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BEETHOVEN UND SEIN BONNER FREUND |
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EINLEITUNG
Hier befassen wir uns mit dem ersten in etwa gleichaltrigen Freund Beethovens aus seiner Bonner Jugendzeit, der für ihn auf vielfache Weise Bedeutung erlangen sollte, jedoch weniger eine vordergründige als eine sich bescheiden im Hintergrund haltende. Aus unseren Biographischen Seiten wissen wir bereits, dass Wegeler Beethovens Bonner Freundeskreis dadurch erweiterte, dass er ihn in die von Breuning'sche Familie einführte und auch, dass er, zusammen mit Beethovens Schüler Ferdinand Ries, zu den ersten ihre Aufgabe ernst nehmenden Biographen des Komponisten gehörte. Diese ziemlich allgemein bekannten Tatsachen teilen uns aber wenig über den Gesamtverlauf der Freundschaft Beethovens und Wegelers und über Wegelers Wesen mit. Versuchen wir daher hier, beidem auf die Spur zu kommen und geben wir einleitend Wegeler selbst das Wort:
"Wenn eine freundlich vertrauliche Verbindung zwischen zwei jungen Leuten während 7 bis 8 Jahren in der gemeinschaftlichen Vaterstadt sich gebildet hat und mit ihnen aufgewachsen und erstarkt ist; -- wenn diese Freunde im Mannesalter fast noch zwei Jahre in einer fremden Hauptstadt zusammenleben, und von da an, obwohl getrennt, noch 30 Jahre in traulicher Einigung verbunden bleiben; so hält nach dem Tode des Einen der Überlebende sich berechtigt, ja, wenn der Verstorbene zu der höchsten Auszeichnung im Gebiete des Wissens oder der Kunst, zu europäischer Berühmtheit für alle Zeiten gelangt ist, sogar für verpflichtet, der Welt solche Mittheilungen, welche zur richtigen Würdigung des Menschen und Künstlers dienen, nicht vorzuenthalten.
In vorstehenden wenigen Worten ist mein Verhältnis zu L u d w i g v a n B e e t h o v e n ausgesprochen. Geboren in Bonn 1765 wurde ich 1782 mit dem 12jährigen Jüngling, der jedoch schon Autor war, bekannt, und lebte ununterbrochen in der innigsten Verbindung mit ihm bis September 1787, wo ich zur Beendigung meiner ärztlichen Studien die Wiener Schulen und Anstalten besuchte. Nach meiner Rückkehr im Oktober 1789 lebten wir in einer so herrlichen Verbindung fort, bis zu Beethoven's späterer Abreise nach Wien gegen Ende 1792, wohin auch ich im Oktober 1794 auswanderte. So trafen wir mit den nämlichen ungeschwächten Gefühlen abermals zusammen und nun verging nur selten ein Tag, ohne daß wir uns sahen.
In der Mitte des Jahres 1796 kehrte ich nach Bonn zurück, und es begann nunmehr unser Briefwechsel, der jedoch im Laufe der sehr bedrängten Zeit eben kein fleißiger genannt werden kann. Zu einer lebhaften Korrespondenz war aber auch von beiden Seiten um so weniger Veranlassung, als wir ohnedies von unserm wechselseitigen Schicksal in Kenntniß erhalten wurden; er durch die Geschäftsbriefe Simrock's an ihn, durch meine Briefe an Freunde und Kollegen in Wien, bei denen ich ihn eingeführt hatte, so wie an meinen Schwager S t e p h a n v o n B r e u n i n g daselbst; -- ich, auf dem nämlichen Wege und durch Briefe an Ferdinand Ries" [Biographische Notizen über Ludwig van Beethoven von Dr. F. G. Wegeler und Ferdinand Ries. Koblenz: 1838, bei Bädeker, S. 11 - 13].
Verfolgen wir nun nach Wegelers einleitenden Worten im ersten Abschnitt unserer Beschreibung dieser Freundschaft ihre frühen Spuren.
WEGELERS FRÜHE FREUNDSCHAFT MIT BEETHOVEN IN BONN
IN DEN JAHREN 1784 - 1787
Ein Thayer-Forbes'sches Zitat aus Gerhard von Breunings Erinnerungsbuch "Aus dem Schwarzspanierhause" bietet uns eine kurze, vielleicht aus unserer heutigen Sicht etwas betuliche, Beschreibung zu Wegelers Abstammung und zum Anfang von Wegelers Freundschaft mit der von Breuning'schen Familie:
"Stephan's son, Gerhard von Breuning, has given us a description of how the Breuning family circle enlarged.[12: Aus dem Schwarzspanierhause (Vienna, 1874), p. 6]
"Children attract playmates, school children bring home friends after school. So must have grown the little family circle in the house of my grandmother through the years from the outside; the cultivated influence of this virtuous woman extended not only to her children but also to other young people. . . . A poor student of amiable and industrious character soon became daily a member of this household. This was Franz Gerhard Wegeler, the son of an Alsatian burgher, who sensed early a craving for knowledge, for expanding the limitations of his poor origin in order to develop himself for the career by which he was to be known by those around him. [Rector of the University at Bonn; later privy councillor and a distinguished doctor.]" [TF: 84; --
-- TF zitiert hier aus Gerhard von Breunings Erinnerungsbuch, Aus dem Schwarzspanierhause, das 1874 in Wien erschien:
"Kinder ziehen Gespielen, Schuljungen Freunde aus der Schule an sich. So sollte denn auch der bisher enger bestandene Familienkreis im Hause meiner Großmutter mit den Jahren Zuwachs von außen her gewinnen, der veredelnde Einfluss dieser tugendhaften Frau nicht allein auf ihre Kinder, sondern auch auf andere Jünglinge sich erstrecken. . . . Der liebenswürdige strebsame Charakter eines armen Studenten machte diesen bald zum täglichen Genossen im Hause. Es war dies Franz Gerhard Wegeler, welcher, eines Elsasser Bürgers Sohn, schon früh den mächtigen Wissensdrang in sich fühlte, die Bande der ärmlichen Herkunft zu sprengen, um das zu erreichen, was er sich, den Seinen und der Mitwelt dann wurde. [Rektor der Universität Bonn, dann Geheimrat und ein angesehener Arzt]".]
Wann nun dieser fleißige, bescheidene neue Freund des Hauses von Breuning Beethoven persönlich kennenlernen sollte und wann er seinen neuen Freund bei der von Breuning'schen Familie einführte, erweckte, wie wir nachfolgend lesen können, in der Beethovenforschung einige Diskussion:
"After he had already become attached to this house, he made the acquaintance in 1782 of the son of a musician of the Electoral Court Chapel who, although still more a boy than a young man, already was burning with enthusiasm for the muse of music, just as the other was for science and art, and already he was playing the piano admirably.
"Eleonore and Lenz needed a piano teacher and Wegeler's young friend needed to give lessons for the support of himself and his parents. Thus it was that the young Ludwig van Beethoven became introduced into the hospitable home of my grandmother."
Riemann [3: TDR, I, 222, n. 1] has suggested that the year of the meeting between Beethoven and both Wegeler and Stephan von Breuning may well have been not 1782 but 1784, since at that time he would have been "already a composer," since Wegeler refers to the fact (Notizen, p. 14) that Stephan "lived in the closest relation with him from his tenth year to his death." Stephan was worn in 1774. Then, too, there was the confusion concerning the year of Ludwig's birth which may well have caused Wegeler to retain the impression of a boy that he thought was twelve who was in reality close to fourteen years of age. Although Wegeler later saw the baptismal register in the Bonn parochial record before writing the Notizen, he wouldn't necessarily have remembered to apply this discrepancy to the long-held memory of their first meeting. In turn Gerhard von Breuning arrived at the date 1782 by taking Wegeler's "12 year old youth" literally without perhaps taking into account that only in the last month of 1782 did Beethoven reach the age of twelve.
Thayer rejected this early a date for the meeting between Beethoven and the von Breuning family and adopted the date of late 1787. This was based on the later recollections of the widow Karth (who was not born until about 1780) and on the fact that there is no mention that the von Breuning family gave assistance to the composer in the tragic summer of 1787 after his mother's death. Thayer further implies that Wegeler's own intimacy with the von Breunings was not until after his return from Vienna in 1789. Every editor of the Thayer biography from Deiters on has questioned this stand in view of the general trustworthiness of Wegeler's Notizen and particularly in view of Wegeler's family tie with the von Breunings. Surely a man of sound mind, as Wegeler was when he wrote the Notizen in 1838, would not be mistaken as to the time that he first met his wife's family.
Beethoven's own words on this matter are to be found in a letter to Wegeler written in the early Vienna years: "Ah Wegeler, my only comfort lies in this, that you have known me almost from my childhood." We may conclude that the association between Beethoven and the Wegeler-von Breuning circle started in all likelihood around 1784" [TF: 85; --
-- TF zitiert hier zunächst weiter Gerhard von Breuning:
"Bereits im Hause eingebürgert, hatte er 1782 die Bekanntschaft des Sohnes eines Musikers der kurfürstlichen Kapelle gemacht, welcher noch mehr Knabe als Jüngling, wie jener für Wissenschaft und Kunst, bereits lebhaft für die Muse der Tonkunst glühte, und schon trefflich das Klavier spielte."
"Eleonore und Lenz bedurften eines Klavierlehrers, Wegelers junger Freund zu seiner und seiner Eltern Unterstützung der Unterrichtsstunden. So ward der junge Ludwig van Beethoven in das gastliche Haus meiner Großmutter eingeführt."
Die weitere Thayer-Forbes'sche Diskussion entspricht in Wesentlichen derselben in TDR, die wir hier daraus zitieren:
"20 Die im Texte enthaltene, gegen Wegelers Notizen gerichtete Darlegung des Verfassers über die Zeit, in welcher Beethoven mit der Familie von Breuning bekannt wurde, hat entschiedenen Widerspruch erfahren von dem Enkel Wegelers, Herrn Karl Wegeler in Koblenz, in einem Aufsatze der Koblenzer Zeitung vom 20. Mai 1890. Thayer hatte den Aufsatz in sein Handexemplar gelegt und würde vermutlich, wenn er selbst zu der neuen Ausgabe gekommen wäre, entweder seine Darstellung weiter begründet oder dieselbe geändert haben. Der Herausgeber hat sich zu einer Änderung nicht berechtigt geglaubt, weil auch späteren Lesern und Beurteilern der Standpunkt Thayers in dieser Frage nicht unbekannt bleiben darf. Dagegen hält er sich für verpflichtet, die gegen Thayer geltend gemachten Gründe hier zusammenzustellen und seine eigene Ansicht folgen zu lassen.
Nach Wegeler ist, so sagt sein Enkel, Beethoven bereits 1785 bei Breunings eingeführt gewesen und der ihm auch zu seinem ersten Gehalt als Hoforganist verhalf. [Eine Jahreszahl geben die Notizen nicht, sie lassen aber indirekt auf frühere Zeit schließen. Auch daß er Waldstein dort kennen lernte, steht nicht in den Notizen.] Wenn nun Thayer das Zeugnis der Witwe Karth anführt, so kann nach Hrn. Wegelers Annahme das Zeugnis eines 5jährigen Kindes gegenüber damals erwachsenen Personen nicht in Betracht kommen; auch lasse sich eine Bekanntschaft wohl denken, ohne daß jene schon das Beethovensche Haus betreten hatten. Der Brief an Dr. Schaden, einer tief melancholischen Stimmung entsprungen, schließe keineswegs aus, daß Beethoven auch von anderer Seite unterstützt worden sei, zumal wenn man bedenke, wie vorsichtig man sein mußte, seine Reizbarkeit durch Unterstützungen zu verletzen. Sicherlich habe ihm Wegeler, der erst im September 1787 nach Wien reiste, in jener Zeit treu zur Seite gestanden, da er ihn schon seit Jahren kannte. Letzteres erhärtet Herr K. Wegeler durch einen bisher nicht bekannt gewordenen Brief Beethovens an Wegeler, worin ausdrücklich gesagt wird, daß letzterer Beethoven schon fast seit seiner Kindheit gekannt habe. [Wegeler gibt in der Vorrede zu den Notizen ausdrücklich das Jahr 1782 als den Beginn seiner Bekanntschaft mit Beethoven an.] Sollte damals die Familie v. Breuning wirklich nicht zur Stelle gewesen sein, so könne das aus dem alljährlichen, einige Zeit dauernden Landaufenthalt derselben leicht erklärt werden. Die Annahme, Wegeler selbst sei mit Breunings erst nach seiner Rückkehr aus Wien (1789) genauer bekannt geworden, widerspreche den Familienerinnerungen, welche alle ihn schon als jungen Studenten, also vor 1787, dort verkehren lassen, und mit ihm Beethoven, wie eine briefliche Äußerung Wegelers (s.u.) zeige. Eine Gedächtnisschwäche könne bei der vollen Geistesfrische, die Wegeler noch 1838 [er starb 1848] besaß, nicht angenommen werden; insbesondere werde er sich hinsichtlich seiner ersten Bekanntschaft mit dem Hause, aus welchem seine Frau stammte, schwerlich geirrt haben. Auch sei das vertraute, freundschaftliche Verhältnis Beethovens zu Eleonore von Breuning nur dann völlig zu erklären, wenn er schon als Knabe mit ihr bekannt geworden war. Thayer habe den bestimmten Zeugenaussagen solcher, welche die Wahrheit wissen und sagen konnten, nur einen negativen Indizienbeweis entgegengestellt, und es müsse an der Glaubwürdigkeit jener Zeugen auch hinsichtlich der Zeitbestimmung festgehalten werden.
Der Herausgeber unternimmt es auch nur »mit der äußersten Vorsicht«, einer Autorität wie derjenigen Thayers entgegenzutreten. An der bestimmten Angabe Wegelers, er habe den Knaben Beethoven schon 1782 kennen gelernt, welche durch Beethovens eigenes Wort: »daß Du mich fast seit meiner Kindheit kanntest« gestützt wird, kann nicht wohl gerüttelt werden. Ebensowenig kann daran gezweifelt werden, daß Wegeler schon als Student und vor seiner Abreise nach Wien (nach Gerhard v. Breuning sogar schon vor seiner Bekanntschaft mit Beethoven) im Breuningschen Hause eingeführt war; darin kann er sich nicht geirrt haben. Wann er nun Beethoven dorthin brachte, darüber gibt er selbst eine Zeit nicht an; das Jahr 1785 findet sich, wie bereits bemerkt, nicht in den Notizen. Doch heißt es dort S. 45, daß Stephan v. Breuning »von seinem litten Jahre bis zu seinem Tode in der innigsten Verbindung mit ihm gelebt« habe. Stephan war am 17. August 1774 geboren (v. Breuning, Aus dem Schwarzspanierhause, S. 6): das würde auf das Jahr 1784 führen. [Damit läßt sich auch Wegelers Angabe wohl vereinbaren; der »zwölfjährige Jüngling«, den Wegeler kennen lernte, war in Wirklichkeit ein vierzehnjähriger und daher nicht 1782, sondern 1784 das Anfangsjahr ihrer Freundschaft; 1782 war auch Beethoven noch nicht (gedruckter) Autor, wohl aber 1784. Es würde also die Bekanntschaft der drei in dasselbe Jahr rücken. H.R.] Die auch von Thayer angeführte Äußerung Wegelers: »besonders nachdem Du die edle Mutter verloren hattest«, macht es sonnenklar, daß die nähere Freundschaft schon vor dem Tode der Mutter bestanden hatte. Auch gewinnen alle übrigen Mitteilungen erst durch die Annahme Bedeutung und Zusammenhang, daß Beethoven schon in früher Knabenzeit in dem Breuningschen Hause Aufnahme gefunden hatte. Der Herausgeber glaubt also in dieser Frage ebenfalls von Thayers Ansicht abweichen zu müssen. Über die Bekanntschaft mit Graf Waldstein wird weiter unten (S. 232ff.) gesprochen werden. Anm. d. Herausg." [TDR: 223].
