in Courland. There he receives a letter from B. saying: "Since you cannot go along, I shall not go to Italy." Later the friends frequently exchanged thoughts by correspondence" (Thayer: 223-224; -- -- [Nach Beendigung seiner theologischen Studien geht Carl Amenda nach Wien, woselbst er einige Male an der Table d'hote mit Beethoven zusammentrifft, mit ihm ein Gespräch anzuknüpfen versucht, aber nicht reüssiert, da Beethoven sehr reservé bleibt. Nach einiger Zeit wird Amenda, der unterdessen Musiklehrer bei Mozarts Witwe geworden war, zu einer befreundeten Familie eingeladen und spielt dort im Quartett die erst Violine. Während des Spiels wird ihm von jemand das Blatt umgewendet, und als er sich zum Schluß umsieht, erblickt er erschreckt Beethoven, der sich diese Mühe genommen und sich nun mit einer Verbeugung zurückzieht. Am folgenden Tag erscheint der freundliche Wirt der Abendgesellschaft und ruft ganz erregt aus: "Was haben Sie gemacht? Sie haben Beethovens Herz erobert! Beethoven läßt Sie ersuchen, ihn mit Ihrer Gegenwart zu erfreuen!" Amenda macht sich hocherfreut auf und eilt zu Beethoven, der ihn sogleich auffodert, mit ihm zu musizieren. Das geschieht, und als Amenda nach einigen Stunden aufbricht, begleitet ihn Beethoven bis zu seinem Quartier, woselbst wiederum gemeinschaftlich musiziert wird. Als Beethoven sich endlich zum Weggehen anschickt, sagt er zu Amenda: "Sie könnten mich wohl begleiten." Das geschieht, und Beethoven behielt Amenda zum Abend bei sich und begleitet ihn dann spät des Nachts nach Hause. Von da ab waren die gegenseitigen Besuche immer häufiger, und Spaziergänge wurden nun gemeinschaftlich unternommen, so daß das Publikum, wenn es einmal nur einen von ihnen auf der Straße sah, gleich ausrief: "Wo ist denn der andere?" -- Weiter heißt es, Beethoven habe geklagt, er könne mit der Violine gar nicht zurechtkommen. Von Amenda aufgefordert, doch zu versuchen, entwickelt Beethoven ein so schreckliches Spiel, daß Amenda ausrufen mußte: "Erbarme dich, hör auf!" Beethoven hörte auch auf, und nun lachen beide, daß sie sich die Seiten halten müssen. Eines Abends phantasierte Beethoven wundervoll auf dem Klavier, und Amenda sagt am Schlusse: "Es ist jammerschade, daß eine so herrliche Musik, im Augenblick geboren, mit dem nächsten Augenblick verlorengeht." Darauf Beethoven: "Da irrst du, ich kann jede extemporierte Phantasie wiederholen"; setzte sich hin und spielte sie ohne Abweichung noch einmal. B. war oft in Geldverlegenheit. Einmal klagte er A. sein Leid, dass er nicht wisse, wie er seine Miete bezahlen solle. "Dem kann leicht abgeholfen werden," sagte A. und gab ihm ein Thema und schloss ihn in seinem Zimmer ein mit der Bemerkung, dass er innerhalb von drei Stunden einen Anfang gefunden haben muss. Als A. zurückkehrte, fand er B. in seinem Zimmer, aber in schlechter Laune. Auf die Frage, ob er angefangen habe, gab ihm B. ein Papier mit der Bemerkung: 'Da ist der Wisch!' A. brachte die Noten freudig zu Beethovens Vermieter und empfahl ihm, diese zu einem Musikverleger zu bringen, der ihm gutes Geld dafür zahlen werde. Der Vermieter habe zuerst gezögert, sich dann aber doch dazu entschlossen. Ja, er sei sogar freudig zurückgekommen und habe gefragt, ob es noch andere Papierfetzen dieser Art gebe. Um jedoch seine Geldsorgen dauerhaft loszuwerden, empfahl A. Beethoven, nach Italien zu reisen. B. war damit unter einer Bedingung einverstanden, nämlich dass er, A., mit ihm reisen solle. A. stimmte dem freudig zu. Leider erhielt A. jedoch dann die Nachricht von einem Tod in seiner Familie. Sein Bruder hatte einen Unfall erlitten, so dass er nun für die Familie sorgen musste und in seine Heimat zurückkehren musste. Doppelt schweren Herzens verabschiedete sich A. von Beethoven und kehrte nach Kurland zurück. Dort erhielt er einen Brief von B., in dem dieser ihm schrieb, dass er, da A. nicht mitkommen könne, nun nicht mehr nach Italien gehen werde. Später hätten die Freunde oft ihn ihren Briefen Gedanken ausgetauscht.] ) |
Das
einzige lebendige Zeugnis Beethovens aus dieser Zeit, in dem sowohl Amenda als
auch sein Freund Mylich in eine Nachricht an Nikolaus Zmeskall mit eingeflochten
sind, sind seine folgenden Zeilen:
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Beethoven an Nikolaus Zmeskall [Wien, 1798/99][1] grave alto [Notenbeispiel] tenore [Notenbeispiel] Basso [Notenbeispiel] Ba -ron Ba-ron Ba-ron Ba-ron Ba-ron mein wohlfeilster Baron! sorgen sie, daß der guitarist[2[ noch heute zu mir komme, der Amenda soll statt einer Amende[3], [die er zuw]eilen* für sein schlechtes pausiren verdient, mir diesen [wohlgel]ittenen* guitarist besorgen, wenns seyn kann, so soll der sogenannte [heute abend]* um 5 uhr zu mir kommen, wo nicht, morgen [früh um]* 5 oder 6 uhr, doch darf er mich nicht wecken, falls ich [schlafe]n* sollte -- adieu mon ami à bon Marché [ ...]* vieleicht sehen wir unß im schwanen. [Quelle: Ludwig van Beethoven Briefwechsel Gesamtausgabe Band I, Brief Nr. 39, S. 46] [Original: Wien, Österreichische Nationalblbiotehk; zu [1]: verweist darauf, dass der Brief in den Zeitraum vom Frühjahr 1798 bis zum Hergst 1799 fällt, als sich Amenda in Wien aufhielt; zu [2]: verweist auf Gottfried Heinrich Mylich, Amendas Freund, den Gitarristen; zu [3]: verweist auf eine Geldbuße; * verweist auf Textverlust durch Abriß der linken unteren Ecke; Einzelheiten S. 46 entnommen.] |
Thayer (S. 224) schreibt dass, obwohl
es die Musik gewesen sei, die Beethoven mit Amenda in Kontakt gebracht habe, es doch Amendas Liebenswürdigkeit und sein nobler Charakter
gewesen seien, die
Beethoven anzogen.
