BEETHOVENS DRITTE SYMPHONIE
ENTSTEHUNGSGESCHICHTE
CHRONOLOGIE ZU BEETHOVENS LEBENSUMSTÄNDEN (1804 - 1806)


 



Beethoven um 1804
 


EINLEITUNG

 

Angesichts der Reichhaltigkeit des Themenkreises der Dritten Symphonie und der hier gewählten, verzweigten Darstellungsweise bedauert die Vermittlerin derselben jedoch, dass sich die auf der Eroica-Startseite jeweils zu einem Tryptichon zusammengefassten Einzelteile besonders hier--im Falle der Uraufführungsgeschichte, der Veröffentlichungsgeschichte und Beethovens allgemeiner Lebensumstände dieser Zeit--nicht auch als Texte auf dem Bildschirm nebeneinander präsentieren lassen, denn dadurch würde uns besonders hier sehr klar werden, auf welche Weise Beethovens allgemeine Lebensumstände die Mitte dieses Tryptichons bilden, ohne dass auf die Hervorhebung der jeweiligen gesonderten Chronologien verzichtet werden muss.  In diesem Sinne stellen wir es jedem Leser anheim, sich die Verflechtung dieser drei Einzelteile durch die hier gebotene Darstellung so gut wie möglich selbst vor Augen zu halten.

In diesem Zusammenhang darf hier vorab darauf hingewiesen werden, dass sich demjenigen deutschsprachigen Leser, der mit der Beethoven-Vita bereits etwas vertraut ist, in Klaus Kropfingers Tabelle zum Leben Beethovens in seinem Beethoven-Buch aus dem Jahr 2001 die bisher kompakteste Zusammenfassung aller Einzelheiten auf einen Blick bietet.  Auch hier haben wir diese Tabelle zur Bestätigung von Einzelheiten zu Rate gezogen, wollen uns aber in bezug auf die Jahre 1804 - 1806 in Beethovens Leben auf das beschränken, was im Hinblick auf unsere hier gebotenen Sonderchronologien zu einem verständlichen Gesamtbild verschmilzt.  Zur Erarbeitung unserer Lebenschronologie dieser Jahre standen uns, wie immer, die Werke aller von uns zu Rate gezogenen biographischen Beethoven-Autoren als Quellen zur Verfügung. 

In unserem Mittelteil des Tryptichons werden wir in bezug auf die Erarbeitung eines Gesamtbildes so vorgehen, dass wir Ihnen zum Einen interessante Einzelheiten aus seinen allgemeinen Lebensumständen bieten, diese aber auch mit Einzelheiten aus bereits erarbeiteten Seiten zu diesem Thema verbinden, so dass wir uns dann nach dieser Seite der sehr verästelten Veröffentlichungsgeschichte so gut vorbereitet wie möglich zuwenden können.

 

DAS JAHR 1804

 

Aus unserer Entstehungsgeschichte der Eroica wissen wir, dass Beethoven mit deren endgültiger Überarbeitung Anfang 1804 zurande gekommen war. 

In bezug auf Beethovens in diesem Jahr später auflebende Freundschaft zur Witwe Josephine von Deym sei hier erwähnt, dass ihr Gatte, Graf Joseph von Deym, am 27. Januar 1804 starb und sie als Witwe mit mehreren Kinder hinterließ, deren letztes zu dieser Zeit noch 'unterwegs' war.

Wie Thayer berichtet, wohnte Beethoven zu dieser Zeit, zumindest offiziell, noch in seiner Dienstwohnung im Theater an der Wien.  Dort war er zu dieser Zeit auch mit seiner Leonoren-Arbeit zumindest so lange beschäftigt, bis sie durch den Verkauf des Theaters im Winter 1804 zunächst unterbrochen wurde und er sich auch nach einer neuen Wohnung umsehen musste.