Über den Umgang Beethovens mit der Familie von Breuning erfuhren wir bereits eingehend im entsprechenden Abschnitt unserer Biographischen Seiten. Falls wir uns einen Gesamteindruck des Wesens seiner frühen Freundschaft mit Wegeler machen wollen, brauchen wir eigentlich nur dessen eigene Worte aus einem seiner letzten Briefe an Beethoven heranzuziehen:
"Mir wenigstens ist die Bekanntschaft und die enge, durch deine gute Mutter gesegnete, Jugendfreundschaft mit dir ein sehr heller Punkt meines Lebens, auf den ich mit Vergnügen hinblicke . . . " [Quelle: Ludwig van Beethoven Briefwechsel Gesamtausgabe, Band 6, Brief Nr. 2100, S. 196-199; Original: Bonn, Beethoven-Haus].
Wann wurde der Genuss dieser Freundschaft im Jahr 1787 einerseits durch Beethovens Reise nach Wien und andererseits durch Wegelers Abreise nach Wien unterbrochen? Aus dem entsprechenden Abschnitt in unseren Biographischen Seiten wissen wir, dass Beethoven etwa vom 20. April bis einige Zeit vor dem Tod seiner Mutter am 17. Juli 1787 von Bonn abwesend war, um in Wien sein Glück als Schüler Mozarts zu versuchen, und wir kennen auch den Grund für seine vorzeitige Rückkehr. Wegelers eigenen Worten zufolge: " . . . und lebte ununterbrochen in der innigsten Verbindung mit ihm bis September 1787, wo ich zur Beendigung meiner ärztlichen Studien die Wiener Schulen und Anstalten besuchte" sah er Beethoven wohl noch vor seiner Abreise nach Wien im September 1787, also in einer Zeit, in der Beethoven tief um den Verlust seiner Mutter trauerte [wie wir aus seinem Brief an Rechtsanwalt Schaden in Augsburg aus dem Herbst dieses Jahres wissen].
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Blick auf den Wiener Stephansdom
WEGELERS STUDIENJAHRE IN WIEN - 1787 BIS 1789
Zu Wegelers Studienjahren in Wien berichtet Gerhard von Breuning:
" . . . Wegeler too had come there in 1787, armed with a very warm recommendation and support by the Elector and, like Beethoven, had doors opened for him among the circle of the famous professors and physicians of the era of Joseph II: Brambilla, Gerhard von Vering, Gottfried van Swieten, Hunczovsky, Adam Schmidt and many others;[25] . . . " [Gerhard von Breuning, Memories of Beethoven from the Schwarzspanierhaus: 33; --
-- " . . . Auch Wegeler kam 1787 nach hier, mit einer sehr herzlichen Empfehlung und Unterstützung durch den Kurfürsten und, wie für Beethoven, öffneten sich ihm die Türen der Kreise der berühmten Professoren und Ärzte der Zeit Josephs II: Brambilla, Gerhard von Vering, Gottfried van Swieten, Hunczovsky, Adam Schmidt, und viele andere;[25]"].
"F. G. Wegeler received his doctor's degree in Vienna on September 1, 1789 and returned to Bonn to begin his medical career as practising physician . . . " [Gerhard von Breuning, Memories of Beethoven from the Schwarzspanierhaus: 33; --
-- "F. G. Wegeler erhielt seinen Doktortitel in Wien am 1. September 1789 und kehrte nach Bonn zurück, um seine Laufbahn als praktizierender Arzt zu beginnen"].
WEGELERS UND BEETHOVENS FREUNDSCHAFT
WÄHREND DER LETZTEN BONNER JAHRE BEETHOVENS [1789 - 1792]Zum weiteren Umgang Beethovens mit Wegeler in den Jahren 1789 bis 1792 erfahren wir nicht viel aus den herkömmlichen Quellen. Jedoch werfen Beethovens eigene Worte wieder ein bezeichnendes Licht auf diese Freundschaft. Wir finden sie in einem seiner letzten Briefe an den alten Freund Wegeler:
"Ich erinnere mich aller Liebe, die du mir stets bewiesen hast; z.B. wie du mein Zimmer weißen ließest u. mich so angenehm überraschtest,[3] . . . " [Quelle: Ludwig van Beethoven Briefwechsel Gesamtausgab, Band 6, Brief Nr. 2236, S. 319 - 321; Original: Koblenz, Slg. Wegeler; zu [3]: verweist darauf, dass Wegeler laut GA den Brief in den Biographischen Notizen veröffentlicht hatte und dazu bemerkt hatte, dass Beethoven zu dieser Zeit in der Wenzelgasse in Bonn gewohnt hatte; Angabe S. 321 entnommen].
Zur Zeit dieser Freundschaft hat das Beethoven-Haus in Bonn auch eine Kuriosität aufzuweisen. Hier wollen wir Ihnen dazu ohne weite Umschweife einen direkten Link anbieten:
Zu Wegelers eigenem beruflichem Fortkommen während dieser Jahre können wir auf Thayer-Forbes verweisen. In seinem nachfolgend ausführlich zitierten Bericht zur Universität Bonn [S. 76] merkt TF an, dass Wegeler in der Ausgabe des Bonner Hofkalenders von 1790 zum ersten Mal als Professor der Geburtshilfe aufgeführt wurde.Wie wir aus unseren Biographischen Seiten wissen, machte sich Beethoven Anfang November 1792 auf seine Reise nach Wien. Im Gegensatz zu Eleonore von Breunings Eintrag in sein Abschiedsalbum ist uns jedoch nichts bekannt in Bezug auf einen Eintrag Wegelers.
WEGELERS BONNER JAHRE VOR SEINEM ZWEITEN AUFENTHALT
IN WIEN [1792 - 1794]Während wir uns Beethoven nun in Wien vorzustellen haben, verbrachte Wegeler die Zeit von November 1792 bis etwa Oktober 1794 weiterhin in Bonn. Aus dieser Zeit sind uns einige Einzelheiten zu seiner Universitätslaufbahn bekannt:
"Upon the suppression of the Jesuits in 1774, Max Friedrich devoted their possessions and revenues to the cause of education. New professorships were established in the gymnasium and in 1777, an "Academy" was formed. This was the first step; the second was to found an independent institution called the Lyceum; and at his death an application was before the Emperor for a university charter. This was granted in April, and Monday, the 20th of November, 1786 was the day appointed for the solemn inauguration of the new institution. The Court Calendar for the next year names six professors of theology, six of jurisprudence, civil and ecclesiastical, four of medicine, four of philosophy and seven of philology. In later editions new names are added; in that of 1790, Wegeler is professor of midwifery" [TF: 76; --
-- TF schreibt hier, dass [Kurfürst] Max Friedrich 1774, nach der Unterdrückung der Jesuiten, deren Besitz und Einkommen der Bildung widmete. Neue Professuren wurden im Gymnasium eingerichtet und 1777 wurde eine "Akademie" gegründet. Dies sei der erste Schritt gewesen; der zweite war laut Thayer die Gründung einer unabhängigen Einrichtung, "Lyzeum" genannt. Zur Zeit seines Todes habe dem Kaiser ein Antrag für die Einrichtung einer Universität vorgelegen. Dies sei im April genehmigt worden, und am 20. November 1786 sei die Universität feierlich eingeweiht worden. Der Hofkalender des Jahres 1787 führte laut TF sechs Theologieprofessoren, sechs Professoren der zivilen und kirchlichen Rechtslehre, vier Medizinprofessoren, vier Philosophieprofessoren und sieben Professoren für Philologie auf. In späteren Ausgaben seien neue Namen hinzugekommen. 1790 sei Wegeler als Professor der Geburtshilfe aufgeführt worden].
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Blick auf die heutige Universität Bonn
[seinerzeit die kurfürstliche Residenz]
Dass er vor seiner Abreise bzw. Flucht nach Wien dort sogar noch Rektor war, ist Wegelers eigenen Worten zu entnehmen:
"Als Rector der Bonner Universität hatte ich den Beschluß des akademischen Senats unterschrieben . . . " [Wegeler/Ries, Biographische Notizen, Koblenz: 1838, bei Bädeker].
WEGELERS ZWEITER AUFENTHALT IN
WIEN [1794 - 1796]
Wegelers eigener, hier bereits zitierter Aussage zufolge wanderte er im Oktober 1794 nach Wien aus. Zu den dringenden, ihn zu diesem Schritt bewegenden Gründen bemerkte er in einer Fußnote:
"Als Rector der Bonner Unversität hatte ich den Beschluß des akademischen Senats unterschrieben, welcher den Studenten den p e r s ö n l i c h e n Besuch der der gefangenen und von Quesnoi, Landrecies, Conde re. nach Oesterreich durchgeführten Franzosen, aus Furcht vor Einschleppung des Lazareth-Fiebers, untersagte, und sie anwies, die diesen zugedachten Almosen durch bezeichnete Geistliche ihnen zukommen zu lassen. Zehn oder zwölf Tage nachher enthielt der Moniteur diesen Beschluß, wobei ich schon zum Voraus als ein wüthender Feind der Republik geächtet wurde. Es war eine böse Zeit! Der Volksrepräsentant in Bonn befahl, ihn mit Du anzureden. Damals war noch la queue de Robespierre kaum weniger giftig, als sein Kopf es gewesen, und es galt den meinigen zu retten" [Wegeler/Ries, Biographische Notizen, Koblenz: 1838, bei Bädeker].
Auch Thayer-Forbes geht auf Wegelers Umsiedlung nach Wien ein:
"The reminiscences of Wegeler for the period of his stay in Vienna, excepting those which may be better introduced chronologically in other connections, may well find place here. They are interesting and characteristic in themselves, and indicate, also, the great change for the better in Beethoven's pecuniary condition; for a man who keeps a servant and a horse cannot, if honest, be a sufferer from poverty. Wegeler was another fugitive from the French occupation of Bonn. Though only twenty-nine years of age, he had become Rector of the University. Then he fled to Vienna, where he remained nearly two years, and where he naturally renewed his friendship with Beethoven.--He reached the capital in October and found Beethoven not in the "room on the ground floor" where "it was not necessary to pay the housekeeper more than 7 florins," but living as a guest in the family of Prince Karl Lichnowsky . . . " [TF: 170; --
-- TF geht hier auf Wegelers Erinnerungen an seinen Aufenthalt in den Jahren 1794 - 1796 in Wien ein und nennt sie "in sich selbst charakteristisch" und betont, dass sie auch auf Beethovens bessere finanzielle Lage ein Licht werfen, da ein Mann, der sich einen Dienstboten und ein Pferd halten kann, ehrlicherweise nicht als arm bezeichnet werden kann. TF beschreibt Wegeler dann als einen weiteren Flüchtling vor der französischen Besatzung Bonns. Obwohl Wegeler erst 29 Jahre alt gewesen sei, sei er bereits Rektor der Universität gewesen. Er sei dann nach Wien geflohen, wo er fast zwei Jahre geblieben sei und wo er natürlicherweise seine Freundschaft mit Beethoven erneuert habe.--Laut TF erreichte er die Hauptstadt im Oktober 1794 und fand Beethoven nicht mehr "im Erdgeschoßzimmer", wo es "nicht notwendig war, der Haushälterin mehr als 7 Gulden zu zahlen", sondern als Hausgast Fürst Lichnowskys . . . "].
Sich selbst im Hintergrund haltend, beschreibt Wegeler dann laut TF das rege musikalische Leben im Haus des Fürsten, in dem Lichnowsky selbst Klavier spielte, Beethovens Werke einübte und seinen Schützling zu überzeugen versuchte, dass er an ihnen nichts ändern musste, ihn aber auch oft auf die in seinen Werken enthaltenen Schwierigkeiten aufmerksam machte. Wegeler erinnert sich auch an die Freitagsmorgenkonzerte im Haus Lichnowsky und an die vier vom Fürsten angestellten Musiker, Schuppanzigh, Weiss, Kraft und Linke, und an den Amateurmusiker Zmeskall. In diesem Kreis seien Beethovens neue Werke soweit wie möglich im Beisein einiger großer Musiker und Musikfreunde zum erstenmal gespielt worden. Er selbst [Wegeler] habe sich so oft er es einrichten konnte zu diesen Konzerten eingefunden. . . . Nach den Konzerten seien die Musiker meistens zum Essen geblieben. Die Gesellschaft habe -- ohne Rücksicht auf ihre gesellschaftliche Stellung -- aus Künstlern und Kennern bestanden. . . . Dass Beethoven andererseits jedoch nicht immer pünktlich zur Lichnowsky'schen Tafel erschien, geht aus Wegelers weiterem Bericht hervor. Er beschreibt Beethoven darin als einen jungen Mann, der unter extrem beschränkten Umständen aufgewachsen sei, quasi unter finanzieller Aufsicht, so dass er den Wert des Geldes nicht richtig einschätzen gelernt hatte. So habe ihn die Pflicht, als Gast des Fürsten täglich um 4 Uhr nachmittags zur Hauptmahlzeit des Tages zu erscheinen, sehr irritiert; er wollte nicht jeden Tag um halb vier Uhr wieder zuhause sein müssen, um sich umzukleiden, sich zu rasieren, usw., so dass er stattdessen oft ins Wirtshaus ging. Wegeler führt noch ein weiteres Beispiel von Beethovens finanzieller Sorglosigkeit an. Beethoven soll einmal Fürst Lichnowsky überhört haben, als dieser seinen eigenen Diener anhielt, Beethoven zuerst zu bedienen, falls sie beide zur gleichen Zeit für ihn läuteten. Daraufhin soll sich Beethoven einen eigenen Diener zugelegt haben. Auch soll er sich--als ihn die Laune packte, reiten lernen zu wollen [was er jedoch bald wieder aufgab], da ihm Lichnowsky seine Stallungen angeboten habe--selbst ein Pferd zugelegt haben.
