BEETHOVENS DRITTE SYMPHONIE
ENTSTEHUNGSGESCHICHTE
WEITERE AUFFÜHRUNGSGESCHICHTE ZU BEETHOVENS LEBZEITEN


 



Theater an der Wien
 


EINLEITUNG

Während wir am Ende des letzten Abschnitts auf die wachsende Einsicht der Kritiker zu sprechen kamen, haben wir in dieser Betrachtung vielleicht Gelegenheit festzustellen, inwiefern Beethoven selbst noch an weiteren Aufführungen der Eroica zu seinen Lebzeiten beteiligt war und welches Schicksal diese Aufführungen in den Händen anderer hatten.

Sowohl Thayer (S. 470-471) als auch Solomon (S. 150) kommen auf eine Aufführung des Werks im Jahr 1809 zu sprechen.  Aus unseren Biographischen Seiten und aus einigen Entstehungsgeschichten werden wir uns daran erinnern, dass der Frühling und Sommer dieses Jahres die Besetzung durch Napoleon mit sich brachte.  Wie sich diese auf das Theaterleben auswirkte, beschreibt Thayer wie folgt:

"During the French occupation the ordinary performances of both Court Theatres were given in the Kärtnerthor.  At the Burg--the real Court Theatre, forming, indeed, a part of the Imperial residence--after being closed some weeks, a French company opened on the 18th of July, played for a time alternately with a German one, and then held--as if in bitter irony--exclusive possession of the stage.  Was not Vienna a French city:  The Burg a French palace?  Did not Napoleon's eagle head the Wiener Zeitung?  At Schönbrunn the theatre was devoted almost exclusively to Italian opera and ballet, for the amusement of the French Court" (Thayer: 470-471; --

-- Thayer schreibt hier, dass während der französischen Besatzung im Jahr 1809 regelmäßige Vorstellungen beider Hoftheater im Kärtnertortheater stattfanden, während im "wirklichen" Hoftheater, dem Burgtheater, nach dessen anfänglicher Schließung für etliche Wochen eine französische Theatergruppe am 18. Juli zum erstenmal im Wechsel mit einer deutschen Gruppe auftrat, jedoch "ironischerweise" das Theater bald zu monopolisieren begann.  Nach Thayers Bericht widmete sich dieses Theater nun fast ausschließlich der italienischen Oper und dem Ballett, was dem französischen Geschmack entsprach).

Was geschah jedoch auf dem Gebiet der Instrumentalmusik?  Wie Thayer berichtet, wollte der Theaterleiter Hartl eine neue Wohltätigkeitsinitiative ins Leben rufen und hat dazu "wie gewöhnlich" auch mit der Hilfe Beethovens gerechnet.  Er hat ihn wohl gebeten, in einem Benefizkonzert für diese Initiative das eine oder andere seiner Werke selbst zu dirigieren.   Dabei mag Hartl wohl auch mit der finanziellen Unterstützung der Besatzung für mindestens ein Benefizkonzert für die Schauspieler und ihre Familien gerechnet haben.  Da am 8. September, dem "Geburtstag" der Jungfrau Maria, die Hoftheater geschlossen sein würden, wählte er diesen Tag für das Konzert.  Das Programm, berichtet Thayer, sei leider verlorgen gegangen.  Jedoch habe es als eine "Nummer" die Sinfonia Eroica unter dem Dirigat Beethovens enthalten.  Thayer fragt sich, ob Beethoven gerade diese Symphonie wählte, um Napoleon damit zu ehren und dass, falls dies seine Motivation gewesen sei, seine Rechnung nicht aufging, da Napoleon tags zuvor von Schönbrunn nach Krems und Melk unterwegs gewesen sei.  Andererseits, so Thayer, mag Beethoven vielleicht dieses Werk aus bitterem Sarkasmus gewählt haben.   

