BEETHOVEN UND
CHRISTIAN GOTTLOB NEEFE


 




Christian Gottlob Neefe

 

Zum Auftakt unserer Seite zu diesem Thema bieten wir Ihnen zunächst mit viel Vergnügen das, was die Leipziger "Allgemeine Musikalische Zeitung" zu Neefe zu bieten hat, nämlich den von ihm selbst verfassten Lebenslauf und einen Nachtrag seiner Witwe:

"Den 3ten Januar.                                                               No. 16.                                                     1799.

                                                                                        BIOGRAPHIE.

In der ersten Hälfte des vor kurzem beschlossenen Jahres starb bekanntlich der als Komponist und Mensch so schätzenswerthe C. G. N e e f e . Seine Kompositionen, wenn sie auch ohne die Gewalt und den Glanz des höchsten Genius sind und folglich keine Revolution in der Kunst selbst und im Gange des Geschmacks bewirkt haben -- zeugen doch unwidersprechlich von Talent, Kenntnis, Gefühl und Geschmack. Sein Charakter hatte Redlichkeit, Gefälligkeit, Offenherzigkeit und Freundschaftlichkeit zu Grundzügen; keiner seiner nähern Bekannten und Freunde hat ihn noch jetzt vergessen. Wir wünschten deshalb einige genauere Nachrichten über seine Lebensumstände und besonders über den Gang seiner musikalischen Ausbildung unsern Lesern mitzutheilen -- theils um den Freunden des Verstorbenen gefällig zu sein, theils um den Manen desselben ein kleines Opfer zu bringen. Da erfahren wir, dass N e e f e selbst seine Biographie, mit aller der Herzlichkeit und Unbefangenheit, die ihn zierte, geschrieben, bis zum Jahr 1782 fortgeführt und seiner Gattin hinterlassen habe. Wir erhielten diese Verlassenschaft zur Benutzung. Wir glauben aber auf jeden Fall besser zu thun, wenn wir den Verstorbenen seine Confessions selbst geben lassen, wie sie sind. -- Das brauchen wir aber hoffentlich nicht erst anzumerken, dass wir alles unterdrücken, was dem Verstorbenen oder irgend Jemand, mit dem er in Verbindung stand, im geringsten nachtheilig seyn könnte. Es ist aber des dieserhalb zu Unterdrückenden bey diesem guten Menschen so wenig! so sehr wenig! --
                                                                                                                                                                                   d. Redakt.

Christian Gottlob Neefens Lebenslauf von ihm selbst beschrieben.

    Ich bin im Jahr 1748 den 5. Februar zu Chemnitz im Erzgebirge Sachsens geboren. Ohnerachtet meine Aeltern arm sind, so hielten sie mich doch früh zur öffentlichen Stadtschule an. Eine ungemein gute Diskantstimme bahnte mir bald den Weg in das grosse Singechor, allwo ich den Anfang zur Erlernung der Singkunst machte, und wodurch mir und meinen lieben rechtschaffenen aber armen Aeltern es leichter ward, die nöthigen Schulkosten zu bestreiten. Ich bin meinen damaligen Lehrern, besonders dem verstorbenen biedern Kantor H o f f m a n n , dem verstorbenen Rektor H a g e r und dem noch jetzt lebenden Rektor J ü n g e r zu Freyberg, der aber damals noch Conrektor zu Chemnitz war, vielen Dank für ihren treuen Unterricht und ihre Geduld schuldig. Die letzte hab ich oft aufgefordert durch meine jugendliche Lebhaftigkeit, die nicht selten in Muthwillen ausartete, welches ich in reifern Jahren oft bereuet habe. Ich fasste die vorgetragenen Lehren ziemlich schnell und arbeitete mit großer Leichtigkeit. Daher war ich eben nicht der fleißigste Schüler. Ich begnügte mich damit, dass ich immer mit meinen Ausarbeitungen zur gehörigen Zeit fertig war, da ich denn gemeiniglich mit den fleißigsten MItschülern gleiches Lob einärndete. Oefters kitzelte mich eine witzige satyrische Laune, und ich hatte Freymüthigkeit genug, alle meine Einfälle rund heraus zu sagen, wodurch ich mir manchen Verdruss zuzog. Sogar gerieth ich einmal auf den Abweg, ein Religionsspötter zu werden. Viele körperliche Beschwerlichkeiten, die für mich in meiner Jugend mit dem Gottesdienst verbunden waren, elende Predigten von einigen Pfarrern, ihr Stolz, ihre Intoleranz, und überhaupt ein ihren Lehren so oft widersprechendes Leben, am meisten aber der Umgang mit einem berüchtigten plumpen Religionsspötter führten mich darauf. Dieser unvorsichtige Mann, ein Advokat, gab mir unerfahrenen schwankenden Jünglinge fast alle Lästerschriften in die Hände, die ich mit gierigen Zügen verschluckte, und bey Gelegenheit wieder von mir gab.

    Den Anfang im Klavierspielen machte ich bey dem Stadtorganisten W i l h e l m i , und nachher bey einem gemeinen preußischen Soldaten, der im siebenjährigen sächsischen Kriege bey uns im Winterquartier stand. Bessere Meister konnt' ich nicht haben und auch nicht bezahlen. Zwar lebte in Hohenstein, einem Schönburgischen Städtchen nur drey Stunden weit von Chemnitz, ein feuiriger geschickter Tonkünstler, Kantor T a g , der itzt einer meiner liebsten Freunde ist; aber auch diese kleine Entfernung war für meine Umstände zu weit, als dass ich seines Unterrichts hätte genießen können. Nur zuweilen besuchte ich ihn, und verließ ihn nie ohne neue Ermunterung von ihm erhalten zu haben. Das meiste hab' ich in der Folge aus M a r b u r g s Anleitungen und aus C.P.E. B a c h s Versuch gelernt.