Wie Thayer weiterhin berichtet, mietete Beethoven zunächst einige eigene Räume im sogenannten Rothen Haus im Alsergrund, wo sein Freund Stephan von Breuning seinen ständigen Wohnsitz hatte.  Nach einiger Zeit soll sich Beethoven dann jedoch darüber klar gewesen sein, dass er sich Geld und Zeitaufwand ersparen würde, falls er ganz mit von Breuning zusammenzöge und soll dann seine eigene Wohnung aufgegeben haben, um im von Breuning'schen Junggesellenhaushalt besser versorgt zu sein, als ihm dies wohl alleine gelang.  Diese "Wohnungs-Aktivitäten" sind wohl allgemein im Frühjahr des Jahres 1804 anzusiedeln, Beethovens Umzug von seiner eigenen Wohnung in die seines Freundes laut Gesamtausgabe Anfang Mai. 

Im Verlauf unserer Schilderung der Ereignisse dieses Jahres werden wir Gelegenheit haben, Stephan von Breunings eigene Worte zu seiner Beziehung zu Beethoven zu betrachten und dadurch zumindest teilweise weitere Einzehlheiten zu erfahren, deren 'chronologische' Darstellung sich hier nicht in der selben illustrativen Weise anbietet.

Aus unseren chronologischen Schlussbetrachtungen der Entstehungsgeschichte wissen wir bereits, dass Beethovens Abschrift der Partiitur zur Dritten Symphonie bereits anfang Mai 1804 vorgelegen haben muss und dass sich die von Ferdinand Ries übermittelte 'berühmte Szene' im Zusammenhang mit der Vernichtung von Beethovens Hinweis auf Napoleon Bonaparte auf dem Titelblatt auch in diesem Monat zugetragen haben muss.

Aus unserer Uraufführungsgeschichte wissen wir wiederum, dass erste schriftliche Hinweise auf Proben zu bevorstehenden Privataufführungen der Symphonie im Lobkowitz-Palais auf den 9. Juni 1804 zurückgehen.

Wie uns aus unserer bisherigen Betrachtung von Beethovens Lebensgewohnheiten bekannt ist, nahte nun auch die Jahreszeit, die er gewöhnlich auf dem Lande verbringen würde.  Uns zur Verfügung stehende Quellen (Thayer, Kropfinger) verweisen darauf, dass Beethoven vom 6. bis 24. Juli des Jahres in Baden bei Wien zur Kur weilte.

Etwa in diese Zeit ist auch sein Streit mit Stephan von Breuning in einer Mietangelegenheit anzusiedeln, der, wie wir hier bald erfahren werden, jedoch, zumindest in diesem Jahr, nicht von langer Dauer blieb.

Thayers Bericht zufolge entschloss sich Beethoven danach, den Sommer jedoch nicht in der Nähe von Gräfin Josephine von Deym in Hetzendorf,  sondern, wie im Jahr zuvor, in Oberdöbling, zu verbringen.

Im Herbst soll Beethoven dann eine Wohnung im Pasqualati-Haus an der Mölkerbastei bezogen haben.

Beethovens Versöhnung mit von Breuning ist aufgrund seiner von der Gesamtausgabe auf den November 1804 angesiedelten versöhnlichen Zeilen an diesen Freund wohl in dieser Zeit anzusiedeln, während von Breuning in seinen Zeilen vom November 1804 an den gemeinsamen Freund Wegeler in Koblenz auf deren vorangegangenen Streit nicht eingeht.  Werfen wir zur Illustration der Haltung dieses Beethoven-Freundes einen Blick auf diese Zeilen:

"He who has been my friend from youth is often largely to blame that I am compelled to neglect the absent ones.  You cannot conceive, my dear Wegeler, what an indescribable, I might say, fearful effect the gradual loss of his hearing has had upon him.  Think of the feeling of being unhappy in one of such violent temperament; in addition reservedness, mistrust, often towards his best friends, in many things want of decision!  For the greater part, with only an occasional exception when he gives free vent to his feelings on the spur of the moment, intercourse with him is a real exertion, at which one can scarcely trust to oneself.  From May until the beginning of this month we lived in the same house, and at the outset I took him into my rooms.  He had scarcely come before he became severely, almost dangerously ill, and this was followed by an intermittent fever.  Worry and the care of him used me rather severely.  Now he is completely well again.  He lives on the ramparts, I in one of the newly built houses of Prince Estarhazy in front of the Alstercaserne, and as I am keeping house he eats with me every day" (Thayer: 358; --