Als
Beweis seiner Anhänglichkeit verweist Thayer auf die folgende Widmung:
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Beethoven an Carl Amenda[1] (Widmung) (Wien, 25. Juni 1799) lieber Amenda! nimm dieses Quartett als ein kleines Denckmal unserer Freundschaft, <und> so oft du dir es vorspielst, erinnere dich unserer durchlebten Tage und zugleich, wie innig gut dir war und immer seyn wird dein wahrer und warmer Freund Ludwig van Beethoven Vien 1799 am 25ten Juni [Quelle: Ludwig van Beethoven Briefwechsel Gesamtausgabe, Band I, Brief Nr. 42, S. 48] [Original: Bonn, Beethoven-Haus; zu [1]: verweist auf Carl Amenda [1771-1836), "Theologe und Violinst aus Lippaiken in Kurland gebürtig. Er studierte 1792-1796 Theologie in Jena, reiste dann über Frankreich nach Lausanne, wo er zwei Jahre als Musiklehrer verbrachte. Nach Engagements in Frankfurt a.M. und Konstanz kam er zusammen mit dem Gitarristen Gottfried Heinrich Mylich [1773-1834] im Frühjahr 1798 nach Wien. Dort fand er zunächst bei der Fürstin Karoline Lobkowitz [1775-1816] als Vorleser, danach bei der Witwe Mozart als Hauslehrer ihrer Kinder Anstellung. Im Herbst 1799 kehrte Amenda in seine Heimat zurück. 1802 wurde er zum Pastor in Talsen bestellt und heiratete im selben Jahr Jeanette Benoit (1785-1844]. Seit 1821 stand er der Kandauischen Diözese als Probst vor und wurde 1830 zum Konsistorialrat ernannt. Amenda war einer der engsten Freunde Beethovens"; Einzelheiten S. 48 entnommen.] |
Was war der Anlass zu dieser Widmung? Dazu liefert uns der Bericht der Familie Amenda zu Beethovens Freundschaft mit Carl Friedrich Amenda den Grund: "Leider erhielt A. jedoch dann die Nachricht von einem Tod in seiner Familie. Sein Bruder hatte einen Unfall erlitten, so dass er nun für die Familie sorgen musste und in seine Heimat zurückkehren musste." Obwohl die Reise, wie der Gesamtausgabe (S. 49) zu entnehmen ist, bereits im Juni 1799 feststand, dürfte sich diese noch etwas hinausgezögert haben. Beethovens folgende, aus dieser Zwischenzeit stammende Zeilen an Amenda schildern zum einen seinen Gemütszustand, zum anderen aber auch seine eigenen Pläne:
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Beethoven an Carl Amenda [Wien, Sommer 1799][1] heute bekam ich eine Einladung nach möthling auf's Land, ich habe sie angenommen und gehe noch diesen Abend auf einige Tage dahin, sie war mir um so willkommener, da mein ohnedem zerrissenes Herz noch mehr würde gelitten haben, obschon der Hauptsturm wider abgeschlagen ist, so bin [ich] doch noch nicht ganz sicher, wie mein Plan dawider ausschlagen wird, gestern hat man mir eine Reise nach Pohlen im Monath September angetragen, wobey mir die Reise sowohl wie der aufenthalt nichts kostet, und ich mich in Pohlen gut unterhalten kann und auch Geld da zu machen ist, ich habe es angenommen.[2] -- leb wohl lieber A. und gib mir bald Nachricht von deinem Aufenthalte unterwegs wie auch wenn du in deinem Vaterlande angelangt bist. reise glücklich, und vergesse nicht deinen bthwen [Quelle: Ludwig van Beethoven Briefwechsel Gesamtausgabe, Band I, Brief Nr. 43, S. 49] [Original: Bonn, Beethoven-Haus, Bodmer-Sammlung; zu [1]: verweist darauf, dass der Brief laut GA im Zusammenhang mit Amendas Rückreise nach Kurland steht, die bereits im Juni 1799 feststand; zu [2]: verweist darauf, dass es keinen Beleg für eine Reise Beethovens nach Polen gibt; Einzelheiten S. 49 entnommen.] |
Nach dem neueren Stand der Beethovenforschung
wird das "zerrissene Herz" des Komponisten nicht mehr mit einer
möglichen Ablehnung seines Heiratsantrags an Magdalena Willmann in Verbindung
gebracht, da diese Begebenheit, wenn sie denn je stattgefunden haben mag, nun im
Jahr 1795 angesiedelt wird. Spekulation muss auch bleiben, ob sich
Beethoven bereits zu dieser Zeit in seine neue Klavierschülerin Josephine von
Brunsvik verliebt hatte, deren Hochzeitspläne etwa zu dieser Zeit feststanden.
Was jedoch aus Beethovens Zeilen entnommen werden kann ist sein Entschluss,
diesen Gemütszustand zu überwinden, vielleicht sogar durch eine Polenreise,
aus der jedoch nichts wurde.
Beethovens nächste, letzte Zeilen aus dem Jahr 1799 an Amenda zeigen, aus welchem Grund sich dessen Abreise verzögert hatte:
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Beethoven an Carl Amenda [Wien, Sommer 1799][1] ich gaube dir nicht zeitig genug geben zu können, was mir fürst L.[2] für dich geschickt hat, es ist zwar wenig aber er ist jezt im fortreisen begriffen, und da weiß du wohl, was da so einer Braucht.-- Ja lieber guter Amenda, ich muß es noch einmal widerholen, daß es mir sehr leid thut, daß du mich nicht von deiner lage früher unterrichtet hast, das hätte sich so ganz anders einrichten laßen, und ich wäre nun nicht in Sorgen, daß es dir unterweg's an etwas mangeln könnte--ich bin augenblicklich in einer Lage, wo ich nichts entbehren kann, da dieser Zustand nicht sehr lange dauren kann, so bitte ich dich innigst, so bald es dir es mag seyn wo es wolle an etwas gebrechen sollte mir es gleich zuwissen zu thuen, indem du versichert seyn kannst, daß ich dir schleunig beystehen werde. -- da ich nicht weiß, ob du schon Morgen reisest, so glaubte ich nöthig, dir diese noch alles zu sagen. in Eil dein bthwn [Quelle: Ludwig van Beethoven Briefwechsel Gesamtausgabe, Band I, Brief Nr. 44, S. 49-50] [Original: Washington, Library of Congress; zu [1]: verweist darauf, dass der Brief laut GA im Zuammenhang mit der geplanten Rückkehr Amendas nach Kurland steht und dass sich die Reise u.a. wegen finanzieller Schwierigkeiten vergögert zu haben scheint; zu [2]: verweist vermutlich auf Fürst Karl Lichnowsky, der offenbar einen Geldbetrag geschickt hatte; Einzelheiten S. 50 entnommen.] |
Obwohl Beethoven Amenda nicht persönlich
finanziell unter die Arme greifen konnte, zeigen seine Zeilen doch, dass er in
dieser Freundschaft auch in dieser Hinsicht das Herz auf dem rechten Fleck hatte.