In unseren Biographischen Seiten gingen wir bereits auf Wegelers Bericht ein, dass Beethoven [wohl während der Zeit, die Wegeler mit ihm in Wien verbrachte] "immer verliebt" gewesen sei und Eroberungen gemacht habe, die selbst für manchen Adonis schwierig gewesen seien. In seinem Bericht geht Wegeler auch auf Beethovens Unwillen, "auf Kommando" Klavier zu spielen, ein. Er habe sich oft bei Wegeler beschwert, so dass dieser ihn zu beschwichtigen und abzulenken versuchte. Nachdem Beethoven sich wieder beruhigt habe, habe sich Wegeler oft an den Schreibtisch gesetzt, und Beethoven auf den nahen Klavierstuhl, wo er dann ganz wie von selbst Klavier zu spielen begonnen habe. Wegeler bedauerte es sehr, dass er nicht mehr von Musik verstand. Manchmal legte er ein Blatt Papier auf den Schreibtisch, in der Hoffnung, dass Beethoven eine kleine Komposition darauf schreiben und liegen lassen würde. Aber was tat Beethoven? Wohl schrieb er solche kleine Stücke, steckte das Papier laut Wegeler aber dann in seine Tasche!
Bevor wir mit der Thayer-Forbes'schen Wiedergabe von Wegelers Erinnerungen fortfahren, ist es vielleicht auch interessant, einen Blick auf Gerhard von Breunings folgenden Bericht zu werfen:
" . . . Stephan was introduced to Chief Field Physician Gerhard von Vering[37] in Vienna by a letter of recommendation from Wegeler and (about 1800), through Wegeler's recommendation, found Beethoven already at home there. . . . " [Gerhard von Breuning, Memories of Beethoven from the Schwarzspanierhaus: 37; --
" . . . Stephan wurde beim Stabsfeldarzt Gerhard von Vering in Wien durch ein Empfehlungsschreiben Wegelers eingeführt und (etwa um 1800), durch Wegelers Empfehlung, fand Beethoven sich dort bereits zuhause [fühlend] vor].
Dieses Zital legt nahe, dass Wegeler Beethoven während seines Wiener Aufenthalts in den Jahren 1794 - 1796 auch im Haus von Dr. Vering einführte.
Dass jedoch nicht immer "eitel Sonnenschein" herrschte in dieser Freundschaftszeit, geht aus Thayer-Forbes folgendem Bericht hervor:"The following undated letter also belongs to the years of Beethoven's intimate association with Wegeler in Vienna (1794-96). It is significant of Beethoven's character. Though easily offended and prone to anger, no sooner was the first ebullition of temper past than he was so reconciliatory and so open to explanation that usually his contrition was out of all proportion to his fault. For this reason, and because it presents the friend in a light which provoked a protest from his modesty, Wegeler was unwilling to publish the entire letter, which follows" [TF: 172; --
-- TF schreibt hier, dass der folgende [undatierte] Brief auch in die Jahre von Beethovens vertrautem Umgang mit Wegeler in Wien [1794 - 96] gehört und für Beethovens Wesen bezeichnend sei. Obwohl er schnell beleidigt sein konnte und schnell zornig wurde, sei er, nachdem der erste Zorn verflogen gewesen sei, so versöhnungswillig und erklärungsbereit gewesen, dass gewöhnlich seine Reue viel größer gewesen sei, als sein vorheriges Verhalten erfordert hätte. Aus diesem Grunde, und daher, dass es den Freund in einem Licht zeigte, das vonseiten Wegelers aufgrund seiner Bescheidenheit Widerspruch provoziert habe, sei dieser nicht gewillt gewesen, den ganzen, hier folgenden Brief zu veröffentlichen].
Zitieren wir hier jedoch diesen Brief im deutschen Original:
"Beethoven an Franz Gerhard Wegeler:
[Wien, um 1795](2)
Lieber, Bester!
in was für einem Abscheulichen Bilde hast du mich mir selbst dargestellt! o ich erkenne es, ich verdiene deine Freundschaft nicht, du bist so edel, so gutdenkend, und das ist das erstemal, daß ich mich nicht neben dir stellen darf, weit unter dir bin ich gefallen, ach ich habe meinem Besten, edelsten Freund 8 wochen Lang verdruß gemacht, du glaubst, ich habe an der Güte meines Herzens verlohren, dem Himmel sey dank; nein; -- es war keine absichtliche, ausgedachte Boßheit von mir, die mich so gegen dich handeln ließ, es war mein unverzeihlicher Leichtsinn, der mich nicht die Sache in dem Lichte sehen ließ, wie sie wirklich war.--o wie schäm ich mich für dir, wie für mir selbst -- fast traue ich mich nicht mehr, dich um deine Freundschaft wieder zu bitten -- Ach Wegeler nur mein einziger Trost ist, daß du mich fast seit meiner Kindheit kanntest, und doch o laß mich's selbst sagen, ich war doch immer gut, und bestrebte mich immer der Rech[t]schaffenheit und Biederkeit in meinen Handlungen; wie hättest du mich sonst lieben können? -- sollte ich den[n] jezt seit der kurzen Zeit aufei[n]mal mich so schrecklich, so sehr zu meinem Nachtheil verändert haben -- unmöglich, diese Gefühle des Großen des Guten sollten alle aufeinmal in mir erloschen seyn? nein Wegeler lieber, Bester, o wag es noch einmal, dich wieder ganz in <deinem> die Arme deines B. zu werfen baue auf <das>die guten <Freunde> Eigenschaften, die du sonst in ihm gefunden hast, ich stehe dir dafür, den neuen Tempel der heiligen Freundschaft, den du darauf aufrichten wirst, er wird fest, ewig stehen, kein Zufall, kein Sturm wird ihn <aus>in seinen Grundfesten erschüttern können--fest,--Ewig--unsere Freundschaft--verzeihung--vergessenheit wieder aufleben der sterbenden sinkenden Freundschaft--o wegeler verstoße sie nicht diese Hand zur aussöhnung, gib die deinige in die meine -- Ach Gott. -- ach nichts mehr -- ich selbst komm zu dir, und werfe mich in deine Arme, und bitte um den verlohrnen Freund, und du giebst dich mir, dem reuevollen, dich liebenden, dich nie vergessenden
Beethoven
wieder".
Quelle: Ludwig van Beethoven Briefwechsel Gesamtausgabe, Band 1, Brief Nr. 19, S. 27-28.
[Original: Koblenz, Slg. Wegeler; zu (2): zeitliche Einordnung des Briefes: Wegeler war von etwa Oktober 1794 bis Juni 1796 in Wien; da Beethoven 1796 ab Februar jedoch auf Reisen war, kommt hauptsächlich das Jahr 1795 als Entstehungszeit in Frage; Angaben S. 28 entnommen].
Zeitlich passt zu diesem Verweis auf das Jahr 1795 auch Wegelers Bericht zu Beethovens ersten öffentlichen Auftritten am 29. und 30. März 1795. Wie TF [S. 173] berichtet, war das Instrumentalwerk der Benefizkonzerte zugunsten der Tonkünstlergesellschaft ein "Concerto for Pianoforte and Orchestra, composed and played by Beethoven", also ein Konzert für Klavier und Orchester, das Beethoven selbst komponiert hatte und das er auch selbst als Solist spielte. Lassen wir jedoch Thayer, auf Wegeler verweisend, dazu berichten:
»Erst am Nachmittag des zweiten Tages vor der Aufführung seines ersten Concerts (C-dur)«, sagt Wegeler S. 36, »schrieb er das Rondo und zwar unter heftigen Kolikschmerzen, woran er häufig litt. Ich half durch kleine Mittel, so viel ich konnte. Im Vorzimmer saßen vier Copisten, denen er jedes fertige Blatt einzeln übergab. . . . « [TDR, Bd. 1, S. 399]
In diesem Zusammenhang ist es weniger wichtig, auf welches Beethoven'sche Klavierkonzert sich Wegeler bezieht als die Tatsache, dass er seinem Freund als Arzt, wie er selbst schreibt, "so viel ich konnte" durch "kleine Mittel" half, ohne die Beethoven vielleicht nicht in der Lage gewesen wäre, aufzutreten.
Wie wir aus unseren Biographischen Seiten wissen, war Beethoven im Jahr 1796 viel auf Reisen. Daher wirft sich hier die Frage auf, wann sich Wegeler und Beethoven in diesem Jahr zum letzten Mal sahen. Wenn wir davon ausgehen, dass Wegeler im Juni dieses Jahres nach Bonn zurückkehrte und dass Beethoven sich Ende Januar/Anfang Februar 1796 auf seine erste Reise machte, die ihn von Prag über Dresden nach Berlin führen sollte, stellt sich uns die Frage, ob Beethoven noch rechtzeitig nach Wien zurückkehrte, um sich von Wegeler verabschieden zu können. Dazu schreibt Thayer-Forbes:
"Early in July, the king left Berlin for the baths of Pyrmont, the nobility dispersed to their estates or to watering places, and the city "was empty and slient." Beethoven, therefore, could have had no inducement to prolong his stay; but the precise time of his departure is unknown.
Nothwishstanding Wegeler's statement (Notizen, p. 28) that he left Beethoven a member of the family of Prince Lichnowsky "in the middle of 1796," it is as certain as circumstantial evidence can well make it that the Doctor and Christoph von Breuning had returned to Bonn before Beethoven reached Vienna again; . . . " [Thayer-Forbes: 187; --
-- Thayer geht darauf ein, dass der König von Preußen Berlin Anfang Juli (1796) verließ, um sich in Pyrmont zu erholen und dass auch der Adel Berlin verließ, so dass die Stadt still wurde. Dies bot Beethoven wohl keinen Anreiz, sich weiter in Berlin aufzuhalten. Jedoch sei das genaue Datum seiner Abreise nicht bekannt. Trotz Wegelers Bericht in seinen Notizen, dass er Beethoven als ein Mitglied der Familie des Fürsten Lichnowsky Mitte 1796 in Wien zurückließ, sei anzunehmen, dass er und Christoph von Breuning bereits auf dem Weg nach Bonn gewesen seien, als Beethoven wieder in Wien eingetroffen sei].
Laut Thayer-Forbes [S. 187] berichtete Fasch [der damalige Direktor der Berliner Singakademie]:
"June 21, 1796. Hr. van Beethoven extemporized on the "Davidiana," taking the fugue theme from Ps. 119, No. 16. . . . Hr. Beethoven, pianist from Vienna, was so accommodating as to permit us to hear an improvisation. . . . June 28, Hr. van Beethoven was again so obliging as to play an improvisation for us" [TF: 187; --
"21. Juni 1796. Hr. van Beethoven extemporisierte zur "Davidiana" und nahm dazu das Fugenthema aus Psalm 119, Nr. 16. . . . Hr. Beethoven, Pianist aus Wien, war so entgegenkommend und erlaubte uns, ihn improvisieren zu hören. . . . 28. Juni, Hr. van Beethoven war wieder so zuvorkommend, eine Improvisation für uns zu spielen"].
Dies legt nahe, dass sich Beethoven zumindest am 28. Juni 1796 noch in Berlin aufhielt. Gerhard von Breuning begrenzt Wegelers zweiten Wiener Aufenthalt durch seinen Kommentar, dass "from October 1794 to June 1796, he had another period of happy association with his Ludwig in Vienna" [Gerhard von Breuning, "Memories of Beethoven", S. 33], also dass sich Wegeler von Oktober 1794 bis Juni 1796 in Wien aufhielt. Dies legt ebenfalls nahe, dass Thayer-Forbes Einschätzung, dass sich die beiden Freunde wohl im Juni 1796 nicht mehr sahen, nicht unrichtig ist.
WEGELERS
BONNER JAHRE BIS ZU SEINER HEIRAT [1797 - 1802]
UND SEIN BRIEFWECHSEL MIT BEETHOVEN
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Blick auf Bonn zu Beethovens Zeiten
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" . . . Nach meiner Zurückkunft von Wien 1796 gieng's mir ziemlich übel; ich mußte mehrere Jahre von der Praxis allein leben, und das daurte in der höchst verarmten Gegend einige Jahre, ehe ich mein Auskommen hatte. Nun ward ich aber wieder ein bezahlter Professor . . . "
schrieb Wegeler an Beethoven in seinem Brief vom 28. Dezember 1825 [Quelle: Ludwig van Beethoven Briefwechsel Gesamtausgabe, Band 6, Brief Nr. 2100, S. 196-199; Original: Bonn, Beethoven-Haus]. Dies legt nahe, dass Wegeler nicht sofort im Jahr 1796 wieder eine Professur an der Universität erhielt, wohl aber noch vor der Schließung derselben im Jahr 1798 [Informationsquelle: Die Sammlung Wegeler im Beethoven-Haus, eingesehen am 26. Februar 2008]. Dieser Quelle zufolge soll Wegeler danach eine Lehrtätigkeit an der neu gegründeten Zentralschule in Bonn angenommen haben und sich danach als praktischer Arzt betätigt haben.
So haben wir uns Wegeler im Jahr 1797, als Beethoven ihm die folgenden, kurzen Zeilen schrieb, als Professor an der Universität vorzustellen:
"Beethoven an Franz Gerhard Wegeler
[Wien, 29. Mai 1797](1)
Grüß dich Gott, lieber!
ich bin dir einen Brief schuldig, den sollst du nächstens haben, wie auch meine neusten Musikalien, -- mir geht's gut, und ich kann sagen immer besser, glaubst du, daß es jemand freuen wird, so grüß von meiner seite. --
leb wohl und vergiß nicht deinen
L. v. Beethoven."
Quelle: Ludwig van Beethoven Briefwechsel Gesamtausgabe, Band 1, Brief Nr. 30, S. 39-40.
(Original: Koblenz, Slg. Wegeler; zu (1): Datierung entsprechend Wegelers Vermerk; Beethoven setzte diese Zeilen zu einem Brief Lenz v. Breunings an Wegeler hinzu; Angaben S. 39-40 entnommen).
Welche Musikalien Beethoven Wegeler zu dieser Zeit senden wollte, ist uns leider nicht bekannt.
Wie wir wissen, brachten die nächsten Jahre für Beethoven trotz seines Gehörverlusts weiterhin rege Schaffenstätigkeit, bis ihn 1801 sein sich verschlimmernder Zustand einholte und ihn dazu führte, zweien seiner engsten Freunde darüber Bekenntnisbriefe zu schreiben. Neben Carl Friedrich Amenda war es Franz Gerhard Wegeler, den Beethoven ins Vertrauen zog. Die nachfolgenden Briefe an ihn sind weithin bekannt und sprechen für sich selbst.
