BEETHOVENS KINDHEIT
1770 - 1881



Ludwig van Beethoven wurde am 17. Dezember 1700 in der katholischen Pfarrkirche St. Remigius getauft.  Sein genaues Geburtsdatum steht nicht fest*.  Es mag der 15. oder 16. Dezember gewesen sein.  Zu dieser Zeit wohnten die Beethovens in einer Mansardenwohnung in der Bonngasse**.

 



Das Beethovenhaus in Bonn

*Zu diesem Punkt sollten vielleicht die Ansichten zweier wichtiger Beethoven-Biografen erwähnt werden, nämlich die Maynard Solomons und die Barry Coopers.  Solomon vertritt die Auffassung, dass der Schmerz, den der Tod seines nur sechs Tage nach der Geburt verstorbenen älteren Bruders Ludwig Maria seinen Eltern bereitet hatte, auch noch Beethovens Kindheit überschattete und dass er allein schon aus diesem Grund, vielleicht aber auch aus dem Grund, die Vaterschaft seines weniger talentierten, strengen Vaters innerlich zu verleugnen, sozusagen mit diesem Bruder den Platz tauschen wollte (er hielt sich Solomons Auffassung zufolge zeitlebens mindestens für zwei oder sogar noch mehrere Jahre jünger, als er tatsächlich war und soll darauf bestanden haben, dass seine eigene, ihm bei mehreren Gelegenheiten von seinen Bonner Freunden besorgte Geburtsurkunde aus dem Jahr 1770 die seines älteren Bruders sein müsse -- Solomon: 3-4, 21, 23, 155, 276-77).  Barry Cooper konzentriert sich dagegen auf eine vordergründigere Erwägung, nämlich auf die, dass Beethoven aller Wahrscheinlichkeit nach am 16. Dezember geboren sein muss, und zwar eher gegen Ende als zu Anfang dieses Tages, wenn man in Betracht zieht, dass es damals der Brauch war, Säuglinge spätestens 24 Stunden nach ihrer Geburt zu taufen  (Cooper:  3).

**Heute dient Beethovens Geburtshaus, als Beethovenhaus bekannt, sowohl als Forschungsstätte (mit dem Beethoven-Archiv) als auch als von Touristen besuchtes Museum, das als Digitales Beethovenhaus seinen Besuchern, aber auch der weltweiten Beethovenforschung im Internet, neue Betrachtungsmöglichkeiten bietet.

Von seinem Großvater erhielt sich Beethoven zeitlebens das allerbeste Andenken, das seine Mutter dadurch bilden half, dass sie ihn ihrem Sohn gegenüber im Vergleich zu seinem strengen, weniger begabten Vater im günstigsten Licht erscheinen ließ.  Hierbei ist zu bedenken, dass Beethoven erst wenige Tage vor dem Tod seines Großvaters am 25. Dezember 1773, nämlich um den 16. Dezember 1773, drei Jahre alt wurde und dass daher das Bild seines geachteten Großvaters auf alle Fälle durch die Erinnerungen und Erzählungen seiner Eltern wesentlich mitgeprägt wurde.

Den ersten Musikunterricht erhielt Beethoven durch seinen Vater, als er etwa vier oder fünf Jahre alt war***.

***Hierzu erinnerte sich Beethovens Bonner Freund, Franz Gerhard Wegeler, an  "the doings and sufferings of our Louis" (die Tätigkeiten und Leiden unseres Louis) vom Fenster des Hauses einer befreundeten Familie aus.  Dort mag er wohl den etwas untersetzten kleinen Burschen mit seinem wirren, dunklen Haar und seinen ausdrucksvollen Augen beobachtet haben, als er -- auf einen Schemel kletternd, damit seine Hände das Klavier erreichen konnten -- die ihm von seinem Vater aufgetragenen Übungen durchführte und dabei oft in Tränen ausgebrochen sein soll.

Das Ziel, das Beethovens Vater mit dieser Ausbildung anfänglich verfolgt haben mochte, war wohl das, aus seinem Sohn ein zweites Wunderkind wie Mozart heranzubilden. Aus Johann van Beethovens Ankündigung des Konzerts am 26. März 1778 in Köln, bei dem sowohl sein Sohn als auch seine Gesangsschülerin Helene Averdonk auftrat, erfahren wir, dass er ihn darin als seinen "kleinen sechsjährigen" Sohn angekündigt hatte.

 



Johann van Beethovens Anzeige
zum Kölner Konzert vom 26. März 1778

 

Aus dieser Anzeige geht auch hervor, dass der kleine Ludwig zuvor bereits den Bonner Hof durch sein Klavierspiel erfreut hatte.  Aus der Tatsache, dass diesem Konzert keine weiteren folgten, können wir vielleicht zwei Schlüsse ziehen:

Die Neuheitswirkung des Wunderkinderphänomens war zu dieser Zeit wohl bereits wieder verblasst;

Der kleine Ludwig war wohl ein begabter junger Klavierspieler, aber kein Wunderkind wie Mozart.