1800 - 1801
" . . . leb wohl lieber A. und gib mir bald Nachricht von deinem
Aufenthalte unterwegs wie auch wenn du in deinem Vaterlande angelangt bist"
schrieb Beethoven in seinem vorletzten Brief an Amenda. Dass Amenda
dazu nicht kam, zeigen dessen Zeilen an Beethoven, die von der Gesamtausgabe
den Jahren 1800/01 zugeschrieben werden:
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Carl Amenda an Beethoven [Wirben, 1800/01][1] Mein Beethoven. Ich nähere mich Dir noch mit derselben innigen Liebe und Achtung, die der Werth Deines Herzens und deines Talentes unwiederstehlich und ewig von mir fordern. Du frägst wohl wie ich Dir, <die> nur diese Versicherung wenigstens, so lange hab verschweigen können? Theurer, o! frage vielmehr: wie ich Dich nur verlassen konnte? Beydes ist dennoch geschehen; in einer Art von Betäubung, -- mehr weiß ich nicht. Dennoch hätte ich nicht versäumen sollen Deine Freundschaft für mich in ihrer ersten Lebhaftigkeit zu unterhalten -- Was hab ich Armer, das mir ihre Fortdauer sichern könnte! Doch, der Werth und die Sicherheit meines theuersten Gutes liegen in ihm selbst, Du bists der der zärtlichsten und treuesten Freundschaft werth ist, die ich mit aller Hingebung Dir nie genug werde zollen können; und nur in Deinem eignen biedern Herzen, liegt ohne mein Verdienst die Gegenliebe die mit ihm für mich fortdauern wird. Sieh, Geliebter! so denke ich mir mein Verhältniß mit Dir. Nur diese Ueberzeugung vermag mir das Entstehen und die Fortdauer unsres Bundes zu erklären. Mögen Dir diese Aeußerungen immer schwärmerisch scheinen; ich bin es nicht im Stande ihre Fülle und Stärke deutlicher auszudrücken. Nur irren muß Dich dies nicht: Du bist kein gewöhnlicher Mensch! Wer Dich kennt wie ich, und Dich nur gewöhnlich liebte, den halt ich des göttlichen Gefühls der Liebe unwerth. Wo findet Dich aber jezt meine Sehnsucht? Vermutlich mußt Du nun Wien verlassen haben[2] wenn Du gleich, nach dem Beyspiele anderer Helden deiner Art, Wien, auf immer am liebsten zu Deinem Aufenthalte wähltest. Ja, Freund! gönne auch recht viel andern Freunden der Musik das Glück Dich näher kennen zu lernen. Du bist es nicht allein Dir und ihnen schuldig sondern selbst den allgemeinen Fortschritten Deiner Kunst, die Dir als wahrem Künstler nach meiner Ueberzeugung mehr als Gewinst und Ruhm am Herzen liegt, und die nur dadurch bewürkt werden kann, daß Du persönlich kennen gelernt wirst. Ausser Wien, glaube mirs, ist das musikalische Publikum noch zu weit zurük, der größte Theil der sogenannten Kenner zu seicht, oder zu pedantisch, um Deine schönen Kompositionen nach Würde beurtheilen zu können. Du selbst mußt ihnen vorspielen, ihnen Sachen von allerley Gattung nach ihrer jedesmahligen Fassungskraft komponiren; mußt sie zu dir hinaufziehen, wie du es mit mir und andern in Wien gemacht hast. Blieb man doch in Beurteilung Mozarts, obgleich er sich auf seinen Reisen so vielen mittheilte, außer Wien, dennoch wohl um zehn Jahre zurück. Dir wird es auch so gehen, das hab ich auf meiner Durchreise in Deutschland gemerkt. Hätte die Art meiner Reise es nur zugelassen, daß ich nach meinem Wunsche, wenigstens deine Violin-Kompositionen recht hätte bekannt machen können; so konnte ich mich aber nirgends viel aufhalten und daher auf diese Art zum allgemeinen Wohl unsrer Kunst wenig bey tragen. Hier im rohen Kurlande ists in dieser Rücksicht schon ganz anders; wo man mich nur kennt, da lebt auch Beethovens Nahme. Deine Klawiersachen spielen manche, besonders die Schwester Mylichs[3], mit Entzücken. Auch hier kostete es Mühe das gute Mädchen, und besonders den alten Vater, der Kenner seyn will heraufzuziehen. Nur meine Musikalische Autorität und einige Nachhülfe brachten es zu stande; nun aber wollen diese, auch nichts anders als von Beethoven hören. Das ist denn mein süßester musikal[ischer] Genuß wan sie mir vorspielt. Dann vergeße ich mich oft, und glaube mit Deinen himmlichen Harmonien, meinen Beethoven selbst zu hören. Dann erwachen aufs lebhasteste in mir alle die feurigen Gefühle, mit denen dein Umgang selbst mich beseelte; mir ists, als müßte ich dann fort hon hier, hin zu Dir, an die Quelle meiner zärtlichsten und lebhaftesten Empfindung. Ach, warum verlangte mein Schicksaal so viel Aufopferung von mir! Aber wahrscheinlich ist mein Loos geworfen, ich hier vielleicht auf immer gefesselt. Was auch andere günstige Umstände und Aussichten nicht vermogt hätten, das thut ein Mädchen. Eine hübsche, junge, talentvolle Genferin[4], die in dem nehmlichen adelichen Hause, wo ich einst einige glückliche Jahre verlebte, erzogen wird, hat deinen Amenda gefeßelt, liebt auch ihn mit aller Unschuld und Zärtlichkeit. Durch Freundschaft und Musik für sanftere Gefühle immer empfänglich erhalten, mußte auch hier mein Herz erwarmen und gerne sich ganz dem Gegenstande hingeben, der, wie für daßelbe geschaffen, ihm so reizend mit der ersten Liebe entgegenkam. Ich lebe nur zwey Meilen von diesem Mädchen als -- Hofsmeister bey dem Hrn v Stromberg in Wirben auf dem Lande. Bin gewissenhafter in meinem Amte als ichs in Wien war, wäre es aber vieleicht eben so wenig wenn ich hier mein Mädchen so nahe hätte als dort meinen Beethoven. O! nun bereue ich alle Stunden die ich zu wenig in Deiner Gesellschaft zubrachte; und das Andenken der Verlebten, Deiner Freundschaft, Deiner Kunst -- Mein Theurer, Dies soll mir in der Todesstunde noch das angenehmste seyn. Glaubst Du wohl? ich fange jezt an Klavier zu spielen. Ich will es durchaus dahin bringen Deine Klawiersachen spielen zu können, denn niemand trägt sie mir hier so recht nach dem Sinne vor. Denn sitz ich einst bey meinem Mädchen oder -- Weibchen, spiele Deine Kompositionen und denk mir bey diesem doppelten Glücke das, was ich einst im Genuße deines Umgangs war. -- O mein Beethoven! vergiß doch nie eines Freundes der, obgleich vieleicht auf immer von Dir getrennt, alles thun wird um Deiner Gegenliebe würdiger zu werden. Du füllst noch immer sein ganzes Herz aus; für andere Freunde scheint er nicht mehr daselbe zu haben. Wo Du auch seyst, Geliebter! meine Sehnsucht folgt Dir nach. Mit dem Verluste des Meinigen, mögte ich Dein Wohlergehn erkaufen. Sage nur wo und wie Du lebst Deinem, ewig Deinem Carl A. [Quelle: Ludwig van Beethoven Briefwechsel Gesamtausgabe, Band I, Brief Nr. 51, S. 56-59] [Original: Iserlohn Stadtarchiv; zu [1]: verweist darauf, dass der Brief der erste zu sein scheint, den Amenda nach seiner Abreise aus Wien, wohl Oktober 1799, an Beethoven geschrieben hat. Laut GA war seitdem eine geraume Zeit verstrichen, denn Amenda entschuldigt sich für seine Schweigsamkeit. Auch habe er sich in