--"Er, der seit meiner Jugend mein Freund war, ist hauptsächlich dafür verantwortlich, dass ich die abwesenden Freunde vernachlässigen musste.  Du kannst Dir nicht vorstellen, mein lieber Wegeler, welch eine unbeschreibliche, ich muss fast sagen, furchterregende, Wirkung der allmäliche Verlust seines Gehörs auf ihn hatte.  Stelle dir ein solch lebhaftes Temperament unglücklich vor; im Zusatz zu Verschlossenheit, Misstrauen, oft gegenüber seinen besten Freunden, in vielen Dingen Unentschlossenheit!  Zum Großteil, mit Ausnahme der seltenen Momente, wenn er seinen Gefühlen momentan freien Lauf lässt, ist der Umgang mit ihm eine wirkliche Anstrengung, wobei man sich selbst kaum trauen kann.  Von Mai bis Anfang dieses Monats wohnten wir im selben Haus, und bereits zu Anfang nahm ich ihn in meiner Wohnung auf.  Kaum war er eingezogen, wurde er ernsthaft, fast gefährlich krank, gefolgt von einem anhaltenden Fieber.  Die Sorge um ihn strengte mich ziemlich an.  Jetzt ist er wieder ganz gesund.  Er wohnt auf der Bastei, ich in einem der neuen Häuser von Fürst Esterhazy vor der Alstercaserne, und da ich einen Haushalt führe, isst er jeden Tag mit mir").

Erst nach dieser zusammenfassenden Darstellung der Situation durch von Breuning erscheint es uns hier sinnvoll, auch einen Blick auf Beethovens Zeilen in der Angelegenheit seines Streits mit von Breuning zu werfen.  Dazu dient uns wohl zur Illustration seines Temperaments am besten der Unterschied zwischen seiner Darstellung seines Verhältnisses zu diesem Freund auf der Höhepunkt des Streits, in seinem Brief an Ries vom 24. Juli und in seinen späteren versöhnlichen Zeilen an von Breuning:

 Beethoven an Ferdinand Ries (Fragment)

                                                                                      Baden, den 24. Juli 1804.

" . . . Mit der Sache von Breuning werden Sie sich wohl gewundert haben;[2] glauben Sie mir, Lieber! daß mein Aufbrausen nur ein Ausbruch von manchen unangenehmen vorhergegangenen Zufällen mit ihm gewesen ist.  Ich habe die Gabe, daß ich über eine Menge Sachen meine Empfindlichkeit verbergen und zurückhalten kann; werde ich aber auch einmal gereizt zu einer Zeit, wo ich empfänglicher für den Zorn bin, so platze ich auch stärker aus, als jeder Andere. Breuning hat gewiß vortreffliche Eigenschaften, aber er glaubt sich von allen Fehlern frei, und hat meistens die am stärksten, welche er an andern Menschen zu finden glaubt.  Er hat einen Geist der Kleinlichkeit, den ich von Kindheit an verachtet habe.  Meine Beurtheilungskraft hat mir fast vorher den Gang mit Breuning prophezeit, [3] indem unsere Denkungs-, Handlungs- und Empfingungs-Weise zu verschieden ist, doch habe ich geglaubt, daß sich auch diese Schwierigkeiten überwinden ließen; -- die Erfahrung hat mich wiederlegt.  Und nun auch keine Freundschaft mehr!  Ich habe nur zwei Freunde in der Welt gefunden, mit denen ich auch nie in ein Mißverhältniß gekommen, aber welche Menschen!  Der eine ist todt, [4] der andere lebt noch. [5] Obschon wir fast sechs Jahre hindurch keiner von dem andern etwas wissen, so weiß ich doch, daß in seinem Herzen ich die erste Stelle, so wie er in dem meinigen einnimmt.  Der Grund der Freundschaft heischt die größte Ähnlichkeit der Seelen und Herzen der Menschen. [6]  . . . "