Bevor wir uns mit der weiteren musikalischen Ausbildung Beethovens während seiner Kindheit befassen, sollten wir vielleicht einen Blick auf sein Familienleben und auf seinen Schulbesuch werfen.  Wegeler berichtet, dass Beethoven sehr an seiner sanften, aber ernsthaften Mutter hing, aber weniger an seinem strengen Vater.  Er besuchte die öffentliche Schule nur für etwa vier bis fünf Jahre, nämlich das Bonner Tirocinium, an dem er die Grundlagen des Rechnens, der deutschen Sprache und der lateinischen Sprache erlernen sollte.  Herr Wurzer, der spätere Bezirksgerichsvorsitzende von Koblenz, der damals Beethovens Klassenkamerad war, erinnerte sich später daran, dass Beethoven dem Unterricht nicht aufmerksam folgte, sondern währenddessen seinen eigenen Träumen nachhing, und dass er oft ungekämmt und schmutzig erschien. Die Fischer-Familie, in deren Haus die Beethovens für einige Jahre wohnten, wusste zu berichten, dass Beethoven selten mit seinen Altersgenossen spielte, sondern sich eifrig mit seinen Musikstudien beschäftigte und niemandem erlaubte, sich darüber lustig zu machen.  Auf der anderen Seite erwischte Frau Fischer den Jungen jedoch auch dabei, als er zusammen mit seinem Bruder Caspar Carl Hühnereier gestohlen hatte und als er dazu herzhaft lachte.

Als Beethoven acht Jahre alt wurde, gelangte sein Vater wohl zu der Überzeugung, dass er seine weitere musikalische Ausbildung in die Hände anderer Lehrer legen sollte. Wir finden Beethoven daher bald in verschiedenen Ausbildungssituationen:

Zuerst wandte sich Johann an den Bonner Hoforganisten, den alten Flamen van den Eeden.  Dieser mag jedoch bereits zu alt gewesen sein, um auf lange Sicht als Ludwigs Lehrer in Betracht zu kommen;

In Bezug auf seine Ausbildung an der Orgel traf der Junge bald eigene Vorkehrungen.  So finden wir ihn bald dabei, als er an verschiedenen Bonner Kirchen frühmorgens den Messedienst versah*.

Der Sänger Tobias Friedrich Pfeiffer, der mit der Grossmann und Helmuth'schen Theatergruppe 1779 nach Bonn gekommen war und sich bald mit Johann van Beethoven anfreundete, war auch ein erfahrener Pianist.  Deshalb wurde beschlossen, dass er Ludwig Klavierunterricht geben sollte.  Dieser fand dann oft spät in der Nacht statt, nachdem Pfeiffer und Johann van Beethoven von ihren Wirtshausbesuchen zurückkehrten und dabei in ihrem angeheiterten Zustand den in tiefen Schlaf versunkenen Ludwig aufweckten und mit viel Lärm ans Klavier zerrten.**.

Vom ethischen Standpunkt aus eignete sich wohl Beethovens Onkel mütterlicherseits, der junge Bonner Hofgeiger Franz Rovantini, besser als Musiklehrer für Ludwig.  Er unterrichtete ihn im Violin- und Bratschenspiel.  Dieser Unttericht kam jedoch bald zu einem jähen Ende, als der nur 24-jährige Rovantini im September 1771 an einer Infektionskrankheit starb***.

*Zu diesem Zweck musste Ludwig allerspätestens um 5.30 morgens das Haus verlassen.  Es wäre also leicht möglich gewesen, dass der Junge oft seiner Mutter und ihrer Pflege entwischte und nachher, um etwa 7.30 bis 8 Uhr, ungekämmt und schmutzig in der Schule erschien.

**Spätestens zu dieser Zeit hatte sich Johann van Beethoven mit dem Alkohol näher angefreundet.

***Anlässlich seines Todes besuchte später eine Kusine Maria Magdalena van Beethovens, die als Kindermädchen in Rotterdam arbeitete, das Grab Rovantinis und ihre Verwandten in Bonn. (In unserem nächsten Abschnitt werden wir Barry Coopers Bericht zu Beethovens Hollandreise diskutieren, die, wie sich inzwischen herausstellte, nicht 1781 (wie noch in der Ausgabe von Thayer-Forbes aus dem Jahr 1964 angenommen) stattfand, sondern später).

In einer zusammenfassenden Betrachtung von Beethovens musikalischer Ausbildung während seiner Kindheit kann man zu dem Schluss gelangen, dass Johann van Beethoven, sobald er einsah, dass er seinen Sohn nicht als Wunderkind herumreichen konnte, sehr bald dazu überging, ihn so schnell wie möglich zum musikalischen "Zweitverdiener" der Familie heranzubilden. Solomon vertritt die Auffassung, dass Beethoven dies seinem Vater übelnahm, dass er aber auch, wenn auch auf einer anderen, tieferen Ebene, seine Mutter ablehnte, die diese Familienzustände erduldete und keinen aktiven Widerstand dagegen leistete.  Zu ihrer Verteidung sollte angeführt werden, dass sie von schwacher Gesundheit war, vielleicht schon an einem Anfangsstadium der Tuberkulose litt und trotzdem versuchte, das knappe Familieneinkommen durch Handarbeiten aufbessern zu helfen, und dass sie viele Kinder gebar, von denen neben Ludwig nur seine Brüder Caspar Carl (1774 geboren) und Nikolaus Johannes (1776 geboren) überlebten.

Was wir in Bezug auf Beethovens Kindheit abschließend noch feststellen können ist, dass diese endete, als er das Bonner Tirocinium verließ und im Alter von zehn oder höchstens elf Jahren als unbezahlter Musiklehrling in den Dienst des Bonner Hofs trat.

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