seiner neuen Stellung bereits eingelebt und eine Liebesbeziehung angeknüpft. Auch hat Amenda laut GA von Beethoven selbst noch keine Nachricht erhalten und habe daher auch noch nicht Beethovens Brief an ihn vom 1. Juli 1801 erhalten. Aus diesen Gründen legt die GA die Entstehungszeit dieses Briefes auf das Jahr 1800 oder das erste Halbjahr 1801 fest; zu [2]: verweist darauf, dass Beethoven laut GA Amenda noch kurz vor dessen Abreise in Wien mitgeteilt habe, dass er eine Einladung nach Polen angenommen habe; zu [3]: verweist laut GA auf die Schwester von Gottfried Heinrich Mylich, der mit Amenda 1798/99 in Wien war und durch diesen Beethoven kennengelernt hatte; die GA verweist hier auch noch darauf, dass nach Amendas Erinnerungen Beethoven der Schwester, die "recht hübsch" Klavier gespielt habe, "eine Sonate im Manuscript" überschickt haben soll, die die eigenhändige Aufschrift "Der Schester meines guten Freundes Mylich" getragen haben soll. Leider ist diese Handschrift laut GA verschollen; zu [4]: verweist auf Jeanette Benoit (1785 - 18144], die Amenda im Sommer 1802 heiratete, kurz bevor er die Pastorenstelle in Talsen antrat; Einzelheiten S. 59 entnommen.] |
Beethovens nachfolgende Zeilen sollten
offensichtlich Amenda seine weitere Zuneigung versichern:
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Beethoven an Carl Amenda in Wirben [Wien, vor Juli 1801][1] Wie kann Amenda zweifeln, daß ich seiner je vergessen könnte -- weil ich ihm nicht schreibe oder geschrieben -- als wenn das Andenken der Menschen sich nur so gegeneinander erhalten könnte. -- Tausendmal kömmt mir der beste der Menschen, den ich kennen lernte, im Sinn, ja gewiß unter den zwei Menschen, die meine ganze Liebe besaßen, und wovon der eine noch lebt,[2] bist Du der Dritte -- nie kann das Andenken an Dich mir verlöschen -- nächstens erhältst Du einen langen Brief[3] von mir über meine jezigen Verhältniße und alles was Dich von mir interessiren kann. -- Leb wohl, lieber, guter, edler Freund, erhalte mir immer Deine Liebe, Deine Freundschaft, sowie ich ewig bleibe Dein treuer Beethoven.. An Amenda. [Quelle: Ludwig van Beethoven Briefwechsel Gesamtausgabe, Band I, Brief Nr. 66, S. 84] [Original: nicht bekannt; zu [1]: verweist darauf, dass laut GA dieser Brief vermutlich dem ausführlichen Schreiben vom 1.7.1801 vorausging; zu [2]: verweist laut GA möglicher Weise auf Franz Gerhard Wegeler, während der zweite Freund Lorenz [Lenz] von Breining gewesen sein könnte, der am 10.4.1798 verstorben war; zu [3]: verweist auf Brief Nr. 67; Einzelheiten S. 84 entnommen.] |
Während Beethoven in den
nachfolgenden, berühmten Zeilen an Amenda nochmals auf dessen Brief eingeht,
stellen sie doch hauptsächlich eine eingehende Beschreibung seiner eigenen,
schwierigen Lage dar und dürfen auch als weiterer Beweis für die enge
Freundschaft mit Amenda gelten, da er außer ihm nur Wegeler über seinen
Gehörverlust schrieb:
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Beethoven an Carl Amenda in Wirben Vien den 1ten Juli [1801][1] mein lieber, mein guter Amenda, mein herzlicher Freund! mit inniger Rührung, mit gemischtem Schmerz und Vergnügen habe ich deinen lezten Brief erhalten und gelesen.[2] -- womit soll ich deine Treue deine Anhänglichkeit an mich vergleichen, o das ist recht schön, daß du mir immer so gut geblieben, ja ich weiß dich auch mir vor allen bewährt und herauszuheben, du bist kein Wiener-Freund, nein du bist einer von denen wie sie mein Vaterländischer Boden hervorzubringen pflegt, wie oft wünsche ich dich bey mir, denn dein B. lebt sehr unglücklich, im streit mit Natur und schöpfer, schon mehrmals fluchte ich lezterm, daß er seine Geschöpfe dem kleinsten Zufall augesezt, so daß oft die schönste Blüthe dadurch zernichtet und zerknikt wird, wisse, daß ich <den <für mich> bey> mir der[3] edelste<n> Theil mein Gehör sehr abgenommen hat, schon damals als du noch bey mir warst, fühlte ich davon spuren, und ich verschwieg's, nun ist es immer ärger geworden, ob es wird wieder können Geheilt werden, das steht noch zu erwarten, es soll von den Umständen meines Unterleibs <herrürhen> herrühren, was nun den betrift, so bin ich fast ganz hergestellt, ob nun auch das Gehör besser wird werden, das hoffe ich zwar aber schwerlich, solche Krankheiten sind die unheilbarsten, wie traurig ich nun leben muß, alles was mir lieb und theuer ist meiden, und dann unter so elenden Egoistischen Menschen wie die Zmeskal, Schuppanzig etc, ich kann sagen unter allen ist mir der Lichnowski der erprobteste, er hat mir seit vorigem Jahr 600 fl. ausgeworfen,[4] das und der gute Abgang meiner Werke sezt mich im stand ohne Nahrungssorgen zu leben, alles was ich jezt schreibe, kann ich gleich 4 5 mal verkaufen, und auch gut bezahlt haben -- ich habe ziemlich viel die Zeit geschrieben, da ich höre, daß du bey Z.[5] Klawiere bestellt hast, so will ich dir dann manches schicken in den Verschlag so eines Instruments, wo es dich nicht so viel kostet. -- jezt ist zu meinem Trost wieder ein Mensch hergekommen mit dem ich das Vergnügen des Umganges und der uneigennüzigen Freundschaft theilen kann, er ist einer meiner JugendFreunde,[6] ich habe ihm schon oft von dir gesprochen, und ihm Gesagt, daß seit ich mein Vaterland verlaßen du einer derjenigen bist, die mein Herz ausgewählt hat, auch ihm kann der Z.[meskall] nicht gefallen, er ist und bleibt zu schwach zur Freundschaft, ich betrachte ihn und S.[chuppanzigh] also bloße Instrumente, worauf ich, wenn's mir gefällt, spiele, aber nie können sie edle Werkzeuge meiner innern und äußern Thätigkeit, eben so wenig als wahre theilnehmer Von mir werden, ich taxire sie nur nach dem, was sie mir leisten. o wie glücklich wäre ich jezt, wenn ich mein vollkommenes Gehör hätte, dann eilte ich zu dir, aber so von alles muß ich zurückbleiben, meine schönsten Jahre werden dahin fliegen, ohne alles das zu wirken, was mir mein Talent und meine Kraft geheißen hätten -- traurige resignation zu der ich meine Zuflucht nehmen muß, ich habe mir Freylich vorgenommen mich über alles hinaus zu sezen, aber wie wird es möglich seyn? Ja Amenda wenn nach einem halben Jahre mein Uebel unheilbar wird, dann mache ich Anspruch auf dich, dann musst du alles Verlassen und zu mir kommen, ich reise Dann, (bey meinem spiel und Komposition macht mir mein Üebel noch am wenigsten, nur am meisten im Umgang) und du must mein Begleiter seyn, ich bin überzeugt mein Glück wird nicht fehlen, womit könnte ich mich jezt nicht messen, ich habe seit der Zeit du fort bist, alles geschrieben, bis auf opern und Kirchensachen, ja du schlägst mir's nicht ab, du hilfst deinem Freund seine sorgen sein übel tragen, auch mein Klavierspsielen habe ich sehr Vervollkommet, und ich offe diese Reise soll auch dein glück vieleicht noch machen, du bleibst hernach ewig bey mir Ich habe alle deine Briefe erhalten,[7] so wenig ich dir auch antworte, so warst du doch immer mir gegenwärtig, und mein Herz schlug so zärtlich wie immer für dich. -- <von> die Sache meines Gehörs bitte ich dich als ein großes Geheimniß aufzubewahren, und niemanden, wer er auch sey, anzuvertrauen. -- schreibe mir recht oft, deine Briefe, wenn sie auch noch so kurz sind, trösten mich, thun mir wohl und ich erwarte bald wieder von dir mein lieber einen Brief. -- dein Quartett[8] gieb ja nicht weiter, weil ich es sehr umgeändert habe, indem ich erst jezt recht quartetten zu schreiben weiß, was du schon sehen wirst, wenn du sie erhalten wirst.