Northern Alberta Jubilee Auditorium
- rettender Hafen für den 'Fliegenden Holländer'?
 




Titelseite des Textbuchs zu Liszts Weimarer
Inszenierung der Oper [1853]



Wagners stürmisches Leben verwob sich früh mit einem Opernstoff: nach zwei Jahren verlor er 1839 seinen Rigaer Kapellmeisterposten, hatte Schulden und floh übers Meer nach London. Der Schoner Tetis trotzte heftigen Stürmen und legte zweimal in Norwegen an. Wagner verließen diese Eindrücke nicht. Sie verbanden sich mit Heines Stoff aus dessen Memoiren des Herren von Schnabelewopski, auf die er 1837/8 in Riga gestoßen war. In ihnen las er auch die Sage des holländischen Kapitäns Bernard Fokke, der Gott und die Natur verfluchte, als er das Kap der guten Hoffnung nicht umschiffen konnte und zur Strafe mit seinem Geisterschiff für immer die Weltmeere befahren musste. In Paris angelangt, schrieb Wagner die Urfassung und verlegte darin 1841 die Handlung nach Schottland, später jedoch nach Norwegen. Paris war an seinem Werk nicht interessiert, so dass er es 1842 nach Dresden mit zurücknahm. Dort gelangte es 1843 zur Uraufführung. 1901 reihte sein Sohn Siegfried es in das Standardrepertoire der Bayreuther Festspiele ein. Was können wir postmodernen Skeptiker aus der Oper gewinnen, in der sich die junge Senta aus Liebe opfert, um den Seemann zu erlösen?

Edmonton Operas neue Inszenierung gab mir am Samstagspremierenabend im Northern Alberta Jubile Auditorium Gelegenheit, das selbst zu erkunden. Während sich das Edmonton Symphony Orchestra unter John Keenans Leitung in der Ouvertüre schnell fand, bot mir die Bühne bereits Nachdenkenwertes: Susan Marie Pierson als Senta näherte sich sehr fasziniert dem auf dem Bühnenvorhang angebrachten Portrait des Fliegenden Holländers, das in seinem Stil an Edvard Munchs Der Schrei erinnerte.

Die raffiniert einfache Kulisse passte gut ins Gesamtkonzept der sich an deutsche expressionistische Filme des frühen 20. Jahrhunderts anlehnenden Inszenierung Brian Deedricks. Ein von rechts nach links ansteigender Kasten diente als Hauptszenenbild, während der gitterwerkartige, schräge Unterbau als Wirkungsfeld der Geisterschiffsmannschaft bereitstand. Die Kostüme der Mitwirkenden, graue Arbeiterkleidung der zwanziger Jahre, verstärkten den „expressionistischen“ Gesamteindruck.

Im ersten Aufzug treffen Sentas Vater, Kapitän Daland und der Fliegende Holländer unweit von Sandwike aufeinander, als ihre Schiffe dort vor dem Seesturm Schutz suchend ankern. Der     Holländer kann den sich als gierig entpuppenden Daland von seinem Reichtum überzeugen, ja sogar die Hand seiner Tochter in Aussicht gestellt bekommen.

Sowohl die drei männlichen Solisten, Jason Howard als Holländer, Marc Embree als Daland und Scott Scully als Steuermann als auch die männlichen Mitglieder des Edmonton Opera Choir überzeugten stimmlich. Der einzige Ausnahmemoment war der, als Daland auf der Wendeltreppe stehend nach unten gebeugt zu singen hatte und durch die mangelnde Akustik an Klarheit verlor.

Nach dem ersten Akt bietet Wagner eine Pause an, während der zweite und dritte Aufzug durch ein Zwischenspiel miteinander verbunden sind. Im zweiten Aufzug warten zunächst die Mädchen auf ihre heimkehrenden Seefahrer und Senta ergibt sich wiederum ihrem Schwärmen für den Fliegenden Holländer, mit dessen Schicksal sie bestens vertraut zu sein scheint. Senta stößt auch auf den [von Wagner neu eingebauten, in der Sage nicht vorkommenden] um sie vergeblich werbenden Jäger Erik [gesungen von Marc Deaton]. Es überrascht jedoch nicht, dass sie auf den mit ihrem Vater danach eintretenden Holländer emotional bereits so vorbereitet ist, dass sie dem Bund mit ihm zustimmt. Der sich hier auch als seiner Tochter gegenüber sexuell ausbeuterisch entpuppende Daland leitet hocherfreut die Vorbereitungen zu einem großen Hochzeitsfest ein.

Dieser Aufzug bietet den weiblichen Chormitgliedern Gelegenheit, sich sowohl stimmlich als auch choreographisch agierend unter Beweis zu stellen. Die „Spinnszene“ erinnerte mich einerseits an Ausdruckstanzmittel, andererseits aber auch thematisch und stimmungsmäßig an Hauptmanns Die Weber. Sehr typisch wirkte Emilia Boteva als Frau Mary im Zusammenspiel mit den Mädchen und Senta [von Amme keine Spur, eher „Fabrikvorsteherin“]. Susan Marie Pierson’s Senta überzeugte stimmlich und darstellerisch durchgehend.

Nach dem Zwischenspiel bietet der dritte Akt die Auflösung der Handlung: Der Versuch der Seeleute, die Mannschaft des Holländers einzuladen, endet mit deren schauriger Geisterantwort. Senta flieht vor dem sie wieder bedrängenden Erik, der sie vergeblich an ihr vermeintlich ihm gegebenes Treueversprechen erinnert. Der Holländer überhört dies, sieht sich verloren und versucht, die vermeintlich untreue Senta vor der Verdammnis zu bewahren, indem er ihr sein Schicksal offenbart und sie freigibt. Senta versucht den nach seinem Schiff Eilenden aufzuhalten, schwört ihm erneut ihre Treue und geht freiwillig in den Tod [herkömmlich durch einen Sturz vom Felsen ins Meer, so dass der Holländer gerettet ist und sein Geisterschiff sich auflöst].

In dieser Inszenierung intensivierte sich der ausgezeichnete stimmliche Einsatz der Hauptsolisten [Howard als Holländer und Pierson als Senta] noch weiter. Die Festszene des „Dorfvolks“ beschwor in mir Erinnerungen an Oskar Maria Grafs „Dorfromane“ der 20er Jahre herauf, im starken Kontrast zum hier sehr „weise“ nur angedeuteten Ausklang, der es dem Zuschauer überlässt, mit- und nachzudenken: Senta setzt ihren Brautschleier ab, taucht in der Menge unter und wird „wohl tot“ wieder emporgehoben, und die Beine des Holländers, der bereits auf der Wendeltreppe steht, entfernen sich langsam nach oben.

Vielleicht nimmt Lieschen Müller das symbolisch angedeutete Ende für bare Münze. Wenn wir jedoch erkennen, dass Deedrick uns mit seiner wohldurchdachten Inszenierung das wiedergab, was Wagner uns nahm, nämlich die Freiheit des selbständigen Denkens, können wir auch den Einsatz der Sänger und Musiker besser verstehen, denen Wagner insofern noch mehr nimmt, als sie sich den Luxus des Nichtdenkens auf keinen Fall leisten können. Dass sie ebenso mitdachten wie ihr Regisseur, bewies dieser anregende Premierenabend.

Ingrid Schwaegermann.