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Beethoven um 1801
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"Beethoven an Franz Gerhard Wegeler in Bonn
Vien, am 29ten Juni [1801](1)
Mein guter lieber Wegeler, wie sehr danke ich dir für dein Andenken an mich, ich habe es so wenig verdient um dich zu verdienen gesucht, und doch bist so sehr gut, und läßt dich durch nichts, selbst durch meine unverzeihlichen Nachläßigkeit nicht abhalten, bleibst immer der treue gute biedere Freund; -- daß ich dich und überhaupt euch, die ihr mir einst alle so lieb und theuer waret, vegessen könnte, nein das glaub nicht, es giebt Augenblicke, wo ich mich selbst nach euch sehne, ja bey euch einige Zeit zu Verweilen; -- mein Vaterland die schöne gegend, in der ich das Licht der Welt erblickte, ist mir noch immer so schön und deutlich vor meinen Augen, als da ich euch verließ, kurz ich werde diese Zeit <mir> als eine der glücklichsten Begebenheiten meines Lebens betrachten, wo ich euch wieder sehen und unsern Vater Rhein begrüßen kann. -- wann dies seyn wird, das kann ich noch nicht bestimmen, so viel will ich euch sagen, daß ihr mich nur recht groß wiedersehen werdet, nicht als Künstler sollt ihr mich größer, sondern als Mensch sollt ihr mich besser, Vollkommener finden, und ist dann der Wohlstand etwas besser in unserm vaterlande, dann soll meine Kunst sich nur zum Besten der Armen zeigen, o glückseliger Augenblick, wie glücklich halte ich mich, daß ich dich herbey schaffen, dich selbst schaffen kann -- von meiner Lage willst du was wissen, nun sie wäre eben so schlecht nicht, seit vorigem Jahr hat mir Lichnowski(2), der, so unglaublich es dir auch ist, wenn ich dir sage, immer mein wärmster Freund war und geblieben (kleine Mißhelligkeiten gibt's ja auch unter unß), (und haben nicht eben diese unsere Freundschaft mehr befestigt!) eine sichere Summe von 600 fl. ausgeworfen, die ich, so lange ich keine für mich passende Anstellung finde, ziehen kann, meine Komposizionen tragen mir viel ein, und ich kann sagen, daß ich mehr Bestellungen habe, als es fast möglich ist, daß ich machen kann, auch habe ich auf jede Sache 6, 7 Veleger und noch mehr, wenn ich mir's angelegen sein lassen will, man accordirt nicht mehr mit mir, ich fordere und man zahlt, du siehst, daß es eine hübsche Lage ist, z.B. ich sehe einen Freund in Noth und mein Beutel leidet eben nicht, ihm gleich zu helfen, so darf ich mich nur hinsezen und in kurzer Zeit ist ihm geholfen -- auch bin ich ökonomischer als sonst, sollte ich immer hier bleiben, so bringe ichs auch sicher dahin daß ich jährlich immer eine[n] Tag zur Akademie erhalten, deren ich einige gegeben, <erhalten> nur hat der neidische Dämon, meine schlimme Gesundheit, mir einen schlechten Stein ins Brett geworfen nemlich: mein Gehör ist seit 3 Jahren immer schwächer geworden, und das soll sich durch meinen Unterleib, der schon damals wie Du weist elend war, hier aber sich verschlimmert hat in dem ich beständig mit einem Durchfall behaftet war, und mit einer dadurch außerordentlichen schwäche, ereignet haben, Frank(3) wollte meinem leib den Ton(4) wieder geben durch stärkende Medizine und mein Gehör durch Mandelöhl, aber prosit, daraus ward nichts, mein gehör ward immer schlechter, und mein Unterleib blieb immer in seiner vorigen Verfassung, das dauerte bis voriges Jahr Herbst, wo ich manchmal in Verzweiflung war, da rieth mir ein Medizinischer asinus das kalte Bad für meinen Zustand, ein gescheiderer das gewöhnliche Lauwarme DonauBad, das that wunder, mein Bauch war besser mein Gehör blieb oder ward noch schlechter, diesen Winter gieng's mir wirklich elend, da hatte ich wirckliche schreckliche Koliken, und ich sank wieder ganz in meinen Vorigen Zustand zurück; und so bliebs bis ohngefähr 4 Wochen, wo ich zu Wering(5) ging indem ich dachte, daß dieser Zustand zugleich auch einen Wundarzt erfordere, und ohnedem hatte ich immer vertrauen zu ihm, ihm gelang es nun fast gänzlich diesen heftigen Durchfall zu hemmen, er verordnete mir das laue Donaubad, wo ich jedesmal noch ein fläschchen stärkende sachen hineingießen muste, gab mir gar keine Medizin, vor ohngefähr 4 Tagen Pillen für den magen und einen Thee für's Ohr, und darauf kann ich sagen befind ich mich stärker und besser <ich> nur meine ohren, die sausen und Brausen tag und Nacht fort; ich kann sagen, ich bringe meine Leben elend zu, seit 2 Jahren fast meide ich alle gesellschaften, weils mir nun nicht möglich ist, den Leuten zu sagen, ich bin Taub, hätte ich irgend ein anderes Fach, so giengs noch eher, aber in meinem Fach ist das ein schrecklicher Zustand, dabey meine Feinde, deren Anzahl nicht geringe ist, was würden diese hiezu sagen -- um dir einen Begriff von dieser wunderbaren Taubheit zu geben, so sage ich dir, daß ich mich im Theater ganz dicht am Orchester <oder>gar anlehnen muß, um den schauspieler zu verstehen, die hohen Töne von Instrumenten singstimmen, wenn ich etwas weit weg bin höre ich nicht, im sprechen ist es zu verwundern daß es Leute giebt die es niemals merken, da ich meistens Zerstreuungen hatte, so hält man es dafür, manchmal auch hör ich den Redenden der leise spricht kaum, ja die Töne wohl, aber die worte nicht, und doch sobald jemand schreit, ist es mir unausstehlich, was es nun werden wird, das weiß der liebe Himmel, wering sagt, daß es gewiß besser werden wird, <obwohl ich es> wenn auch nicht ganz--ich habe schon oft den schöpfer und mein daseyn verflucht, Plutarch hat mich zu der Resignatio geführt, ich will wenn's anders möglich ist, meinem schicksaal trozen, obschon es Augenblicke meines Lebens geben wird, wo ich das unglücklichste Geschöpf gottes seyn werde. Ich bitte dich von diesem meinem Zustand niemandem auch nicht einmal der Lorchen(7) etwas zu sagen, nur als geheymniß vertraue ich dir's an, lieb wäre mir's, wenn du einmal mit Wering darüber Brief wechseltest, sollte mein Zustand fortdauren, so komme ich künftiges frühjahr zu dir, du miethe(s)t mir irgendwo in einer schönen Gegend ein Hauß auf dem Lande, und dann will ich ein halbes Jahr ein Bauer werden, vieleicht wird's dadurch geändert, resignation: welches elende Zufluchtsmittel, und mir bleibt es doch das einzige übrige.--
du verzeihst mir doch, daß ich dir in deiner ohnedem trüben Lage noch auch diese Freundschaftliche Sorge aufbinde -- Steffen Breuning ist nun hier(8) und wir sind fast täglich zusammen, es thur mir so wohl die alten Gefühle wieder hervorzurufen, er ist wirklich ein guter Herrlicher Junge geworden der was weiß, und das Herz wie wir alle mehr oder weniger auf dem Rechten Flecke hat, ich habe eine sehr schöne Wohnung jezt, welche auf die Bastey geht(9) und für meine gesundheit doppelten werth hat, ich glaube wohl, daß ich es werde möglich machen können, daß B. zu mir komme.--
deinen Antiochum(10) sollst du haben, und auch noch recht viele Musikalien von mir, wenn du anders nicht glaubst, daß es dich zu viel kostet, aufrichtig deine Kunstliebe freut mich doch noch sehr, schreibe mir nur, wie es zu machen ist, so will ich Dir alle meine Werke schicken, das nun freylich eine hübsche Anzahl ist, und die sich täglich vermehrt.--
statt dem Portrait meines Großvaters, welches ich dich bitte mir sobald als möglich mit dem Postwagen zu schicken,(11) schicke ich Dir das seines Enkels deines dir guten und herzlichen Beethoven, welches hier bey Artaria, die mich hier darum oft ersuchten so wie viele andere, auch auswärtige Kunsthandlungen, herauskommt,(12) -- Stoffel(13) will ich nächstens schreiben, und ihm ein wenig den Text lesen über seine störrische laune, ich will ihm die alte Freundschaft recht ins Ohr schreien, er soll mir heilig versprechen, euch in euren ohnedem trüben Umständen nicht <zu stören> noch mehr zu kränken -- auch der guten Lorchen will ich schreiben, nie habe ich auch einen unter euch lieben guten Vergessen, wenn ich euch auch gar nichts von mir hören ließ, aber schreiben, das weist du, war nie meine sache, auch die besten Freunde haben Jahre lang keine Briefe von mir erhalten, ich lebe nur in meinen Noten, und ist das eine kaum da ist das andere schon angefangen, so wie ich jetzt schreibe, mache ich oft 3 4 sachen zugleich--schreibe mir jetzt öfter, ich will schon sorge tragen, daß ich Zeit finde, dir zuweilen zu schreiben, grüße mir alle, auch die gute Frau Hofräthin(14), und sag ihr, daß ich noch zuweilen einen raptus han, was Koch's angeht, so wundere ich mich gar nicht über deren Veränderung,(15) das glück ist kugelrund und fällt daher natürlich nicht immer auf das edelste, das beste --- wegen Rieß(16), den mir herzlich grüße, was seinen sohn anbelangt, will ich dir näher schreiben, obschon ich glaube, daß um sein Glück zu machen Paris besser als wien sey,(17) Vien ist überschüttet mit Leuten, und selbst dem Bessern Verdienst fällt es dadurch hart, sich zu halten -- bis den Herbst oder bis zum Winter werde ich sehen, was ich für ihn thun kann, weil dann alles wieder in die Stadt eilt --
leb wohl guter treuer Wegeler sey versichert von der liebe und Freundschaft
deines Beethowen"
[Quelle: Ludwig van Beethoven Briefwechsel Gesamtausgabe, Band 1, Brief Nr. 65, S. 78 - 83; Original: Koblenz, Slg. Wegeler; zu (1): wird von Wegeler und anderen Herausgebern auf 1800 datiert, aber aus inhaltlichen Gründen ist 1801 wahrscheinlicher; zu (2): verweist auf Fürst Karl Lichnowsky; zu(3): verweist vermutlich auf Johann Peter Frank oder seinen Sohn Joseph; der Vater war angesehener Arzt und medizinischer Lehrer in Wien, wo er seit 1795 wirkte, 1804 ging er nach Wilna und danach nach St. Petersburg, und kehrte 1808 nach Wien zurück; der Sohn kam 1796 nach Wien und wirkte als Primararzt am Allgemeinen Krankenhaus; er heiratete 1798 die mit Beethoven befreundete Sängerin Chrstine Gerhardi; zu (4): verweist auf den Spannungszustand der Muskeln, der für die Durchblutung bedeutend sei; zu (5): verweist auf Gerhard von Vering, einen in Wien ansässigen Arzt aus dem Rheinland; Stephan v. Breuning heiratete 1809 seine Tochter Julie; zu (6): verweist möglicherweise auf Beethovens Rückzug aus dem öffentlichen Leben, wie er ihn bei Plutarch aus den Biographien klassischer Staatsmänner kannte, bei Beethoven wohl seine Flucht auf das Land; zu (7): verweist auf Wegelers Braut, Eleonore von Breuning; zu (8): verweist auf Stephan von Breuning, der sich seit Ende Mai 1801 in Wien aufhielt; zu (9): verweist vielleicht auf das sog. "Hambergische Haus" (nach Smolle, wird jedoch von Klein und Goldschmidt angefochten); zu (10): laut Wegeler handelte es sich um "ein bekanntes Bild von [Heinrich] Füger . . . Direktor der Maler-Akademie in Wien"; zu (11): verweist auf das Portrait von Beethovens Großvater, von Radoux; zu (12): verweist wohl auf den Stich von Johann Joseph Neidl nach einer Zeichnung von Gandolf Ernst Stainhauser von Treuberg von 1801; zu (13); verweist auf Stephan von Breunings Bruder Christoph von Breuning; zu (14): verweist auf deren Mutter, Frau Maria Helene von Breuning; zu (15): verweist auf Babette Kochs Verhältnis zu Graf Anton Belderbusch, dessen Kinder sie betreute, nachdem ihn seine Gattin verließ; seine Ehe wurde vom Papst dispensiert und zivilrechtlich geschieden, wonach er 1802 Babette Koch heiratete; zu (16): verweist auf Franz Anton Ries; zu (17): verweist auf Ries' Sohn Ferdinand, der gegen Ende 1801 nach Wien kam; Angaben S. 81-83 entnommen).
"Beethoven an Franz Gerhard Wegeler in Bonn
Vien am 16ten November 1801 [1].