[9] -- Jez leb wohl lieber guter, glaubst du vieleicht, daß du zuerst davon Nachricht gieb[s]t deinem Treuen dich wahrhaft liebenden lv. Beethowen. v. Wien. An Herrn Herrn Carl Amenda. zu Wirben in Kurland. [Quelle: Ludwig van Beethoven Briefwechsel Gesamtausgabe, Band I, Brief Nr. 67, S. 84-87] [Original: Bonn, Beethoven-Haus, Sammlung Bodmer; zu [1] verweist laut GA darauf, dass die Jahreszahl bei bei Brief Nr. 65, der viele Gemeinsamkeiten mit dem vorliegenden Brief habe, aus dem Inhalt zu erschließen sei; zu [2]: verweist womöglich auf Brief Nr. 51; zu [3]: verweist darauf, dass laut GA "der" nachträglich eingefügt wurde; zu [4]: siehe Brief Nr. 65; zu [5]: laut GA ist das Initial eindeutig als "Z" zu lesen und verweist somit auf Nikolaus Zmeskall; zu [6]: verweist wohl auf Stephan von Breuning, siehe auch Brief Nr. 65, Anm. 8; zu [7]: verweist darauf, dass laut GA aus dieser Zeit nur Brief Nr. 51 erhalten sei; zu [8]: verweist darauf, dass Beethoven Amenda zu seinem Abschied eine Abschrift der ersten Fassung des Streichquartetts op. 18, Nr. 1, geschenkt hatte; zu [9]: verweist darauf, dass die Streichquartette, op. 18, laut GA vor und während der Veröffentlichung mehrfach überarbeitet worden sind; Einzelheiten s. 86-87 entnommen.] |
Den in diesem Brief enthaltenen
Hinweis auf op. 18 werden wir eingehender in unserer Entstehungsgeschichte
dieser Werkgruppe besprechen. Im Verlauf der Korrespondenz zwischen Amenda
und Beethoven ist nun festzustellen, dass wohl beide von den Aufgaben ihrer
mittleren Jahre so sehr beansprucht wurden, dass sie keine weitere Zeit zum
Austauch von Briefen fanden.
1815
Im Jahr 1815 fiel es zunächst Amenda zu,
zu versuchen, den Kontakt mit Beethoven wieder aufzuknüpfen:
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Carl Amenda an Beethoven Talsen den 20stn Maerz 1815. Mein Beethoven. Nach langem, schuldvollem Schweigen[1], nähere ich mich mit einem Opfer Deiner herrlichen Muse, daß sie Dich mit mir versöhne und Du Deines fast entfremdeten Amenda wieder gedenkest. -- -- O! jene unvergleichlichen Tage! da ich Deinem Herzen so nahe war, da dies liebevolle Herz und der Zauber Deines großen Talents mich unauflöslich an Dich feßelten! -- sie stehen in ihrem schönsten Lichte noch immer vor meiner Seele, sind meinem innigsten Gefühl ein Kleinod, das keine Zeit mir rauben soll. -- Aus Deinem Munde vernahm ichs damals zuweilen, wie Du Dir ein würdiges Sujet zu einer großen Oper wünschtest. Ich glaube Du hasts noch nicht gefunden. -- Nun siehe: ich biete Dirs jetzt! schicke Dir hier eine Oper[2], von der ich dreust zu behaupten wage, daß ihresgleichen noch nicht existirt. Darum aber sollst auch Du, und kein anderer sie componiren, das ist zugleich der Wunsch des trefflichen Dichters, meines herzlichen Freundes[3]. Diese Abschrift von seiner eignen Hand ist zwar fein, wie wär es aber sonst möglich gewesen eine ganze Oper und insbesondere mit dem Geiste des Ganzen vertraut: und Du wirsts bald geläufig lesen. Auch kannst Du Dir ja bald eine größere Copie davon machen lassen. Dann aber, Freund! geh bald ans Werk, und zeige der Welt auch hier was Beethoven vermag, wenn er con amore arbeitet. -- Du wirsts mit Vergnügen bemerken, wie dieser Text ganz mit musikalischer Rücksicht gearbeitet ist, wie einsichtsvoll die Scenen und alle Gesänge geordnet sind. Eins nur wird Dich vielleicht geniren: die ziemliche Länge des Stücks; die Dich wahrscheinlich nöthigen wird, einiges ohne musikalische Wiederholungen geradedurch zu componiren. Dagegen aber freue ich mich schon im Voraus, wie Du bey so manchen schönen Situationen von der Dir eignen Zartheit oder Kraft überströmen, wie Du den verschiedenen Grouppen charakteristische Haltung geben und endlich bey der großen Vollstimmigkeit und dem mancherley Mordspectakel die ganze Fülle der Harmonie zusammen nehmen wirst, die nur Dir in der Vollkommenheit zu Gebote steht. -- O könnte ich und mein treuer Berge, der gleichfalls Deiner großen Muse mit Verehrung huldigt, könnten wir doch bey dieser Arbeit zuweilen um Dich seyn, und so schon manches beym Entstehen mit Dir fühlen, mit Dir genießen! Sonst war ich einer dieser Glücklichen; der Würdigern wirst Du auch wohl jetzt nicht entbehren! Ich kenne das Bedürfniß Deines unbefangenen Herzens. Es ist: Vervollkommnung der Kunst! Nun, so liefre denn der Welt die erste der Opern! Bin ich doch glücklich genug daß Du dabey meiner gedenken wirst, und ich mich einst an dem Entzücken werde weiden können, mit welchem die Welt das Meisterwerk zweyer meiner herzlichsten Freunde ohnfehlbar aufnehmen wird. -- -- Schreibe mir nun bald, mein Beethoven! ich bitte Dich, recht bald, damit ich erfahre, ob Du diesen Brief, mit dem Dir gewiß wichtigen Einschlusse erhalten habest. Schreibe mir aber insbesondere, wenn auch nur mit wenig Worten, wie Dirs geht. Zwar bin ich bisher nicht ganz ohne Kunde von Dir gewesen. Zeitungen, Reisende, haben mir von Dir erzählt, Deine herrlichen Compositionen mir oft von Dir zum Herzen gesprochen: doch alles dies hat meine Sehnsucht nach eigenen Nachrichten von Dir nur vermehrt. -- Du leidest am Gehör? -- Armer Freund! wie sehr bedauere ich Dich! -- Sonst aber bist Du doch wohl? -- Du mußt es seyn; der Ruhm den Du noch jüngst mit Wellington getheilt,[4] verkündet es. -- -- Lebt unser gute[r] Zmeskall noch? Ich zweifle. -- Grüße gelegentlich unsre gemeinschaftlichen Freunde, besonders die Streichers. -- -- Ich führe noch immer das einfache Leben eines Landpfarrers, auf einem angenehmen Landsitze, an der Seite meiner guten Jeanette, im brüderlichsten Verein mit meinem herzlichen Freunde Berge, umgeben von einer kleinen Kinderwelt, von der fünf liebe Kinder die Meinen sind;[5] zwar nicht ganz frey von Sorgen, doch, Gott sey Dank! ziemlich glücklich und einer bessern Zukunft entgegensehend. -- Musikalischen Genuß hab' ich höchst selten, zuweilen noch in unserer Hauptstadt Mitau, wo ein vortreffliches Mädchen, Marianne von Berner[6] als Violinspielerin, unstreitig, der ersten Größe, glänzt. Dort hab' ich einst auch Baillot aus Paris gehört.