[Quelle: Ludwig van Beethoven Briefweschsel Gesamtausgabe, Band 1, Brief Nr. 186, Seite 216-217]

[Original: Nicht bekannt, Text nach dem Erstdruck in Wegeler/Ries S. 132ff; zu [2]: verweist auf Brief Nr. 185; zu [3]: verweist darauf, dass Beethoven im Mai 1804 zu Breuning ins "Rothe Haus", Innere Stadt Nr. 173, gezogen war, wo er zuvor selbst eine Wohnung gemietet hatte, die nun leer stand; zu [4]: verweist wahrscheinlich auf Lorenz von Breuning; zu [5]: verweist auf Carl Amenda; zu [6]: verweist darauf, dass es sich bei diesem Ausdruck wohl um ein Zitat oder eine sprichwörtliche Sentenz handelte; Einzelheiten S. 217 entnommen].

                             

Beethoven an Stephan von Breuning

                                                                              [Wien, Anfang November 1804][1]

Hinter diesem Gemählde [2] mein guter lieber St. sey auf ewig verborgen, was eine Zeitlang zwischen unß vorgegangen -- ich weiß es, ich habe dein Herz zerrissen, meine Bewegung in mir, die du an mir gewiß bemerkten mustest, hatte mich genug dafür ges[t]raft, Boßheit wars nicht, was in mir gegen dich vorgieng, nein ich wäre deiner Freundschaft nie mehr würdig, Leidenschaft bey dir und bey mir -- aber Mißtrauen gegen dich ward in mir rege -- Es stellten sich Menschen zwischen unß -- die deiner und meiner nie würdig sind; -- mein Portrait war dir schon lange bestimmt, du weißt es ja, daß ich es immer jemand bestimmt hatte, wem könnte ich es wohl mit dem wärmsten Herzen geben als dir treuer, guter, edler Steffen -- verzeih mir, wenn ich dir wehe that, ich litte selbst nicht weniger, als ich dich so lange nicht mehr um mich sah, empfand ich es erst recht lebhaft, wie theuer du meinem Herzen bist, und ewig seyn wirst.

                                                                                                                                       dein

   du wirst wohl auch wieder so zutraulich in meine Arme fliehen, als sonst.

Pour M. de Breuning

[Quelle: Ludwig van Beethoven Briefwechsel Gesamtausgabe, Band 1, Brief Nr. 197, S. 227]

[Original:  Bonn, Beethoven-Haus, Bodmer-Sammlung; zu 1[]: verweist auf den Streit vom Juli 1804 wegen der versäumten Kündigung von Beethovens Wohnung im "Rothen Haus", siehe Briefe Nr. 185 und 186 und auf die Datierung dieses Briefes im November 1804; zu [2]: verweist auf die Hornemann-Miniatur, Einzelheiten S. 227 entnommen].


 


Die Hornemann-Miniatur von Beethoven
 

Wie wir aus unserer ausführlichen chronologischen Darstellung der Entstehung von Beethovens einziger Oper Fidelio und aus unseren Biographischen Seiten wissen, bildeten die Erneuerung des Vertrags mit dem Theater an der Wien und die damit einhergehende Wiederaufnahme seiner Leonoren-Arbeit im Zusammenhang mit seinem wachsenden Umgang dieses Spätherbstes mit der jungen Witwe Josephine von Breuning einen schöpferischen Zusammenhang.  (Dazu kann hier, jedoch nur am Rande, eingeflochten werden, dass dieser Zusammenhang 'ausser-beethoven'sch' wohl am ehesten mit dem von Wagners Lohengrin-Arbeit mit dessen Freundschaft mit Mathilde Wesendonk zu vergleichen sein mag.)  Da dieser Themenkreis bereits anderweitig diskutiert wurde, mag dieser kurze Hinweis darauf hier den Abschluss unserer Betrachtungen zum Jahr 1804 in diesem Zusammenhang bilden.