Mein guter Wegeler! ich danke dir für den Neuen Beweiß deiner sorfgalt um mich, um so mehr,
da ich es so wenig um dich verdiene -- du willst wissen, wie es mir geht, was ich brauche, so ungerne ich
mich von dem Gegenstande überhaupt unterhalte, so thue ich es doch noch am liebsten mit dir -- Wering[2]
läßt mich nun schon seit einigen Monathen immer Fiskkaturen[3] auf beyde Armen legen, welche
aus einer gewissen Rinde, wie du wissen wirst, besteh
man spricht Wunder vom Galwanism[5] was sagst du dazu? -- ein Medeziner sagte mir er habe ein Taubstummes Kind sehen sein Gehör wieder erlangen in Berlin, und einen Mann der ebenfalls sieben Jahr taub gewesen, und sein Gehör wieder erlangt habe -- ich höre eben dein Schmidt[6] macht hiermit versuche -- etwas angenehmer lebe ich jezt wieder, indem ich mich mehr unter Menschen gemacht, du kannst es kaum glauben, wie öde, wie traurig ich mein Leben seit 2 Jahren zugebracht, wie ein Gespenst ist mir mein schwaches Gehör überall erschienen, und ich flohe -- die Menschen, mußte Misantrop scheinen, und bins doch so wenig, diese Veränderung hat ein liebes zauberisches Mädchen[7] hervorgebracht, die mich liebt, und die ich liebe, es sind seit 2 Jahren wieder einige seelige Augenblicke, und es ist das erstemal, daß ich fühle, daß -- heirathen glücklich machen könnte, leider ist sie nicht von meinem stande -- und jetzt -- könnte ich nun freylich nicht heirathen -- ich muß mich nun noch wacker herumtummeln, wäre mein Gehör nicht, ich wäre nun schon lange die halbe Welt durchgereißt, and das muß ich -- für mich gibts kein großeres Vergnügen als meine Kunst zu treiben und zu zeigen -- glaub nicht daß ich bey euch glücklich seyn würde, was sollte mich auch glücklicher machen, selbst eure sorgfalt würde mir wehe thun, ich würde jeden Augenblick das Mitleiden auf euren Gesichtern lesen, und würde mich doch nur noch unglücklicher finden --
jene schöne vaterländische Gegenden, was war mir in ihnen beschieden, nichts als die hoffnung in einen beßren Zustand, er wäre mir nun geworden -- ohne dieses übel, o die Welt wollte ich umspannen von diesem Frey, meine Jugend -- ja ich fühle es, sie fängt erst jezt an, war ich nicht immer ein siecher Mensch, meine körperliche Kraft -- nimmt seit einiger Zeit mehr als jemals zu, und so meine Geisteskräfte jeden tag gelange ich mehr zu dem Ziel, was ich fühle, aber nicht beschreiben kann, nur hierin kann dein B. leben, nichts von ruhe -- ich weiß von keiner andern als dem schlaf, und wehe genug thut mirs, daß ich ihm jezt mehr schenken muß als sonst, nur halbe befreyung von meinem übel, und dann -- als vollendeter, reifer Mann komme ich zu euch erneure die alten FreundschaftGefühle, so glücklich als es mir hinieden beschieden ist, sollt ihr mich sehen, nicht unglücklich -- nein das könnte ich nicht ertragen -- ich will dem schicksaal in den rachen greifen, ganz niederbeugen soll es mich gewiß nicht -- o es ist so schön das Leben tausendmal leben -- für ein stilles -- Leben, nein ich fühl's, ich bin nicht mehr dafür gemacht -- du schreibst mir doch so bald als möglich -- sorgst, daß der Steffen sich bestimmt, sich irgendwo im Deutschen Orden anstellen zu laßen,[8] das Leben hier ist für seine Gesundheit mit zu viel strapazzen verbunden, noch obendrein fürht er so ein isolirtes Leben, daß ich gar nicht sehe, wie er so weiter kommen will, du weißt wie das hier ist, ich will nicht einmal sagen, daß gesellschaft seine Abspannung vermindern würde, man kann ihn auch nirgends hinzugehen überreden, ich habe einmal bey mir vor einiger Zeit Musick gehabt, wo ausgesuchte Gesellschaft War,[9] unser Freund -- St. -- blieb doch aus -- emphele ihm doch mehr Ruhe und gelassenheit, ich habe schon auch alles angewendet, ohne das kann er nie weder glücklich noch gesund seyn -- schreib mir nun im nächsten Briefe, ob's nichts macht, wenns recht viel ist, was ich dir von meiner Musik schicke, du kannst zwar das was du nicht brauchst wieder verkaufen, und so hast du dein Postgeld -- mein Portrait[10] -- auch -- alles mögliche schöne und verbindliche an die L.[orchen] -- auch die Mama -- auch Kristoph[11] -- Du liebst mich doch ein wenig, sey so wohl von dieser als auch von der Freundschaft überzeugt
Deines
Bthwn"
[Quelle: Ludwig van Beethoven Briefwechsel Gesamtausgabe, Band 1, Brief Nr. 70, S. 88 - 92; Original: Koblenz, Slg. Wegeler; zu [1]: verweist darauf, dass Beethoven das Datum rechts am Rand nachgetragen hatte; zu [2]: verweist auf den Stabsfeldarzt Gerhard von Vering; zu [3]: verweist auf Vesicantia oder Vesikaturen, also blasenziehende Mittel; zu [4]: verweist auf Johann Adam Schmidt [1759-1809], Stabsfeldarzt und Professor für allgemeine Medizin an der Josephsakademie; zu [5]: hier verweist die GA darauf, dass das Hauptforschungsgebiet des Naturforschers Luigi Galvani die Physiologie der Vögel war, inbesondere ihrer Gehörorgane und darauf, dass ein Zufall ihn im November 1780 den nach ihm benannten Galvanismus entdecken ließ zu [6]: verweist wiederum auf den in [4] bereits erwähnten Dr. Schmidt, mit dem er [Wegeler) offenbar eng befreundet war; zu [7]: verweist wohl auf Giulietta Guicciardi; zu [8]: verweist darauf, dass Stephan von Breuning seit dem 21.9.1796 bei der Regierung des Ordens zunächst in Mergentheim, später in Wien als Assessor angestellt war; die GA erwähnt weiter, dass er die Dienste des Ordens 1803 verließ, um im k.k. Hofkriegsrat eine Stelle als Hofkonzipist anzunehmen; zu [9]: verweist wohl auf die musikalische Veranstaltung vom 15.8.1801, von der laut GA Franz Anton Hoffmeister seinem Kompagnon Ambrosius Kühnel am 19.8.1801 berichtet: "samstags war Musik bei Beethoven, alwo auch ich, Bernard Forkel, Salieri, Preindl, Par, etc etc samt eine Menge Damen und Cavaliers zugegen waren"; zu [10]: verweist wohl auf den Stich von Johann Joseph Neidl nach einer verschollenen Zeichnung von Gandolf Stainhauser von Treuberg, der im Herst 1801 bei Giovanni Cappi in Wien erschienen war; zu [11]: verweist auf Grüße an Wegelers spätere Gattin Eleonore von Breuning und ihre Mutter Helene und Bruder Christoph von Breuning; Einzelheiten S. 91 - 92 entnommen].
Diese Briefe erreichten Wegeler noch als Junggeselle.
WEGELERS LETZTE BONNER JAHRE [1802 - 1807]
Weitere Nachrichten über seinen Freund Beethoven erhielt Wegeler meistens vom nun auch in Wien ansässigen Schwager Stephan von Breuning, wie hier in seinem Brief vom 13. November 1804:
"Der Freund, der mir von den Jugendjahren hier blieb, trägt noch oft und viel dazu bei, daß ich gezwungen werde, die abwesenden zu vernachlässigen. Sie glauben nicht, lieber Wegeler, welchen unbeschreiblichen, und ich möchte sagen: schrecklichen Eindruck die Abnahme des Gehörs auf ihn gemacht hat, Denken Sie sich das Gefühl unglücklich zu sein, bei seinem heftigen Charakter hierbei Verschlossenheit, Mißtrauen, oft gegen seine besten Freunde, in vielen Dingen Unentschlossenheit! Größtentheils, nur mit einigen Ausnahmen, wo sich sein ursprüngliches Gefühl ganz frei äußert, ist Umgang mit ihm eine wirkliche Anstrengung, wo man sich nie selbst überlassen kann. Seit dem Mai bis zu Anfang dieses Monats haben wir in dem nämlichen Hause gewohnt, und gleich in den ersten Tagen nahm ich ihn in mein Zimmer. Kaum bei mir, verfiel er in eine heftige, am Rande der Gefahr vorübergehende Krankheit, die zuletzt in ein anhaltendes Wechselfieber überging. Besorgniß und Pflege haben mich da ziemlich mitgenommen. Jetzt ist er wieder ganz wohl. Er wohnt auf der Bastey, ich in einem vom Fürsten Esterhazy neuerbauten Hause vor der Alster-Kaserne, und da ich meine eigene Haushaltung führe, so ißt er täglich bei mir" [TDR: Bd. 2, S. 432].
Dass Wegeler auch zumindest indirekt in
Bezug auf Beethovens weiteres Schaffen auf dem Laufenden gehalten wurde, geht
aus Stephan von Breunings Brief aus dem Jahr 1806 an seine Schwester und seinen
Schwager hervor:
" . . . My father wrote to
his sister Eleonore and her husband (Wegeler-Ries, pp. 62-66, Eng. edn, p.
58-60):
Vienna, June 2, 1806 Dear
Sister, dear Wegeler.
If I remember rightly, I promised in my last letter to write to you about
Beethoven's opera. Since it certainly must be of interest to you, I'll
keep this promise. The music couldn't be more perfect and beautiful, and
the subject is interesting; it tells of the liberation of a prisoner through the
loyalty and courage of his wife, but yet, for all that, nothing has caused
Beethoven so much annoyance as this work, whose value will only be fully
appreciated in the future. In the first place, it was given seven days
after the French troops marched in, the moment couldn't have been more
unfavorable. The theaters were empty, of course, and Beethoven, who also
notices that there were some things wrong with the way the text was treated,
withdrew the opera after three performances. After life returned to
normal, he and I took it up again.* I reworked the entire libretto for
him,+ making the action more lively and rapid; he made cuts in many
numbers, and thereafter it was given three times to tremendous
applause.[49] However, there were enemies in the theater and he clashed
with some of them, especially at the second performance, and they brought things
to a point where the work was no longer given after that. Even earlier,
many difficulties had been put in his way. A single example as evidence of
these is the fact that at the second performance he could not get the
announcement of the opera to be made with the revised title Fidelio, as
it is given in the French original and as it appeared on the printed version
after the changes had been made. In violation of all the promises made,
the first title, Leonore, was found on the posters for the
performances.[51] What made the intrigue all the more disagreeable for
Beethoven was that he has been set back financially, by non-performance of the
opera, for which he was to be paid on the basis of a percentage of the
receipts. It will take him all the longer to pull himself out of it
because the treatment he has received has made him lose much of his desire to
work and pleasure in working. . . . " [Gerhard von Breuning, Memories of
Beethoven from the Schwarzspanierhaus: 41; -- --
Wie Gerhard von Breuning erzählt, schrieb sein Vater folgende Zeilen
an seine Schwester Eleonore und an ihren Gatten Wegeler [zitiert aus
Wegeler-Ries, S. 62-66, engl. Ausgabe S. 58-60]:
Wien, 2. Juni 1806 Liebe
Schwester, lieber Wegeler.
Falls ich mich recht erinnere, versprach ich in meinem letzten Brief, Euch von
Beethovens Oper zu schreiben. Da es Euch sicher interessiert, halte ich
mein Versprechen. Die Musik könnte nicht vollkommener und schöner
sein, und das Thema ist interessant; es beschreibt die Befreiung eines Gefangenen
durch die Treue und den Mut seiner Gattin, aber trotz alldem hat Beethoven nichts
mehr Ärger gebracht als dieses Werk, dessen Wert erst in der Zukunft geschätzt
werden wird. Zum Ersten wurde es sieben Tage nach dem Einmarsch der Franzosen
gegeben; die Zeit hätte nicht ungünstiger gewählt werden können.
Selbstverständlich waren die Theater leer, und Beethoven, der auch merkte, dass
etwas mit der Textbehandlung nicht stimmte, zog die Oper nach drei Aufführungen
zurück. Nachdem sich die Lage wieder normalisiert hatte, nahm er sie
[die Oper] wieder auf. Ich überarbeitete das ganze Libretto für ihn
und machte die Handlung lebhafter und schneller; er nahm Kürzungen in vielen
Nummern vor, und danach wurde sie [die Oper] dreimal unter großem Beifall
gegeben. Jedoch waren einige seiner Feinde im Theater, und er stritt sich
mit ihnen, besonders bei der zweiten Aufführung, und diese brachten es
soweit, dass das Werk danach nicht mehr aufgeführt wurde. Sogar schon
früher hatte man ihm Schwierigkeiten in den Weg gelegt. Ein Beispiel
dafür ist die Tatsache, dass er bei der zweiten Aufführung nicht
erreichen konnte, dass die Oper mit ihrem geänderten Titel, Fidelio,
angekündigt wurde, wie es im französischen Original vorgegeben war,
und wie es im Druck erschien, nachdem die Veränderungen vorgenommen waren.
Entgegen aller gemachten Versprechungen stand auf den Ankündigungsplakaten
der alte Titel, Leonore. Was diese Intrige für Beethoven noch
unangenehmer machte, war die Tatsache, dass er finanziell eine Einbuße
dadurch erlitt, dass die Oper nicht aufgeführt worden war. Es wird ihm
umso länger dauern, sich aus dieser Lage zu befreien, da die Behandlung,
die er erfahren hatte, ihm viel von seiner Schaffensfreude nahm. . . . "].
Diese
Zeilen richtete Stephan von Breuning noch in Richtung Bonn.
WEGELER
IN KOBLENZ UND
SEIN WEITERER BRIEFWECHSEL MIT BEETHOVEN [1807 - 181
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Koblenzer Altstadt mit Blick auf
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Wie Wegelers Neffe Gerhard von Breuning berichtet, siedelten die Wegelers im Jahr 1807 nach Koblenz um:
"In 1807 he moved to Coblenz, where he lived an active life as Privy Governmental and Medical Councillor until his death (May 7, 1848 . . . " [Gerhard von Breuning, Memories of Beethoven from the Schwarzspanierhaus: 33; --
-- "1807 zog er nach Koblenz, wo er als Regierungs- und Medizinalrat bis zu seinem Tod [am 7. Mai 1848] ein aktives Leben führte"].
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Franz Gerhard Wegeler
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Dort
erhielt Wegeler im Frühjahr 1810 eine dringende Bitte seines alten Bonner
Freundes um die Besorgung seines Taufscheins. Wie wir bereits wissen,
war Beethoven damals sehr an Therese von Malfatti interessiert und hoffte
wohl noch, dass sein Heiratsantrag erfolgreich sein würde:
"Beethoven
an Franz Gerhard Wegeler in Koblenz
Vien am 2ten May 1810
Guter alter Freund -- beynahe kann ich es denken erwecken meine Zeilen Staunen
bey dir -- und doch, obschon du keine schriftliche Beweise hat, bis du doch noch
immer bey mir im lebhaftesten Andenken -- Unter meinen Manusc<hriften>ripten
ist selbst schon lange Eins, was dir zugedacht ist, und was du gewiß noch diesen Sommer
erhältst[1] -- seit ein 2 Jahren hörte ein stilleres ruhigeres Leben bey mir auf,
und ich ward mit gewalt in das Weltleben gezogen, noch habe ich kein Resultat dafür
gefaßt, und vieleicht eher dawider -- doch auf wen mußten nicht auch die Stürme
von außen Wirken? Doch ich wäre glücklich, vieleicht einer der Glüklichsten
Menschen, wenn
du wirst mir eine Freundschaftliche Bitte nicht abschlagen, wenn ich dich ersuche mir meinen
Taufschein zu besorgen[2] -- was nur immer für Unkosten dabey sind, da
Steffen
Breuning mit dir in Verrechnung steht, so kannst du dich da gleich bezahlt machen, so wie ich hier an Steffen
gleich alles ersezen werde -- solltest du auch selbst es der Mühe werth halten, der sache
nachzuforschen, und es dir gefallen, die reise von Koblenz nach Bonn zu machen, so rechne mir nur alles
an--Etwas ist Unterdessen in Acht zu nehmen, nemlich: daß noch ein Bruder früherer
Geburt vor mir war, der ebenfalls Ludwig hieß nur mit dem Zusaze "Maria"[4], aber
gestorben, um mein gewisses Alter zu bestimmen, muß man also diesen erst finden, da ich ohnedem
schon weiß, daß
denke mit einigem Wohlwollen an mich, so wenig ich's dem äußern scheine nach um dich verdiene --
Umarme küße deine verehrte Frau[7], deine Kinder[8], alles was dir lieb ist -- im Namen deines Freundes
Beethown"
[Quelle: Ludwig van Beethoven Briefwechsel Gesamtausgabe, Band 2, Brief Nr. 439, S. 118-120; Original: Koblenz,
Slg. Wegeler; zu [1]: verweist auf Wegelers Anmerkung: "Mein Loos hierin war auch jenes seines Schülers Ries;
die Dedication blieb in den Briefen. Sind diese aber nicht höheren Werthes?"; hierzu verweist die GA auf
Wegeler/Ries, S. 47; zu [2]: verweist laut GA auf Wegelers spätere Erläuterung aus dem Jahr 1845, mit
einem Zital aus einem Brief Stephan von Breunings, den dieser "drei Monate" nach Beethovens Schreiben an ihn
gerichtet hatte: "Beethoven sagt mir alle Woche wenigstens einmal, daß er Dir schreiben will; allein, ich
glaube, s e i n e H e i r a t h s - P a r t h i e h a t s i c h z e r s c h l a g e n , und so fühlt
er keinen so regen Trieb mehr, Dir für die Besorgung des Taufscheins zu danken"; dazu GA-Verweis auf Franz
Gerhard Wegeler, Nachtrag zu den biographischen Notizen über Ludwig van Beethoven, Koblenz 1845,
S. 14 und dass Beethovens Heiratspläne offenbar Therese Malfatti galten; zu [3]: verweist darauf, dass "früherer
Geburt" und "mir" doppelt unterstrichen wurde; zu [4]: verweist auf Ludwig Maria van Beethoven, getauft am 2.4.1769,
gestorben am 8.4.1769; zu [5]: verweist darauf, dass Wegeler Beethovens Wunsch erfüllte und ihm die folgende
Taufurkunde, die sich im Beethoven-Haus in Bonn befindet, gesandt hatte:
"Departement
de Rhin et Moselle
Mairie de Bonn
Extrait de
Registre de Naissances de la Paroisse de St. Remy a Bonn
Anno millesimo
septingentesimo Septuagesimo die decima septima Decembris baptizatus est
Ludowicus. Parentes D. Joannes van Beethoven, et Helena Keverichs,
conjuges <Parentes>Patrimi D. Ludovicus van Beethoven et Gertrudis
Mullers dicta Baums.