[7] O! was ist doch die Violine für ein mächtig Instrument, wenn Baillots Seele aus ihr spricht! -- Nachdem ich Dich am letzten Abend bey Zmeskall spielen hörte,[8] bin ich von keinem Sterblichen wieder so gewaltig erschüttert worden als von Baillot. Er war damals in Wien gewesen, sprach mit Enthusiasm von Dir, spielte nichts lieber als Deine Sachen und gestand, daß er nur einmal, aber in großer Verlegenheit von Dir gespsielt habe.[9] Beglücke, lieber Beethoven! uns Violinspieler doch bald wieder mit Quartetten! -- -- Ich schließe, um unserm Freunde Berge noch Raum zu ein Paar Zeilen zu lassen, die er Dir über Euren Bachus schreiben will. -- Gottes bester Seegen über Dich, mein weig theurer Beethoven! -- -- Meine Addresse ist: H.[errn] Pastor Amenda zu Talsen im Curland. -- Freund Berge braucht mehr Raum, und nimmt ein eigen Blatt.[10] Dies Plätzchen gehört also noch mir. Ich benutze es zu der Frage: Wirst Du, mein Beethoven, nun nicht einmal große musikalische Reisen machen? Du bist der Welt durch Deine Werke längst bekannt; man sehnt sich überall Dich selbst kennen zu lernen; goldner Friede beglückt endlich wieder die Welt, u begünstigt überall die Musen. Du müßtest von Reisen großen Gewinn haben; sie würden, besonders bey Benutzung von Bädern, gewiß auch Deiner Gesundheit zuträglich seyn, und so wie einst bey Haydn, würden die guten Wiener auch bey deiner Rückkehr vom Auslande dich noch mehr schätzen lernen.[11] Und besuchtetst Du endlich auch den Norden, kämst auf einer Reise nach Petersburg durch Mitau u Riga; wie solltest Du da aufgenommen werden! Dann eilt' ich in Deine Arme, führte Dich auf einige Tage zu mir -- o ich Glücklicher! -- Dich, meinen innigst geliebten Beethoven in meinem Hause bewirthen! -- Ueberleg Dirs, Freund! nochmals -- Leb wohl! -- [Quelle: Ludwig van Beethoven Briefwechsel Gesamtausgabe, Band 3, Brief Nr. 791, S. 122 - 126] [Original: Berlin, Staatsbibliothek; zu [1]: verweist darauf, dass der Briefwechsel zwischen Beethoven und Amenda offenbar lange Zeit unterbrochen war und dass Amenda im Zusatz zu diesem Brief auch durch Graf Keyserling versucht habe, mit Beethoven wieder in Verbindung zu kommen; zu [2]: verweist auf das handschriftliche Libretto der großen lyrischen Oper Bacchus von Rudolf vom Berge, die diesem Brief beigefügt war; laut GA befindet sich dieses heute in Schindlers Nachlass in der Staatsbibliothek in Berlin; zu [3]: verweist auf Rudolf vom Berge (1775 - 1881), den Verfasser von Trauerspielen und Opernlibretti, der seit 1803 in Rußland lebte, wo er laut GA zuerst als Schauspieler, dann aber als Hauslehrer in den kurländischen Orgen Puhnen und Talsen tätig gewesen sei; zu [4]: verweist auf die erfolgreichen Aufführungen von "Wellingtons Sieg" op. 91 im Dezember 1813 und Januar/Februar 1814; zu [5]: verweist darauf, dass von den sechs Kindern, die Amenda mit seiner Frau Jeanette, geb. Benoit (1785 - 18440] hatte, noch fünf lebten; zu [6]: verweist auf die kurländische Violinistin Marianne von Berner; zu [7]: verweist auf den Violinisten und Komponisten Pierre Marie Francois de Sales Baillot [1771-1842], der auf dem Rückweg von einer dreijährigen Kunstreise durch Rußland 1803 in Mitau ein Konzert gegeben hatte; zu [8]: verweist darauf, dass Amenda Wien im Sommer 1799 verließ und dass Beethovens Abschiedsgeschenk, die Abschrift von op. 18, Nr. 1, den 25.6.1799 als Datum trage; zu [9]: verweist darauf, dass Baillot während einer Reise nach Moskau durch Vermittlung Anton Reichas 1805 in Wien mit Beethoven zusammentraf; zu [10]: verweist darauf, dass dieses Blatt nicht erhalten blieb; zu [11]: verweist auf Haydns Englandreisen von 1791/2 und 194/5; Einzelheiten S. 125-126 entnommen.] |
Dass Beethovens nachfolgende Zeilen
nicht als Antwort auf Amendas Brief zu erachten sind, geht aus deren Inhalt und
aus GA-Kommentaren hervor:
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Beethoven an Amenda in Talsen Vien am 12ten April 1815. Mein lieber guter Amenda[1]! Der Ueberbringer dieses Graf Keyperling[2] dein Freund besuchte mich, und erweckte das Andenken von dir in mir, du lebtest glücklich, du habest Kinder[3], beydes trift wohl bey mir nicht ein, zu weitläufig wäre es darüber zu reden, ein andermal, wenn du mir wieder schreibst hierüber mehr -- mit deiner patriarchalischen Einfalt fällst Du mir 1000 mal ein, und wie oft habe ich d.g. Menschen wie du um mich gewünscht -- allein zu meinem Besten oder zu andrer will mir das Schicksaal hierin meine Wünsche versagen, ich kann sagen ich lebe beynahe allein in dieser größten Stadt Deutschlands, da ich von allen Menschen, welche ich liebe lieben könnte, beynahe entfernt leben muß -- auf was für einem Fuß ist die Tonkunst bey euch? hast du schon von meinen großen Werken dort gehört? groß sage ich -- gegen die werke des allerhöchsten ist alles klein -- lebe wohl mein lieber guter A Denke zuweilen deines Freundes Ludwig van Beethowen. wenn du mir schreibst brauchts gar keiner [wei]tern* überschrift, [als]* meines Namens. An meinen Freund Amenda in Kurland. [Quelle: Ludwig van Beethoven Briefwechsel Gesamtausgabe, Band 3, Brief Nr. 803, S. 137-138] [Original: Riga, Zentrales Staatliches Historisches Archiiv der Republik Lettland; zu [1]: verweist darauf, dass der vorliegende Brief nicht als Antwort Beethovens auf Brief Nr. 791 zu sehen ist; zu [2]: verweist auf Archibald Graf Keyserling [1785 - 1855], preußischer Offizier, seit 1813 in Diensten des Fürsten Biron-Wartenberg in Kurland; zu [4]: verweist darauf, dass laut GA in Riga, der größten Stadt Lettlands seit 1803 die meisten größeren Werke Beethovens aufgeführt worden seien; Einzelheiten S. 137-138 entnommen.] |
Damit endet der Briefwechsel zwischen diesen beiden Freunden. Zum weitern Lebenslauf Amendas ist noch anzumerken, dass er (laut GA) seit 1821 der Kandauischen Diözese als Probst vorstand, 1830 zum Konsistorialrat ernannt wurde und 1836 verstarb. Seine Gattin Jeannette verstarb im Jahr 1844.
In unserer chronologischen Darstellung versuchten wir, unsere eigene Meinung zur gebotenen Information für die nachfolgende Zusammenfassung zurück zu behalten.
ZUSAMMENFASSUNG
In unserer Zusammenfassung und Kommentierung der hier gebotenen Information lädt uns zunächst Amendas Jenaer Theologiestudium von 1792 bis 1796 zur Frage dessen ein, welchen Eindruck er von dieser Zeit mit auf seinen weiteren Lebensweg genommen haben mag.