Wien sollte fast ein weiteres Jahrzehnt auf die nächsten uns überlieferten Aufführungen des Werks zu warten haben.  Dazu berichtet Thayer:

"On October 19, 1819, a new concert series was started, soon to be known as the Concerts spirituels.  Its founder was Franz Xaver Gebauer (1784-1822), choir director at the Augustinian church.  His idea was to enlarge the choir rehearsals into meetings of music-lovers in which was performed not only a choral work in preparation for the next feast day but also a whole symphony.  Concerning the founding of these concerts, Mosels writes in the Vienna Allg. Mus. Zeitung (April 5, 1820) that "musical jugglery has taken the place of sensitive performance, everywhere the symphonies of Mozart, Haydn, Beethoven have disappeared--Now Herr Gebauer makes the proposal to  form a special society of a moderate number to bring to performance only symphonies and choruses excluding all virtuoso music (Concertmusik) and bravura singing."  These concerts were on the one hand more strict in program than those at the Gesellschaft (55) and on the other hand more faulty in performance since the performers were amateurs reading at sight.  In the 18 concerts of the first season (1819/20) were performed Beethoven's first four symphonies, . .  . " (Thayer: 771; -- 

-- Thayer berichtet hier, dass am 19. Oktober 1819 in Wien eine neue Konzertreihe ins Leben gerufen wurde, die bald als Concerts spirituels bekannt werden sollte. Ihr Gründer sei Franz Xaver Gebauer (1784 - 1822), der Chorleiter der Augustinerkirche, gewesen.  Seine Idee sei es gewesen, die Chorproben zu Treffen der Musikliebhaber auszubauen, in denen nicht nur Chorwerke für den nächsten Feiertag geprobt wurden, sondern auch eine ganze Symphonie.  Thayer geht dann auf den Bericht Mosels in der Wienner Allg. Mus. Zeitung vom 5. April 1820 ein, in dem jener zum Ausdruck gebracht habe, dass "musikalisches Gauklertum feinfühlige Vorstellungen ersetzt haben und dass die Symphonien Mozarts, Haydns und Beethovens verschwunden seien--Nun macht Herr Gebauer den Vorschlag, eine besondere Gesellschaft einiger [Musikliebhaber] zu gründen, um ausschließlich Symphonien und Chorwerke, jedoch keine Virtuosenmusik und keinen Bravuragesang aufzuführen."  Diese Konzerte, berichtet Thayer weiter, seien einerseits "ernster" in ihrer Programmauswahl gewesen als jene der Gesellschaft [der Musikfreunde], andererseits aber auch fehlerhafter in der Durchführung, da es sich bei den Musikern um Laien handelte, die vom Blatt lasen.  In den 18 Konzerten der ersten Saison seien Beethovens erste vier Symphonien aufgeführt worden).

"Of the performances of Beethoven's music during the year, the following should be mentioned.  At the concerts of the Gesellschaft der Musikfreunde the Eroica was performed on February 20, . . . " (Thayer: 770;  --

-- Thayer verweist hier auch auf ein Konzert der Gesellschaft der Musikfreunde am 20. Februar 1820, bei dem Beethovens Eroica aufgeführt wurde).

Auch Solomon (S. 267) geht auf die Konzerte der "Gesellschaft" ein und erwähnt, dass in dieser Saison Beethovens Dritte, Fünfte und Achte Symphonie zur Aufführung gelangten.  

Aus unseren Biographischen Seiten und aus anderen Entstehungsgeschichten sind wir auch bereits mit dem Schicksal des Wiener Musiklebens während der Zeit der politischen Veränderungen nach dem Wiener Kongress vertraut.  Aus diesem Grunde sollte uns Thayers Bericht über die Concerts spirituels und deren Bestrebungen nicht verwundern.  Was uns auch klar sein wird ist, dass Beethoven um 1820 wohl nicht mehr selbst das Dirigat übernahm. 

Es sind wiederum Thayer (S. 969-970) und Solomon (S. 270), die auf eine weitere Aufführung der Eroica zu Beethovens Lebzeiten hinweisen, nämlich auf jene vom 27. November 1825, also einer Zeit, in der Beethoven mit der Komposition seiner letzten Streichquartette beschäftigt war.

Was uns diese kurze Betrachtung der weiteren Aufführungen der Dritten Symphonie zu Beethovens Lebzeiten auch zeigen kann ist, dass der direkte Einfluss eines Komponisten auf sein Werk, und sei es als bereits etwas schwerhöriger Dirigent, dem Einfluss der Rezeption des Werks durch seine Hörer, aber auch dem der gesellschaftlichen Entwicklung der Zeit, unterlegen ist und von diesen Einflüssen weiter getragen wird.

Bevor wir uns aber damit befassen, wie sich solche Einflüsse  im Laufe der Jahrhunderte auf die Musikkritik unserer Tage ausgewirkt haben mag, sollten wir uns zunächst mit dem musikalischen Inhalt der Symphonie befassen.

 

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