Pour Extrait
Conforme Delivre a la Mairie de Bonn
Bonn le 2 Juin
1810
L'adjoint delegue Muller
[Von anderer Hand:]
Vu par nous
President de
Tribunal Civil de l'arrondissement de Bonn pour legalisation de la Signature
d'autre part de Sieur Muller adjoint de la mairie de Bonn.
Donne en notre
hotel a Bonn le 2 Juin 1810.
[unleserliche Unterschrift]
Par ordonnance
Groeninger
[C. Coffier]
[Vermerk links
daneben unter einem Stempel:]
droits de 9
fr. 25 c.
[Vermerk links
neben dem Haupttext:]
approuve le mot
surcharge ci contre".
Die GA betont, dass
Beethoven von der Korrektheit des Taufregisterauszugs nicht überzeugt war und auf der
Rückseite notiert hatte: "Es scheint der Taufschein nicht richtig, da noch ein ludwig vor mir,
eine Baumgarten war glaube ich meine Pathe.
ludwig van Beethowen
1772" [rechts daneben]
zu [6]: hierzu verweist die GA auf Wegelers Anmerkung in Wegeler/Ries, S. 47: "Beethoven
ist hier im Irrthum; es war nicht ein eigenes von ihm componirtes Lied, was er nicht mehr hatte, sondern
nur ein anderer dem O p f e r l i e d von Mathisson [WoO 126] unterlegter Text. Gleiches
unternahm
ich bei dem von ihm sehr früh componirten Lied: W e r i s t e i n f r e i e r M a n n ?
[WoO 117]"; zu [7]: verweist auf Eleonore geb. von Breuning; zu [8]: verweist auf Helene und Julius
Wegeler; Einzelheiten S. 119-120 entnommen].
Was wurde aus diesen Plänen? Dazu berichtet Wegeler laut Thayer-Forbes im Nachtrag zu den Biographischen Notizen:
" . . . I found the solution of the riddle in a letter written to me three months later by my brother-in-law St. v. Breuning. In this he says: 'Beethoven tells me at least once a week that he intends to write to you; but I believe his marriage prospect has fallen through, and for this reason he no longer feels the lively desire to thank you for your trouble in getting him the baptismal certificate.' . . . " [Thayer-Forbes: 490; --
-- " . . . Ich fand die Lösung des Rätsels in einem Brief, den mir mein Schwager St. v. Breuning drei Monate später schrieb. Darin sagt er: 'Beethoven sagt mir mindestens einmal in der Woche, dass er Dir schreiben will; aber ich glaube, dass seine Heiratspläne ins Wasser gefallen sind, und aus diesem Grund fühlt er keinen so lebendigen Drang mehr, Dir für Deine Bemühungen um die Besorgung des Taufscheins zu danken.' . . . "].
Nachdem dieses Zwischenspiel vorüber war, sollte es an die sechs Jahre dauern, bis sich Beethoven Wegeler wieder in Erinnerung brachte. Dazwischen lagen, wie wir wissen, der Verlust seiner Unsterblichen Geliebten, sein Erfolg während der Jahre des Wiener Kongresses, der Tod seines Bruders Caspar Carl und der Anfang seiner Sorgen um seine Vormundschaft über seinen Neffen Carl. Auf den letzteren Sachverhalt spielt er in diesen Zeilen auch an:
"Beethoven an Franz Gerhard Wegeler in Koblenz
vien am 29ten Sept. 1816
Ich ergreife die Gelegenheit durch Hr. Simrock[1] dich an mich zu erinnern -- ich hoffe du hast meinen Kupferstich[2] u. auch das Böhmische glaß[3] erhalten, sobald ich einmal wieder Böhmen durchwandre, erhältst du wieder etwas d.g.
leb wohl du bis Mann vater ich auch doch ohne Frau[4] -- grüße mir alle die deinigen u. die unsrigen --
dein Freund
L. v. Beethoven
An Freund wegeler.
Im Graf Lambachschen[5] hause No. 1055-56 auf der Seilerstätte."
[Quelle: Ludwig van Beethoven Briefwechsel Gesamtausgabe, Band 3, Brief Nr. 979, S. 301-302; Original: Koblenz, Slg. Wegeler; zu [1]: verweist auf Peter Joseph Simrock, der Beethoven laut GA in Wien besucht hatte; zu [2]: verweist auf das Portrait von Blasius Höfel nach einer Zeichnung von Louis Letronne, erschienen 1814 bei Artaria & Comp. in Wien. Laut GA trägt Wegelers Exemplar die Widmung: "Für meinen Freund Wegeler Vien am 27ten März 1815 l v Beethowen"; zu [3]: verweist darauf, dass sich dieses laut GA noch immer im Besitz der Familie befindet; zu [4]: verweist auf eine Anmerkung am Rand von Wegelers Hand: "Er erzieht die Kinder seines Verstorbenen Bruders Kaspar--"; zu [5]: GA-Korrektur, recte: Lambertischen; Angaben S. 301-302 entnommen].
Da sich Beethoven und Stephan von Breuning in diesen ersten Jahren von Beethovens Vormundschaft über seinen Neffen nicht allzu gut verstanden und sich beinahe aus den Augen verloren, können wir nicht sicher sein, wieviel Stephan von Breuning seinem Schwager Wegeler in Koblenz über Beethoven schreiben konnte und wieviel sein alter Bonner Freund über den nun fast ganz tauben alten Freund wusste.
Auch ist nicht eindeutig klar, wann Wegelers Schwiegermutter Helene von Breuning ihren Wohnsitz zum letztenmal wechselte und Mitglied seines Koblenzer Haushalts wurde. [Dazu berichtet Gerhard von Breuning in seinen Erinnerungsbuch aus dem Schwarzspanierhaus: "Helene von Breuning, the widow of the Court Councillor, moved to Cologne about 1823 or 1824, to her son Christof, and later to Koblenz to her son-in-law Wegeler, where I saw her in the fall of 1838" [Gerhard von Breuning, Memories of Beethoven from the Schwarzspanierhaus: 34; -- "Helene von Breuning, die Witwe des Hofrats, zog 1823 oder 1824 zu ihrem Sohn Christof nach Köln und später nach Koblenz zu ihrem Schwiegersohn Wegeler, wo ich sie im Herbst 1838 sah"].
Daher können wir hier den Freundschaftsfaden erst wieder im Jahr 1825 aufnehmen, als Wegeler mit einer neuen Korrespondenzrunde den Anfang machte.
ZWEI ALTE FREUNDE . . . [1825 - 1827]
![]() Franz Gerhard Wegeler |
![]() Beethoven 1823 |
"Franz
Gerhard Wegeler an Beethoven
Koblenz 28/12/[18]25. Mein
lieber alter Louis!
Einen der 19 Riesischen Kindern kann ich nicht nach Wien reisen lassen,
ohne mich in dein Andenken zurückzurufen.[1] Wenn du binnen den 28 Jahren, daß ich Wien verließ,
nicht alle 2 Monate einen langen Brief erhalten hast, so magst du dein Stillschweigen auf meine ersten als Ursache
betrachten. Recht ist es keineswegs und jetzt um so weniger, da wir Alten doch so gern in der Vergangenheit leben,
und uns an Bildern aus unsrer Jugend am meisten ergötzen. Mir wenigstens ist die Bekanntschaft und die enge,
durch deine gute Mutter gesegnete, Jugendfreundschaft mit dir ein sehr heller Punkt meines Lebens, auf den
ich mit Vergnügen hinblicke und der mir vorzüglich auf Reisen beschäftigt. Nun sehe ich an dir wie
an einen Heros hinauf, und bin stolz darauf sagen zu können: ich war nicht ohne Einwirkung auf
seine Entwicklung, mir vertraute er seine Wünsche und Träume, und wenn er später so häufig
misskannt ward, ich wußte wohl, was er wollte. Gottlob, daß ich mit meiner Frau[2], und nun später
mit meinen Kindern von dir sprechen darf; war doch das Haus meiner Schwiegermutter[3] mehr dein Wohnhaus als das
deinige, besonders nachdem du die edle Mutter verloren hattest.[4] Sage uns nur noch einmal: ja, ich denke
Eurer in heiterer, in trüber Stimmung!--Ist der Mensch, und wenn er so hoch steht, wie du, doch nur einmal
in seinem Leben glücklich, nämlich in seiner Jugend; die Steine von Bonn, Creuzberg, Godesburg, die
Baumschl etc etc haben für dich Haken, an welche du manche Idee froh anknüpfen kannst. Doch
will ich dir jetzt von mir, von uns etwas sagen, um dir ein Beispiel zu geben,
wie du mir antworten
muß[t]. Nach meiner Zurückkunft von Wien 1796
gieng's mir ziemlich übel; ich mußte mehrere Jahre von der Praxis allein
leben, und das daurte in
der höchst verarmten Gegend einige Jahre, ehe ich mein Auskommen hatte. Nun ward ich aber wieder ein
bezahlter Professor, und heirathete denn 1802. Das Jahr darauf bekam ich ein Mädchen[5], was noch lebt, und
ganz gut gerathen ist. Es hat mit vielem richtigen Verstand die Heiterkeit seines Vaters, und spielt
Beethovensche Sonaten am liebsten. Das ist wohl kein Verdienst, sondern angeboren. Im Jahr 1807 ward mir ein
Knabe geboren, der jetzt in Berlin Medizin studiert.[6] Nach 4 Jahren schicke ich ihn nach Wien, wirst du
dich seiner annehmen? Von der Familie deines Freundes starb der Vater[7] 70 Jahre alt, den 1
Jan 1800.--Von jener meiner Frau der Scholaster[8] vor 4 Jahren, alt 72 Jahr, die Tante Stockhausen[9] von der Ahr
in diesem Jahr 73 Jahr alt. Die Mama Breuning ist 76, der Onkel in Kerpen[10] 85 Jahr alt. Letzterer freut sich
noch des Lebens, und spricht oft von dir,--die Mama war mit der Tante wieder nach Köln gezogen, sie wohnten
im Hause ihrer Eltern, das sie nach 66 Jahren wieder betraten, dann neu bauen ließen
etc. Ich selbst habe im August meinen 60t Geburtstag in einer Gesellschaft von einigen 60 Freunden und Bekannten gefeiert, in welcher
sich die Vornehmsten der Stadt befanden.--Seit 1807 wohne ich hier, habe nun ein schönes Haus, und eine schöne
Stelle. Meine Vorgesetzten sind mit mir zufrieden und der König gab mir Orden und Medaillen. Lore und ich sind
auch ziemlich gesund. Jetzt habe ich dich auf einmal mit unserer Lage ganz bekannt gemacht, willst du es bleiben, so
antworte nur.--Von unsern Bekannten ist Hofr. Stupp[11] vor 3 Wochen gestorben. Fischenich[12] ist Staatsrath in
Berlin, Ries [13] und Simrock[14] zwei alte gute Menschen, der 2te jedoch weit kränklicher, denn
der erst.>
Vor 2 Jahren war ich einen Monat in Berlin, ich machte dort die Bekanntschaft des
Direktors der Sing-Akademie Hr. Zelter[15], ein höchst genialer Mann und äusserst offen,
daher ihn die Leute für grob halten. In Cassel führte mich Hub. Ries[16] zu Spohr.
Du siehst, daß ich es immer noch mit den Künstlern halte. Warum hast du deiner Mutter Ehre nicht gerächt, als man dich im Conversations-Lexikon,
und in Frankreich zu einem Kind der Liebe machte?[17] Der Engländer, der dich vertheidigen wollte, gab,
wie man in Bonn sagt, dem Dreck eine Ohrfeige und ließ deine Mutter 30 Jahre mit dir schwanger gehn,
da der König von Preußen, dein angeblicher Vater, schon 1740 gestorben sey, eine Behauptung, die
durchaus falsch ist, da Friedrich II 1740 zum Throne kam, und 1786 erst starb.[18] Nur deine angebohrne Scheu etwas
andres als Musick von dir drucken zu lassen, ist wohl Schuld an dieser sträflichen Indolenz.
Willst du, so will ich die Welt hierüber des Richtigen belehren.[19]
Das ist doch wenigstens ein
Punkt, auf den du antworten wirst.--Wirst du nie den Stephansturm aus den Augen lassen wollen? Hat Reisen keinen
Reiz für dich? Wirst du den Rhein nie mehr sehen wollen?--Von Frau Lore alles Herzliche, so wie von mir.
Dein uralter Freund Wglr."
[Quelle:
Ludwig van Beethoven Briefwechsel Gesamtausgabe, Band 6, Brief Nr. 2100, S.