Unser Auszug aus der Liste berühmter Persönlichkeiten wirft zum Einen die Frage auf, ob Amenda mit seinem potentiellen Kommilitonen Ernst Moritz Arndt, der dort 1793/4 Theologie und Geschichte studierte, in irgendeiner Weise persönlich bekannt wurde. Andererseits erlaubt uns die Liste festzustellen, dass sich unter den berühmten Persönlichkeiten kein bedeutender Theologe befindet, der dort während dieser Zeit dozierte. Der Name Schillers mag vielleicht während Amendas Wiener Aufenthalt im Kreis Beethovens und Johann Andreas Streichers gefallen sein. In welchem Ausmaß jedoch Streicher in bezug auf seinen berühmten Dichterfreund "das Herz auf der Zunge" trug, bleibt jedoch bei dessen allgemeiner Bescheidenheit der Spekulation überlassen. Beethovens Kommentar aus seinem letzten Brief an Amenda, "mit deiner patriarchalischen Einfalt fällst Du mir 1000 mal ein, und wie oft habe ich d.g. Menschen wie du um mich gewünscht" lässt uns auch eher vermuten, dass Amenda sich in Jena auf sein Studium konzentriert haben mag als dass er sich während dieser Zeit eingehend in den Jenaer Kreisen umsah.
In bezug auf Amendas Wiener Anstellung im Mozart'schen Haushalt divergiert die in der GA enthaltene Information von der Beschreibung der persönlichen Erinnerungen Amendas und Thayers Information. Die GA beschreibt Amenda als Hauslehrer der Kinder der Witwe Mozarts, während die Amenda'schen Erinnerungen und Thayer ihn als Musiklehrer der Kinder beschreiben. "Ich lebe nur zwey Meilen von diesem Mädchen als -- Hofsmeister bey dem Hrn v Stromberg in Wirben auf dem Lande. Bin gewissenhafter in meinem Amte als ichs in Wien war, wäre es aber vieleicht eben so wenig wenn ich hier mein Mädchen so nahe hätte als dort meine Beethoven" schrieb Amenda 1800/01 an Beethoven und bezog sich damit auch auf seine Anstellung als "Hofsmeister" (Hauslehrer), die er nun gewissenhafter ausübe als seinen Posten in Wien. Dass seine Pflichterfüllung jedoch nicht allzu sehr gelitten haben kann, beweisen die folgenden Zeilen Franz Xaver Wolfgang Mozarts, der sich später als Musiker Wolfgang Amadeus nannte:
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"Lieber Amenda! Ich wünsche schon lange nichts sehnlicher, als eine Gelegenheit ihnen schreiben zu können, konnte aber noch keine finden; izt aber, da ich bey dem H.v. Streicher bin um mich ganz der Musik meinem Fache zu widmen, fand ich diese, bey Uebersendung Ihres Klavieres, auf welchem ich schon oft gespielt habe. Ich spreche oft mit H.v. Streicher und seiner Frau von ihnen, und habe vernommen, daß sie geheurathet und einen Sohn bekommen haben, welcher ihnen, wie ich wünsche, viel Freude machen wird. Ich bleibe ihr aufrichtiger Freund und ehemaliger Zögling Wolfgang Mozart" [Quelle: Ludwig van Beethoven Briefwechsel Gesamtausgabe, Band I, Brief Nr. 51, Anmerkung Nr. 5, in der die GA diesen Brief des Mozart-Sohnes Wolfgang als am 21.6.1801 entstanden beschreibt [als Quelle verweist die GA auf Ludwig NOhl, Beethoven, Liszt, Wagner, Wien 1874, S. 92]. Der Hinweis auf Amendas Heirat und die Geburt seines Sohnes läßt jedoch eventuell auf ein späteres Entstehungsdatum schließen] |
Die charmante, schriftlich niedergelegte Zusammenfassung der mündlichen Überlieferung der Familie Amenda an dessen Freundschaft mit Beethoven spricht so sehr für sich, dass dem wenig hinzuzufügen ist außer vielleicht der Vorsicht, mit welcher mündliche Überlieferungen zu genießen sind. Das nimmt ihnen aber nichts von ihrem grundlegend angenehmen, positiven Charakter. Wir können diese jedoch durch einen Blick auf Beethovens eigene Kommentare aus dieser Zeit ergänzen, die zum Einen zeigen, dass er, wie in seinen kurzen Zeilen an Zmeskall, Amendas musikalische Fähigkeiten realistisch einzuschätzen wusste, zum anderen jedoch hauptsächlich, dass er Amendas Zuneigung in dem Maße erwiderte, dass er ihm zum Abschied eine Abschrift von op. 18/1 mit Widmung schenkte. Zu Beethoven Situation kann noch ergänzend hinzugefügt werden, dass er, wie er im Jahr 1801 an Amenda schrieb, bereits zur Zeit, als Amenda noch in Wien weilte, Anfänge seines Gehörverlustes spürte.
Amendas Rückruf in seine Heimat zeigt, dass er als zweitgeborener Sohn wohl zunächst einige Freiheit genießen konnte und dies im Rahmen seiner Möglichkeiten und seiner Persönlichkeit auch auf angenehme und angebrachte Weise tat.
Um uns einen möglichst gründlichen Begriff von Amendas Situation und seiner ersten Korrespondenz an Beethoven in den Jahren 1800/01 zu machen, werfen wir am besten einen Blick auf seine Lebensdaten der Jahre 1799 - 1802:
1.
Im Herbst 1799 kehrte er in seine Heimat zurück;
2. Wie wir aus unserer chronologischen Zusammenstellung einschließlich der relevanten Korrespondenz
wissen, hatte Amenda sich zu dem Zeitpunkt, zu dem er Beethoven seinen langen Brief von 1800/01 schrieb,
(a) bereits gut in seine neue Verantwortung als Hauslehrer in Wirben
eingelebt, und
(b) bereits die Bekanntschaft der jungen Genferin Jeanne Benoit gemacht;
3. Aus dem Material unserer chronologischen Betrachtung geht auch hervor, dass er im Jahr 1802,
kurz vor dem Antritt seines Pastorenamts in Talsen, Jeanne Benoit heiratete.
Es mag Ihnen vielleicht auf den ersten Blick als eine Abschweifung erscheinen, wenn wir hier Ihr Augenmerk auf relevante Daten aus dem Leben von Friedrich Nietzsches Vater zu seiner Pastorenlaufbahn lenken wollen. Nachdem Sie sich jedoch mit dieseer Information zum Beginn der Pastorenlaufbahn von Nietzsches Vater vertraut gemacht haben, wird Ihnen klarer werden, warum wir darauf verwiesen. Wir wollten Sie auf den fast unweigerlich ähnlichen Verlauf des Beginns einer lutherischen Pastorenlaufbahn im vorindustriellen Zeitalter aufmerksam machen.
Interessant ist hier auch, zu bemerken, dass die Wahl einer Stelle als Hauslehrer einen Ausweg zum sofortigen Antritt einer Vikarstelle bot. Von dieser Möglichkeit machte zum Beispiel Friedrich Hölderlin bewusst Gebrauch. Die deutsche Literaturgeschichte weiss auch noch vom Zögern eines weiteren Anwärters auf diese Berufslaufbahn, dem Autoren unserer hier in englischer Sprache wiedergegebenen Novelle, Mozart auf der Reise nach Prag, Eduard Mörike, zu berichten.