 

 

DAS JAHR 1805 

 

Im Winter des Jahres 1805 standen Beethoven allem Anschein nach zwei Wohnungen zur Verfügung, da er nach der Erneuerung des Vertrages mit dem Theater an der Wien seine dortige Dienstwohnung wieder beziehen konnte und dort laut Thayer Besucher empfing, während er sich zu seiner privaten Arbeit in seine Wohnung im Pasqualati-Haus zurückzog, während er weiterhin viele seiner freien Stunden in der Gesellschaft Josephine von Deyms zubrachte.  (Das Anwachsen dieser Freundschaft in eine Leidenschaft auf Beethovens Seite lässt sich am besten durch die in der Beethoven-Briefwechsel-Gesamtausgabe enthaltenen Korrespondenz verfolgen.) 

Im Zusammenhang mit den in unserer Uraufführungsgeschichte diskutierten ersten Aufführungen der Eroica können wir auf die laut Kropfinger am 20. Januar 1805 stattgefundene halböffentliche Aufführung im Würth'schen Konzert hinweisen, andererseits auf die am 8. April 1805 im Theater an der Wien veranstaltete Uraufführung der Symphonie.

Die Sommermonate von Juni bis September verbrachte Beethoven laut Thayer in diesem Jahr in Hetzendorf und war dort wohl auch sehr mit seiner weiteren Leonoren-Arbeit beschäftigt, während er nach seiner Rückkehr nach Wien sich den Proben zur Uraufführung dieser Oper zu widmen hatte.  Die näheren Umstände dazu und zu ihrer Uraufführung können Sie in unserer Entstehungsgeschichte dazu nachlesen, und selbstverständlich auch Thayers Schilderung des im Dezember 1805 nachfolgenden Revisionsabends im Lichnowsky-Haushalt.

In bezug auf Freundschaften dieses Jahres verweist Thayer auf den Beginn der Beziehung zwischen Beethoven uns seinem neuen Schüler, Erzherzog Rudolph von Österreich, und in bezug auf gute berufliche Bekanntschaften auf die mit dem Wiener Dirigenten Ignaz von Seyfried. 

Im Gegensatz dazu sah dieses Jahr die Abreise von Beethovens Schüler Ferdinand Ries aus Wien. Unsere Entstehungsgeschichte zur Oper Fidelio verweist in diesem Zusammenhang auch auf Ferdinand Riesens in Thayer wiedergegebenen Bericht, dass Beethoven ihm im Herbst eines morgens nicht erlaubte, einer Probe zu dieser Oper beizuwohnen, und zwar im Zusammenhang mit Beethovens Erinnerung an Riesens Verhalten in bezug auf das "Andante favori".  Demgegenüber erwähnt Ries jedoch in Thayer auch Beethovens Emfpehlungsschreiben an die Fürstin Liechtenstein:

Beethoven an die Fürstin Josephine Sophie von Liechtenstein [1]

                                                                 [Wien, kurz vor dem 13. November 1805][2]

  Verzeihen Sie Durchlauchtigste Fürstin!  Wenn sie Durch den Überbringer dieses Vieleicht in ein unangenehmes Erstaunen gerathen[3]--Der arme Rieß mein schüler muß in diesem unglückseeligen Krieg Die Muskete auf die schultern nehmen, und --muß zugleich schon als Fremder in einigen Tägen von hier fort[4] -- er hat nichts, gar nichts -- muß eine weite reise machen -- die Gelegenheit zu einer Akademie[5] ist ihm in diesen Umständen gänzlich abgeschnitten -- Er muß seine Zuflucht zur Wohlthätigkeit nehmen -- Ich emphele ihnen denselben -- Ich weiß es sie verzeihen mir diesen Schritt -- Nur in der äußersten Noth kann ein edler Mensch zu solchen Mitteln seine Zuflucht nehmen -- in dieser Zuversicht schikte ich ihnen den armenn, um nur seine Umstände in etwas zu erleichtern -- Er muß zu allen, die ihn kennen, seine Zuflucht nehmen.