196-199; Original: Bonn, Beethoven-Haus; zu [1]: verweist auf Franz Joseph
Ries [1792 - ca. 1860], der in Wien als Klavierbauer lebte und 1825 seinen Vater
zu seinem 70. Geburtstag im Rheinland besucht hatte; zu [2]: verweist auf
Eleonore Brigitte von Breuning [1771-1841], die mit Wegeler seit 1802
verheiratet war; zu [3]: verweist auf deren Mutter, Maria Helene von Breuning
geb. Kerich [1750 - 1838]; zu [4]: verweist darauf, dass Beethovens Mutter am
17.7.1787 gestorben war; zu [5]: verweist auf Helene Wegeler, gen. Lenchen [1803
- 1832[; zu [6]: verweist auf Julius Stephan Wegeler [1807 - 1883]; zu
[7]: verweist auf Franz Ignaz Wegeler [1730 - 1800]; zu [8]: verweist auf
Abraham von Kerich [1751 - 1821], Scholaster am Cassius-Stift in Bonn; zu [9]:
verweist auf Margarete von Stockhausen, Schwester der Helene von Breuning; zu
[10]; verweist auf Johann Philipp von Breuning [1742 - 1832], Kanonikus, Bruder
von Emanuel Joseph von Breuning; zu [11]; verweist auf Johann Reiner Stupp [1767
- 1825], Jurist; zu [12]: verweist auf Bartholomäus Ludwig Fischenich [1768 - 1831],
Jurist, Freund von Friedrich und Charlotte von Schiller; zu [13]: verweist auf
Franz Anton Ries [1755 - 1846]; zu [14]: verweist auf Nikolaus Simrock [1751 - 1832];
zu [15]: verweist auf Karl Friedrich Zelter [1758 - 1832]; zu [16]: verweist auf
Peter Joseph Hubert Ries [1802 - 1886], Violinist und Komponist, Schüler von
Louis Spohr in Kassel, jüngster Sohn von Franz Anton Ries; zu [17]: hier bezieht
sich Wegeler laut GA auf den Artikel Beethoven im Conversations-Lexikon
von Friedrich Arnold Brockhaus; zu [18]: verweist laut GA auf einen anonym
erschienenen Artikel Memoir of Ludwig van Beethoven in: The Harmonicon I (Nr.
11 vom November 1823); zu [19]: verweist auf Wegeler/Ries Anhang 1845; Einzelheiten S. 198-
199 entnommen].
"Eleonore
Wegeler an Beethoven
Kobl. den 29/12/[18]25
Schon
lange lieber Beethoven! war es mein Wunsch daß Wegeler ihnen einmal wieder
schreiben möge -- nun da dieser Wunsch erfüllt glaube ich noch ein paar
Worte zusezen zu müßen -- nicht nur um mich etwas näher in ihr
Gedächtniß zu bringen sondern um die wichtige Frage zu wiederholen
ob sie gar kein Verlangen haben den Rhein u. ihren Geburtsort wiederzusehn -- Sie werden
uns zu jeder Zeit u. Stunde der willkommenste Gast sein -- u. Wg.[eler] u. mir die größte
Freude machen -- unsers Lenchen[1] dankt ihnen so manche frohe Stunde -- hört so gern
von ihnen erzählen -- weiß alle kleine Begebenheiten unserer frohen Jugend in Bonn --
von Zwist u. Versöhnung -- -- Wie glücklich würde diese sein, sie zu sehn! --
Daß Mädchen hat leider kein Musick Talent, aber durch großen Fleiß u.
ausdauer hatt sie es doch so weit gebracht daß sie ihre Sonaten Variationen u. d.g.
spielen kann u. da Musick immer die größte Erholung für Weg. bleibt macht
sie ihm manche frohe Stunde dadurch Julius hatt Musick Talent, war aber bis jezt
nachläßig -- u. erst seit einem 1/2 Jahr lernt er mit Lust u. Freude
Violoncelle da er in Berlin einen guten Lehrer hatt, glaube ich bestimmt daß
er noch etwas lernen wird -- beide Kinder sind groß u. gleichen dem Vater -- auch
in der heitren fröhlichen Laune welche Gottlob weg. noch nicht ganz verlaßen
hatt -- --
Er hatt ein großes Vergnügen die Thema's ihrer Variationen zu Spielen, die Alten
stehn oben an doch übt er manchmal mit unglaublicher Gedult ein neues ein -- Ihr Opferlied[2]
steht an der Spize -- nie kömpt er in's Wohnzimmer ohne an's Clavier zu gehn -- schon
daraus lieber Beethoven! können sie sehn, in welch immerdaurendem Andenken sie bei uns leben --
sagen sie uns doch einmal daß dies einigen Werth für sie hatt, u. daß auch wir
nicht ganz von ihnen vergeßen sind -- Wäre es nicht so schwer oft unsere liebsten
Wünsche zu befriedigen, hätten wir wohl schon den Bruder[3] in Wien besucht, wobei
gewiß daß Vergnügen Sie zu sehn berücksichtet wurde -- aber an eine solche
Reise ist nicht zu denken jezt durchaus nicht da der Sohn in Berlin ist -- Weg. hatt ihnen gesagt
wie es uns geht -- wir hatten unrecht zu klagen -- selbst die schwerste Zeit ging uns glücklicher
vorbei wie 100 andren -- daß größte Glük ist daß wir gesund sind, u. die
Kinder gut u.
Braf sind -- ja beide machten uns durchaus noch keinen Verdrus -- u. sind selbst froh u. guter Dinge -- Lenchen
hatt nur einen großen Kummer erlebt -- daß war als unser armer Burscheid[4] starb -- ein
Verlust den wir alle nie vergeßen werden leben Sie wohl lieber Beethov u. denken sie unser in redlicher Güte -- --
Ele. Wegeler"
[Quelle: Ludwig van Beethoven Briefwechsel Gesamtausgabe, Band 6, Brief Nr. 2101,
S. 199 - 201; Original: Bonn, Beethoven-Haus; zu [1]: verweist auf Helene Wegeler; zu [2]: verweist auf
WoO 126, dem Wegeler einen freimaurerischen Text unterlegt hatte ,
hierzu verweist die GA auf Wegeler/Ries, S. 67; zu [3]: verweist auf Stephan von Breuning; zu [4]: verweist
wohl auf Ferdinand Freiherr von Bourscheid [1766 - 1816], Jurist; Einzelheiten S. 201
entnommen].
Entdeckungsfreudige werden
auch Wegelers feinen Seitenhieb auf grobe Musiker in seinem ersten Brief an
Beethoven finden:
Eleonore Wegelers freundliche Einladung an Beethoven, ihre Familie in Koblenz zu besuchen, machte jedoch jegliche 'Seitenhiebe' ihres Gatten sicher wett!
Wie wir aus unseren Biographischen Seiten wissen, sollten Beethoven im Jahr 1826 nur wenige gesunde und etwas ruhige Monate bleiben. Seine angeborene Schreibfaulheit, verbunden mit den uns bekannten Ereignissen dieses Jahres, sorgte dafür, dass er erst in seinen ersten Wiener Krankheitstagen im Dezember dazu kam, fast ein Jahr später eine Antwort an seine alten Bonner Freunde zu richten:
"Beethoven an Franz Gerhard Wegeler in Koblenz
Wien am 7t 10br [= Dezember] 1826.[1]
Mein alter geliebter Freund!
Welches Vergnügen mir dein, u. deiner Lorchen Brief [2] verursachte, vermag ich nicht auszudrücken. Freylich hätte pfeilschnell eine Antwort darauf erfolgen sollen; ich bin aber im Schreiben überhaupt etwas nachlässig, weil ich denke, daß die bessern Menschen mich ohnehin kennen. Im Kopf mache ich öfter die Antwort, doch wenn ich sie niederschreiben will, werfe ich meistens die Feder weg, weil ich nicht so zu schreiben im Stande bin, wie ich fühle. Ich erinnere mich aller Liebe, die du mir stets bewiesen hast; z.B. wie du mein Zimmer weissen ließest u. mich so angenehm überraschtest,[3] -- eben so von der Familie Breuning[.] Kam man voneinander, so lag dieß im Kreislauf der Dinge; jeder mußte den Zweck seiner Bestimmung verfolgen, u. zu erreichen suchen. Allein die ewig unerschütterlichen, festen Grundsätze des Guten hielten uns dennoch immer fest zusammen verbunden. -- Leider kann ich heute dir nicht so viel schreiben, als ich wünschte, da ich bettlagerig bin, u. beschränke mich darauf, einige Punkte deines Briefes zu beantworten. Du schreibst, daß ich irgendwo als natürlicher Sohn des verstorbenen Königs von Preussen angeführt bin;[4] man hat mir davon schon vor langer Zeit ebenfalls gesprochen.[5] Ich habe mir aber zum Grundsatze gemacht, nie weder etwas über mich selbst zu schreiben, noch irgend etwas zu beantworten, was über mich geschrieben worden. Ich überlasse dir daher gerne, die Rechtschaffenheit meiner Aeltern, u. meiner Mutter insbesondre, der Welt bekannt zu machen. -- Du schreibst von deinem Sohne[6]. Es versteht sich wohl von selbst, daß, wenn er hieher kommt, er seinen Freund u. Vater in mir finden wird; u. wo ich im Stande bin, ihm in irgend etwas zu dienen oder zu helfen, werde ich es mit Freuden thun. --
Von deiner Lorchen habe ich noch die Silhouette[7], woraus zu ersehn, wie mir alles liebe u. Gute aus meiner Jugend noch theuer ist.
Von meinen Diplomen schreibe ich nur kürzlich, daß ich Ehrenmitglied der k. Gesellschaft der Wissenschaften in Schweden[8], ebenso in Amsterdam[9], u. auch Ehrenbürger von Wien[10] bin. -- Vor Kurzem hat ein gewisser Dr. Spicker meine letzte große Symphonie mit Chören[11] nach Berlin mitgenommen; sie ist dem Könige gewidmet, u. ich mußte die Dedication eigenhändig schreiben. Ich hatte schon früher bey der Gesandtschaft um die Erlaubniß, das Werk dem Könige zueignen zu dürfen, angesucht,[12] welche mir auch von ihm gegeben wurde. Auf Dr. Spickers Veranlassung musste ich selbst das corrigirte Manuskript mit meinen eigenhändigen Verbesserungen demselben für den König übergeben, da es in die k. Bibliothek kommen soll. Man hat mir da etwas von dem rothen Adler-Orden 2ter Klasse hören lassen; wie es ausgehn wird, weiß ich nicht, denn nie habe ich derley Ehrenbezeugungen gesucht. Doch wäre sie mir in diesem Zeitalter wegen Manches Anderen nicht unlieb.[13]
-- Es heißt übrigens bei mir immer: Nulla dies sine linea[14], u. lase ich die Muse schlafen, so geschieht es nur, damit sie desto kräftiger erwache. Ich hoffe noch einige große Werke zur Welt zu bringen, u. dann wie ein altes Kind irgendwo unter guten Menschen meine irdische Laufbahn zu beschließen. -- Du wirst bald durch die Gebrüder Schott in Mainz einige Musikalien erhalten.[15] -- Das Portrait, welches du beyliegend bekommst, ist zwar ein künstlerisches Meisterstück, doch ist es nicht das letzte, welches von mir verfertigt wurde.[16] -- Von den Ehrenbezeigungen, die dir, ich weiß es, Freude machen, melde ich dir noch, daß mir von dem verstorbenen König von Frankreich eine Medaille zugesandt wurde, mit der Inschrift: Donne par le Roi a Monsieur Beethoven; welche von einem sehr verbindlichen Schreiben des premier Gentilhomme du Roi, Duc de Chatres, begleitet wurde.[17}
Mein geliebter Freund! Nimm für heute vorlieb, ohnehin ergreift mich die Erinnerung an die Vergangenheit; u. nicht ohne vile Thränen erhältst du diesen Brief. Der Anfang ist nun gemacht, u. bald erhältst du wieder ein Schreiben; und je öfter du mir schreiben wirst, desto mehr Vergnügen wirst du mir machen. Wegen unsrer Freundschaft bedarf es von keiner Seite einer Anfrage, u. so lebe wohl; ich bitte dich, dein liebes Lorchen u. deine Kinder in meinem Nahmen zu umarmen u. zu küssen, u. dabey meiner zu gedenken. Gott mit euch allen!
Wie immer dein treuer, dich ehrender wahrer Freund
Beethoven"
[Quelle: Ludwig van Beethoven Briefwechsel Gesamtausgabe, Band 6, Brief Nr.2236, S. 319 - 321; Original: Koblenz, Slg. Wegeler; zu [1]: verweist darauf, dass der Brief laut GA nicht sofort abgeschickt wurde, sondern bis zum 17.2.1827 liegen blieb; zu [2]: verweist auf Briefe Nr. 2100 und 2101, siehe oben; zu [3]: verweist darauf, dass Wegeler laut GA den Brief in den Biographischen Notizen veröffentlicht hatte und dazu angemerkt hatte, dass Beethoven zu dieser Zeit in der Wenzelgasse in Bonn gewohnt hatte; zu [4]: verweist auf Brief Nr. 2100, bei Anm. 17; zu [5]: verweist auf Julius Wegeler; zu [6]: verweist auf Wegelers Anmerkung: "Die Silhouetten sämmtlicher Glieder der Familie von Breuning und der nähern Freunde des Hauses wurden in zwei Abenden von dem Maler Neesen in Bonn verfertigt; [...] Beethoven mag damals im 16ten Jahr gewesen sein"; zu [8]: verweist auf das Diplom vom 28.12.1822 in Brief Nr. 1543, mit dem Beethoven zum auswärtigen Mitglied der schwedischen Akademie ernannt wurde; zu [9]: verweist darauf, dass Beethoven zum Korrespondenten des königlich niederländischen Instituts der Wissenschaften, 4. Klasse, ernannt worden war, dazu GA-Verweis auf Brief Nr. 396 vom 9.8. 1809; zu [10]: verweist darauf, dass Beethoven "taxfrey" das Bürgerrecht der Stadt Wien verliehen bekommen hatte; dazu GA-Verweis auf Brief Nr. 853 vom 16.11.1815; zu [11]: verweist auf Op. 125; zu [12]: verweist auf Brief Nr. 2129 von Anfang März 1826; zu [13]: verweist darauf, dass Beethoven nur einen Brillantring erhielt; zu [14]: verweist auf das Zitat aus Plinius d.J. Naturalis historia; zu [15]: verweist auf die Lieder op. 121b, op. 122, op. 128 und die Bagatellen op. 126, s. Brief 2244. Wegeler bedankte sich in Brief Nr. 2255 vom 1.2.1827; zu [16]: verweist auf die Lithographie von Friedrich Dürk nach dem Gemälde von Joseph Karl Stieler aus dem Jahr 1820; laut GA trägt das Wegeler übersandte Blatt die eigenhändige Widmung "Seinem vieljährigen, geehrten, geliebten Freunde F. v. Wegeler von", gefolgt vom gedruckten Namen: "LOUIS VAN BEETHOVEN"; zu [17]: verweist auf Brief Nr. 1781 vom 20.2.1824; Einzelheiten S. 321 entnommen].
Jedoch versuchte Beethoven auch, seine in den obigen Zeilen gemachten Geschenkversprechungen so umgehend wie möglich wahrzumachen:
"Beethoven an B. Schott's Söhne in Mainz
[Wien, zweite Hälfte Dezember 1826][1]
. . .