In bezug auf Karl Friedrich Amenda ist jedoch zu bemerken, dass dieser wohl damit rechnete, als zweitgeborener Sohn "in ferner Zukunft" einmal diese Laufbahn einschlagen zu müssen, dass er sich jedoch damit einige Zeit lassen konnte. Der Tod seines Bruders rückte dann den "Ernst des Lebens" sehr abrupt in seine unmittelbare Nähe.
Wenn wir dies richtig bedenken, wird uns auch der Stil seines langen Briefs an Beethoven klar und auch, dass dieser nicht, wie Thayer (S. 223) bemerkt, "filled with incense which in our day would bear the name of almost too gross flattery" (voll Weihrauch, der heute als beinahe zu ekelhafte Schmeichelei bezeichnet würde) ist, sondern in Anbetracht von Amendas Situation verständlich wird. Dabei müssen wir natürlich auch davon ausgehen, dass der Briefstil zwischen Freunden des romantischen Zeitalters am Ende des 18. und am Anfang des 19. Jahrhunderts bereits allgemein viel weniger nüchtern als unser moderner Briefstil zwischen Freunden war.
In seinem langen Brief an Beethoven versucht Amenda unter Anderem, seine nun unwiederbringlich vergangene Jugend in lebendiger Erinnerung zu behalten. Können wir ihm das übel nehmen, wenn wir bedenken, welchen Umgang er in Wien pflegen konnte? Hatte er doch auch erkannt, dass sein wichtigster Wiener Freund, Beethoven, "kein gewöhnlicher Mensch" war, was wir aus unserer heutigen Sicht so verstehen können, dass hier ein feinfühliger, musikalischer, im Vergleich zu Beethoven jedoch immer noch als "gewöhnlich" zu erachtender Mann wie Amenda die Natur dieses außergewöhnlich begabten Musikers und Komponisten richtig einzuschätzen wusste und daraus die Erkenntnis gewann, dass dieser außergewöhnlich Begabte in seinem eigenen Leben nicht den "gewöhnlichen" Lebensweg gehen konnte, sondern dass er sich mit seinen ureigensten Lebensbedingungen in der nur ihm gemäßen Art auseinanderzusetzen hatte.
Die "Kehrseite" dieser "Medaille", Beethovens kurzer Brief an Amenda (Brief Nr. 66) aus dem Jahr 1801, zeigt uns, dass Beethoven Amendas Gefühle voll und ganz erwiderte, diese jedoch für sich angemessen einzuordnen wusste: "unter den zwei Menschen, die meine ganze Liebe besaßen, und wovon der eine noch lebt,[2] bist Du der Dritte -- nie kann das Andenken an Dich mir verlöschen . . ."
Beethovens langer "Bekenntnisbrief" an Amenda (Brief Nr. 67) zeigt uns wiederum, dass er seine Hochschätzung Amendas als einen seiner engsten Freunde dadurch beweist, dass er ihm, wie Wegeler, sein Herz ausschüttet über seinen Gehöverlust und auch darauf vertraut, dass Amenda dieses Geheimnis für sich behalten kann.
Wenn wir davon ausgehen, dass die Beethovenforschung richtig geht in der Annahme, dass Beethoven und Amenda zwischen 1801 und 1815 keine Briefe austauschten, stehen wir vor der Tatsache, dass Amenda auf Beethovens Brief nicht antwortete.
Wie wir das beurteilen werden, hängt sehr davon ab, ob und in welchem Ausmaß wir zum Einen Beethovens in diesem Brief auch geäußerten Wunsch nach Amendas Rückkehr und Zuwendung als wortwörtlich erachten und wie wir diesen geäußerten Wunsch in Beziehung setzen zu Amendas bereits vorgezeichnetem weiteren Lebensweg, dessen Unabwendbarkeit er in seinem langen Brief an Beethoven ebenfalls zur Sprache brachte: "Ach, warum verlangte mein Schicksaal so viel Aufopferung von mir! . . . Aber wahrscheinlich ist mein Loos geworfen, ich hier vielleicht auf immer gefesselt. . . . "
Die zwei so verschiedenen weiteren Lebenswege der Freunde, also des feinfühligen, musikalischen Pastoren Amenda auf der einen Seite und Beethovens auf der anderen Seite, liefern uns starke Argumente dafür, warum beide von ihren jeweiligen Lebensaufgaben so sehr in Anspruch genommen wurden, dass die Aufrechterhaltung ihres Kontakts darunter litt.
In welchem Ausmaß sich beide nun tatsächlich in ihrem jeweiligen Alltagsleben voneinander entfernt hatten, beweisen Amendas Versuche seiner Kontaktaufnahme mit Beethoven im Jahr 1815. Durch den Kontaktverlust konnte er nicht mehr "wissen", mit "wem" er es (nun eigentlich) zu tun hatte, wenn er an Beethoven als Künstler dachte: ihm ist jener junge Beethoven in Erinnerung, der sich noch der Hoffnung hingab, "eines Tages" einen würdigen Stoff für eine Oper zu finden und der vielleicht aufgrund ihres Erfolgs dann in der Lage sein würde, weitere große Opern komponieren zu können. Amenda hatte ja Beethovens Kampf um "seine Leonore" in den Jahren 1805 und 1806 nicht miterlebt, und auch nicht seinen zweiten Kampf um die Revision des "Fidelio" im Jahr 1814. Ob er im Kurland des Jahres 1815 überhaupt etwas von "Fidelio" wusste oder nicht, können wir nicht mit Sicherheit feststellen. Diese Autorin neigt eher zur Ansicht, dass dies nicht der Fall war. Wie hätte er es sonst "gewagt", Beethoven das Libretto seines Freundes Rudolf vom Berge anzubieten?
Amenda hatte wohl auch Schwierigkeiten, sich einen Begriff von Beethovens Gehörverlust zu machen, so dass er über das allgemeine, menschliche Mitgefühl hinaus nicht viel dazu zu sagen hatte. Sehr ehrlich und herzlich wirkt auf alle Fälle seine persönliche Einladung an Beethoven.
Beethovens letzte Zeilen an Amenda (Brief Nr. 803) drücken in sehr lakonischer Weise seine Erkenntnis aus, dass er "tatsächlich" kein "gewöhnlicher" Mensch ist, der sich den Luxus eines "gewöhnlichen Lebens" leisten konnte. (Beethovens bald eintretendem "Lebensirrtum", dass ihm seine Pflichterfüllung als Vormund seines Neffen zumindest auf irgendeiner Ebene "emotionale Belohnung" bringen werde, müssen wir--Gott sei Dank!--in diesem Zusammenhang nicht weiter diskutieren!)
Schließen wir unsere Zusammenfassung mit den Schlußworten aus diesem Brief: "hast du schon von meinen großen Werken dort gehört? groß sage ich -- gegen die werke des allerhöchsten ist alles klein -- lebe wohl mein lieber guter A Denke zuweilen deines Freundes . . . Ludwig van Beethowen".
SCHLUSS
Wir hoffen, Ihnen mit unserem Blick auf Beethovens Freundschaft mit Karl Friedrich Amenda viel Lesevergnügen bereitet zu haben und freuen uns, bei passender Gelegenheit eine weitere Betrachtung folgen zu lassen.
QUELLENANGABEN
Ludwig van Beethoven. Briefwechsel Gesamtausgabe. [6 Bände] Im Auftrag des Beethoven-Hauses Bonn herausgegeben von Sieghard Brandenburg. München: 1996. G. Henle Verlag.
Thayer's Life of Beethoven, edited by Elliott Forbes. Princeton: 1964. New Jersey Princeton University Press.