mit der tiefsten Ehrfurcht

                                                                                           L. van Beethoven

Pour Madame La Princesse Liechtenstein

[Quelle: Ludwig van Beethoven Briefwechsel Gesamtausgabe, Band 1, Brief Nr. 240, S. 270-271]

[Original: Bonn, Beethoven-Haus, Sammlung Bodmer; zu [1]: verweist auf Josephine Sophie von Liechtenstein; zu [2]: verweist auf Ferdinand Riesens Hinweis in bezug auf die Datierung; zu [3]: verweist auf Riesens Kommentar, "Der Brief wurde (was Beethovens Zorn erregte) nicht abgegeben, doch verwahrte ich das auf ein kleines, ungleich beschnittenes Quartblättchen geschriebene Original als einen Beweis von Beethovens Freundschaft und Liebe für mich; zu [4]: verweist auf Riesens Verpflichtung der Konskription in der französischen Armee; zu [5]: verweist auf Riesens Anmerkung dazu: "(Concert)"; Einzelheiten S. 271 entnommen].


Die Auswahl dieser Beethoven-Zeilen aus diesem Jahr wurde auch deshalb getroffen, weil Ries auch direkter und indirekter Zeuge der Entstehung der Eroica gewesen war.

 

 

DAS JAHR 1806

 

Da wir dem Ende unserer Veröffentlichungs- und Widmungschronologie zu diesem Werk nicht vorgreifen wollen, bieten wir Ihnen hier auch noch einen Überblick über Beethovens Lebensumstände dieses Jahres.  Nach der Lektüre unserer umfangreichen nächsten Seite werden sich auch die biographisch relevanten Einzelheiten dieses Jahres entsprechend einordnen lassen.

Der Winter dieses Jahres sah Beethovens eingehende Überarbeitung seiner Oper Leonore, während das Frühjahr deren zweite, etwas erfolgreichere Aufführung mit sich brachte. 

Welche Einstellung Beethoven in diesem Jahr der Heirat seines Bruders Caspar Carl mit seiner Braut, Johanna Reiss, am 25. Mai gegenüber gehabt haben mag, kann aus seinem späteren Umgang mit der Witwe Johanna van Beethoven nicht eindeutig geklärt werden.  Sein später von ihm betreuter Neffe Carl kam am 4. September des Jahres zur Welt. 

Während sich Beethoven allem Anschein nach in diesem Sommer nicht im Wiener Umland zur Erholung aufhielt, liegen uns eingehende Berichte zu seiner Spätsommer- und Herbstreise auf das Gut Grätz von Fürst Lichnowsky vor.  Von dort soll Beethoven in dessen Gesellschaft auch Graf Oppersdorf auf seinem Gut in der Nähe von Glogau besucht haben.

Aus unserer ausführlichen Beschreibung der Entwicklung der Idee zur Ode an die Freude und aus unserer Online-Biografie sind uns auch Einzelheiten zum jähen Abbruch seines Troppauer Aufenthalts bekannt, die also hier nicht noch einmal erörtert werden müssen.

Im Zusammenhang mit dem möglichen Wegfall seiner Unterstützung durch Fürst Lichnowsky ist es jedoch relevant, auf den Beginn von Beethovens Freundschaft mit Fürst Razumowsky hinzuweisen.

In unserer kurzen Enstehungsgeschichte zu op. 61, dem Violinkonzert, das am 23. Dezember 1806 zur Uraufführung gelangte, gehen wir auf Beethovens kollegiale Beziehungen zu Clement ein.  Mit unserem Hinweis auf dieses als lyrisch bezeichnete Beethoven-Werk dieses Jahres beenden wir unsere Betrachtung von Beethovens allgemeinen Lebensumständen während der Jahre 1804 - 1806 und wenden uns im nächsten Abschnitt der Veröffentlichung und Widmung der Symphonie zu. 


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