Eine große Gefälligkeit würden Sie mir erzeigen, wenn Sie die Güte hätten, an einen meiner werthesten Freunde, den +königl. Preussischen+ Regierungsrath Franz von Wegeler in Koblenz folgendes zu senden: das Opferlied, das Bundeslied, das Lied: Bey Chloen war ich ganz allein, u. die Bagatellen für Clavier.[6] Die drey Erstern wollen Sie ihm gefälligst in Partitur senden. Den Betrag werde ich mit Freuden vergüten. . . . "
[Quelle: Ludwig van Beethoven Briefwechsel Gesamtausgabe, Band 6, Brief Nr. 2244, S. 330; Original: Mainz, Stadtbibliothek; zu [1]: verweist darauf, dass sich die Datierung laut GA aus dem Registraturvermerk ergibt; zu [6]: verweist auf Op. 121b, op. 122, op. 128 und op. 126; Einzelheiten S. 330 entnommen].
Die folgenden Zeilen des Verlags an Beethoven bestätigen uns, dass, obwohl Beethovens eigener Brief an seine Freunde bis zum 17. Februar 1827 liegen bleiben würde, diese jedoch durch Schott ein angenehmes Lebenszeichen ihres alten Freundes erhielten:
"B. Schott's Söhne in Mainz an Beethoven
[Mainz, 31. Januar 1827]
[Laut GA teilt der Verlag Beethoven mit, dass die erbetenen Musikalien, op. 121b, op. 122, op. 128 und op. 126, an Wegeler geschickt wurden.]"
Quelle: Ludwig van Beethoven Briefwechsel Gesamtausgabe, Band 6, Brief Nr. 2254, S. 345].
Die Wegelers ließen mit ihrer Antwort an Beethoven nicht lange warten:
"Franz Gerhard Wegeler an Beethoven [mit Nachschrift Eleonore Wegelers]
Kblz [Koblenz] 1/2 1827.
Lieber alter Freund!
Aus einer Zusendung einiger Musikalien von Schott[1] in Mainz ist uns die freudige Ueberzeugung geworden, daß du dich unserer in freundschaftlicher Güte erinnerst.[2] Dein hartnäckiges Stillschweigen auf mene lezte[n] Briefe ließ mich beinahe das Gegentheil fürchten. Nun sage ich mir: du hast keinen fleißigen Correspondenten haben wollen. Und doch würde dich keiner so in deine Jungendjahre zurückgeführt, dich an hundert Begebenheiten lustiger und trauriger Gestalt haben erinnern können, als ich, besonders da meine Frau meinem Gedächtniß durch Erzählungen von Fräl. Westerholt[3], Jeannette Hohnrath[4], und wie die et ceteras alle geheißen haben, treu nachhilft. Ueberhaupt kennen dich meine beiden Kinder[5] (von 20 und 23 Jahren!) so genau, daß sie suchen würden, falls du uns besuchtest, das alles anzuordnen, von dem sie wissen, daß es dir angenehm war.
Das Wort: Besuch, erinnert mich aber schmerzlich an deine Krankheit, obschon
ich in derselben ein Mitel sehe, einen meiner sehnlichsten Wünsche
zu realisieren. Du wirst von der Krankheit, an welcher du gegenwärtig
leidest, in den ersten Monaten genesen; dafür bürgt mir nicht so sehr
dein kräftiges Mannesalter; deine ganze Constitution, die Vorübergehenden
Ursachen derselben, als die Natur der Krankheit selbst, die zwar hartnäckig
ist und langwierig aber der ungeschwächten Natur und den Bemühungen
der Kunst dennoch weicht. Nun aber wird eine Nachcur nothwendig und diese wirst
du, wenn ich dein Uebel nicht ganz verkenne, in Carlsbad finden. Nun gehen hier zu lande so
viele Schnellwagen, daß ich von hier aus in 4, höchstens 5 Tagen in Carlsbad
seyn kann, oder ich schicke
Uns geht es wohl: meinen Sohn habe ich, falls er recht fleiß sey, die Erlaubniß einen Besuch in Wien zu machen, versprochen, du wirst dich dann über seine athletische Sackträgersnatur freuen. Ueber meine Tochter, die sich fortdauernd an deinen Werken versündigt, mag dir dein alter Nebenbuhler Steffen[6] erzählen; ich kann als Vater genug zufrieden mit ihr seyn: sie ist geschickt, gescheidt, und, was die Hauptsache, immer heiter.
Adieu! Sind dir meine Briefe lieb, so sollen mehrere folgen.
[7] Allem waß Weg.[eler] Ihnen mein lieber Beetho.[ven] geschrieben kann ich nur zustimmen -- ja ich kann es mir nicht versagen Sie durch wenige Worte recht herzlich zu bitten alles waß über eine Reise hieher, versteht sich zu uns betrifft[?] bald möglichst in erfüllung zu bringen -- ich habe die größte Hoffnung daß Sie sich hier bald ganz erholen würden, u. Ihr Besuch gewährte mir die Erfüllung eines meiner größten Wünsche -- Warum soll denn die Badreise vorangehn kommen Sie, u. sehn Sie erst waß die vaterländische Luft vermacht--
EWeg"
[Quelle: Ludwig van Beethoven Briefwechsel Gesamtausgabe, Band 6, Brief Nr. 2255, S. 346-347; Original: Wien, Stadt- und Landesbibliothek; zu [1]: verweist auf op. 121b, op. 122, op. 128 und op. 126, siehe Brief Nr. 2244 an Schott vom Dezember 1826; zu [2]: verweist darauf, dass Beethoven Wegelers Brief vom 28.12.1825 (Brief Nr. 2100) erst am 7.12.1826 beantwortet hatte (Brief Nr. 2236), dass sein Brief aber liegengeblieben war und erst am 17.2.1827 mit Brief Nr. 2257 abgesandt worden war; zu [3]: verweist auf Maria Anna Wilhelmine von Westerhollt-Geisenberg, eine von Beethovens Jugendlieben; zu [4]: verweist auf Jeannette d'Honrath, eine weitere Jugendliebe Beethovens; zu [5]: verweist auf Helene und Julius Stephan Wegeler; zu [6]: verweist auf Stephan von Breuning; zu [7]: verweist darauf, dass von hier an, Eleonore Wegeler sich an Beethoven richtete; Einzelheiten S. 347 entnommen].
Mit Beethovens Antwort darauf erhielten die Wegelers wohl auch seinen ersten Brief:
"Beethoven an Franz Gerhard Wegeler in Koblenz
Wien den 17. Febr. 1827.
Mein alter würdiger Freund!
Ich erhielt wenigstens glücklicher Weise deinen 2ten Brief[1] von Breuning; noch bin ich zu schwach, ihn zu beantworten, du kannst aber denken, daß mir alles darin willkommen und erwünscht ist. Mit der Genesung, wenn ich es so nennen darf, geht es noch sehr langsam. Es läßt sich vermuthen, daß noch eine 4te Operation zu erwarten sey,[2] obwohl die Ärzte noch nichts davon sagen. Ich gedulde mich, und denke: alles Uible führt manchmal etwas Gutes herbey. -- Nun aber bin erstaunt, als ich in deinem letzten Brief gelesen, daß du noch nichts erhalten. -- Aus dem Briefe, den du hier empfängst, siehst du, daß ich dir schon am 10. Dezemb. v. J. beschrieben.[3] Mit dem Portrait ist es der ähnliche Fall, wie du, wenn du es erhältst, aus dem Datum darauf wahrnehmen wirst. -- Frau Stephen sprach[4] -- kurzum Stephen verlangte dir diese Sachen mit einer Gelegenheit zu schicken; allein sie blieben liegen, bis am heutigen Datum, und wirklich h[i]elt[?] es noch schwer, es bis heute zurückzuverlangen. Du erhältst nun das Portrait mit der post durch die Hr Schott, welche dir auch die Musikalien übermachten. -- Wie viel möchte ich dir heute noch sagen; allein ich bin zu schwach, ich kann daher nichts mehr, als dich mit deinem Lttchen[5] im Geiste umarmen. Mit wahrer Freundschaft und Anhänglichkeit an dich und an die Deinen
Dein alter treuer Freund
Beethoven"[Quelle: Ludwig van Beethoven Briefwechsel Gesamtausgabe, Band 6, Brief Nr. 2257, S. 350; Original: Koblenz, Slg. Wegeler; zu [1]: verweist auf Brief Nr. 2255 vom 1.2.1827; zu [2]: hier verweist die GA darauf, dass die vierte Operation am 27.2.1827 durchgeführt wurde; zu [3]: verweist auf Brief Nr. 2236 vom 7.12.1826; zu [4]: verweist darauf, dass in den Biographischen Notizen Wegeler angemerkt hatte: "Anfang der zweiten Strophe des Bekannen Liedes "Zu Steffen sprach im Traume" usw.; zu [5]: GA-Recte: "Lorchen"; Einzelheiten S. 350 entnommen].
Wir haben uns in unserer chronologischen Darstellung mit unseren eigenen Kommentaren soweit wie möglich zurückgehalten, um die zwei Bonner Freunde in ihren Briefen und in Zitaten selbst zu Wort kommen zu lassen. Besonders der Altersbriefwechsel spricht für sich selbst. So können wir zum Schluss nur unser Bedauern ausdrücken, dass sich die letzten Briefe überkreuzten und daher nur bedingt ein harmonisches Geben und Nehmen reflektieren.
In Franz Gerhard Wegeler konnten wir jedoch bestimmt einen bescheidenen, hilfsbereiten und treuen Freund Beethovens kennenlernen, dessen von seiner Gattin Eleonore betonte Heiterkeit auch dem Goethe-Freund Zelter nicht verborgen blieb:
"* Zelter tells, in his Goethe letters (Briefwechsel zwischen Goethe und Zelter, vol. III, p. 335) what a pleasant ride he had in 1823 in the diligence next to the "merry doctor from Coblenz," who starting at the Elbe (near Magdeburg) "tapped a barrel of anecdotes that kept running until he arrived at Hildesheim." This is told by Wegeler's son, Dr. Julius Wegeler, in the biography of his father on the occasion of the fiftieth anniversary of his doctorate (Coblenz, 1839)" [Gerhard von Breuning, Memories of Beethoven from the Schwarzspanierhaus: 34; --
"In seinen Goethe-Briefen (Briefwechsel zwischen Goethe und Zelter, Bd. III, S. 335) erzählt Zelter, wie von Breuning anmerkt, welch eine angenehme Fahrt er im Jahr 1823 in der Kutsche neben dem "fröhlichen Doktor aus Koblenz" hatte, der, angefangen an der Elbe (in der Nähe Magdeburgs) "ein Fass von Anekdoten anzapfte, das nicht auslief, bis er in Hildesheim ankam." Dies sei von Wegelers Sohn, Dr. Julius Wegeler, in der Biographie seines Vaters anlässlich des fünfzigsten Jahrestags der Erwerbung seines Doktortitels, wiedererzählt worden].
Dadurch, dass Beethovens Freund Stephan von Breuning, der, wie sein Sohn Gerhard [S. 113] schreibt, " . . . had been ill several times during Beethoven's illness," [der also bereits während Beethovens letzter Krankheit selbst einige Male krank gewesen war] und der nur wenige Monate nach Beethoven, am 4. Juni 1827 [TF: 83] starb, erfuhr Wegeler wohl weniger über Beethovens letzte Tage, seinen Tod und die nachfolgenden Ereignisse in Wien als er wohl erfahren hätte, falls sein Schwager noch gesund gewesen wäre.
BEETHOVENS NACHWIRKUNG IN WEGELERS LEBEN [1827 - 1848]
Was blieb Wegeler also von Beethoven? Zunächst ist wohl anzunehmen, dass die Koblenzer Familie Wegeler im Jahr 1827 den Tod des Wiener Bruders und Schwagers Stephan von Breuning betrauerte und seinen Hinterbliebenen, also auch seinem später als Beethoven-Autor hervortretenden Sohn Gerhard von Breuning, ihr Beileid ausdrückten.
Vielleicht fühlte sich Wegeler auch veranlasst, die Diskrepanz zwischen seinem Alterswunsch, seinen in späteren Jahren so berühmten Bonner Freund Beethoven wieder im Rheinland begrüßen zu können und mit ihm in Jugenderinnerungen schwelgen zu können, und der Tatsache, dass der Berühmte sich einerseits Jahr für Jahr durch seine menschlichen und künstlerischen Herausforderungen von ihm entfernt hatte, andererseits jedoch auch immer noch sein alter Louis geblieben war, zu bedenken.
In ruhigeren Augenblicken mag Wegeler vielleicht Beethovens Briefe an ihn nochmals durchgelesen
haben und die diversen Geschenke an ihn betrachtet haben, wie zum Beispiel:
Wie Stephan von Breuning berichtet, besuchte seine Wiener Familie Wegelers Familie in Koblenz im Herbst 1838 und traf dort noch Wegelers Schwiegermutter Helene von Breuning an, die jedoch am 9. Dezember 1838, einige Wochen nach Gerhard von Breunings Besuch, verstarb. Einem Link zur Wegeler-Sammlung im Bonner Beethoven-Haus zufolge Gerhard von Breuning, Tischordnung für Franz Gerhard Wegelers Feier zum Doktorjubiläum am 27. September 1839 in Koblenz soll Gerhard von Breuning jedoch das 50. Doktorjubiläum Wegelers in Koblenz mitgefeiert haben. Keine zwei Jahre nach dieser Feier verlor Wegeler seine Gattin:
"Eleonore died before him on June 13, 1841 . . . " [Gerhard von Breuning, Memories of Beethoven from the Schwarzspanierhaus: 33; --
-- "Eleonore starb vor ihm, am 13. Juni 1841"].
Er selbst sah noch die Erscheinung der zweiten Ausgabe der Biographischen Notizen, lebte noch einige Jahre in Koblenz und verstarb dort im Jahr 1848, lebt jedoch in seinen und Franz Riesens Biographische Notizen für uns noch lange fort.
INTERESSANTE LINKS ZUM THEMA
QUELLENANGABEN
Biographische Notizen über Ludwig van Beethoven von Dr. F. G. Wegeler und Ferdinand Ries. Koblenz: 1838, bei Bädeker.
Breuning, Gerhard von. Aus dem Schwarzspanierhause. Erinnerungen an Ludwig van Beethoven aus seiner Jugendzeit. Wien: 1874. Verlag von L. Rosner.
Breuning, Gerhard von. Memories of Beethoven From the House of the Black-Robed Spaniards. Translated from the German by Henry Mins and Maynard Solomon. Cambridge: 1992, Cambridge University Press.
Ludwig van Beethoven. Briefwechsel Gesamtausgabe. [6 Bände] Im Auftrag des Beethoven-Hauses Bonn herausgegeben von Sieghard Brandenburg. München: 1996. G. Henle Verlag.
Thayer, Alexander Wheelock. Ludwig van Beethovens Leben. 5 Bände. Nach dem Original-Manuskript deutsch bearbeitet von Hermann Deiters. Leipzig: 1907, Breitkopf & Härtel.
Thayer's Life of Beethoven, edited by Elliott Forbes. Princeton: 1964. New Jersey Princeton University Press.