    In meinem zwölften Jahre ward der Hang zur musikalischen Komposition in mir rege. Ich setzte allerley Kleinigkeiten unter erborgten und erdichteten Namen auf, belauschte die Urtheile der Zuhörer, und meine Arbeiten, oder richtiger zu sagen, meine Schmierereyen erhielten Beyfall von Leuten, die der Kunst eben so unkundig und noch unkundiger denn ich waren. Einige Zeit berauschte mich dieser Beyfall, ich tappte immer noch in der Finsterniß fort, stumpfte manche Feder, und besudelte manchen schönen Bogen Papier, bis meine Ueberlegung reifer geworden, und ich mich, noch als Chemnitzer Schüler, mit meinen schriftlichen Anfragen über die Komposition an meinen nachher so verehrungswürdigen Freund H i l l e r in Leipzig wendete.

    In meinem 14. Jahre verlohr ich (durch welchen Zufall? weiß ich nicht) meinen geraden Körper. Von der Zeit an war ich kränklich. Doch hatte auch wohl mein Vater mir den Keim zur Hypochondrie mitgetheilt. Er selbst war in verschiedenen Perioden sehr mit dieser Krankheit belastet. Und in meiner Kindheit schon ward ich mit der sogenannten englischen Krankheit behaftet, wovon mich, nach meiner Aeltern Aussage, nichts als die hallische Goldtinktur geheilt haben soll.

   In meinem 16. Jahre wollte mich mein Vater seiner Profession, dem Schneiderhandwerke widmen, um meines schwächlichen Körpers willen, und weil es ihm an Mitteln mangelte. Ich sträubte mich dagegen, sagte ihm frey heraus, dass nichts vermögend sey, mich von den Studien abzuwenden, berief mich auf die göttliche Vorsehung, die schon manchen Armen, mit gleichem Vorsatz unterstützt hätte, erinnerte ihn an lebende Beyspiele, und an den Beystand, den ich schon bisher von Gönnern erhalten hätte. Er beruhigte sich dabey, und ich gieng meinen angetretenen Weg getrost fort. 1767 reiste ich nach Leipzig, und wurde ein Bürger der Akademie unter dem Rektorate des bekannten Doktor C r u s i u s .

    Nach meiner Zurückkunft unterrichtete ich wie vorher in Musik und anderen Wissenschaften, theils um dadurch selbst noch zu lernen, theils Mittel zu erwerben zur Anschaffung nützlicher und angenehmer Bücher. Unter den letztern waren vorzüglich G e l l e r t s , R a b n e r s und Ge ß n e r s Schriften; doch fand ich an den G e ß n e r i s c h e n den meisten Geschmack.

    Zu Ostern 1769, nachdem ich mit gerührtem Herzen von meinen Verwandten Abschied genommen, und mein Vater mit Thränen im Auge mich noch versicherte, er wolle mich nie gänzlich Mangel leiden lassen, und wenn er auch sein kleines Haus, das er sich durch sauere Arbeiten erworben, wieder verkaufen müsse -- bezog ich mit schwacher Gesundheit und noch schwächerem Geldbeutel, die Universität zu Leipzig. Gesammelte 20 Thaler und ein jährliches Stipendium von 30 Gulden vom Magistrat meiner Vaterstadt, waren mein ganzer Reichthum, mit welchem ich die Kosten meiner Studien und meines Unterhalts bestreiten sollte. Die äußerste Einschränkung von meiner Seite, Unterstützung einiger gutgesinnter Menschen, und die Uneigennützigkeit einiger Professoren kamen mir zu Hülfe. Meine Lehrer waren vornehmlich: G e l l e r t , S e y d l i t z , S a m m e t , B r e u n i n g , T o b i a s R i c h t e r , und K l e e m a n n . Ewig segnet mein Herz besonders des Erstern Andenken.

    Das Studium der Logik, Moralphilosophie und des Natur- und Völkerrechts gewährte meinem Geiste eine angenehme Nahrung. Auch zur bürgerlichen Rechtsgelehrsamkeit spürte ich anfänglich viel Neigung, bis ich zu den Pandekten und der Prozessordnung kam, wo ich aus den unendlichen, durch die unerschöpfliche Bosheit der Menschen veranlassten Ausnahmen von den Regeln einsehen lernte, was das alte Sprüchwort heisse: Die Gerechtigkeit hat eine wächserne Nase. Hier verlohr ich alle Lust, ein Rechtsgelehrter zu werden. Dies, mein geringes Gedächtniß, welches zur Rechtsgelahrtheit untauglich war, der überwiegende Hang zur Musik, das Gefühl vorzüglicher Fähigkeiten dazu, das Zureden meiner musikalischen und ästhetischen Freunde, H i l l e r s , E n g e l s , und andrer, auch meine Hypochondrie, mit der ich vom Anfange meiner akademischen Studien heftig zu kämpfen gehabt, und die ich nun durch das anmuthige Studium der Tonkunst zum Theil zu verscheuchen hoffte, bewog mich, die Themis zu verlassen und mich ganz Euterpen zu widmen. Doch zum Beweis für gewisse Personen, daß ich meine akademischen Jahre nach ihren Begriffen nicht unnütz verlebt und das vaterstädtische Stipendium nicht unwürdigerweise genossen hätte, absolvirte ich zuvor meine juristischen Studien, disputirte öffentlich über die Frage: Ob ein Vater befugt sey, seinen Sohn zu enterben, weil er sich dem Theater geweihet? und antwortete allerdings mit: Nein! -- (Die Fortsetzung folgt.)"

"Den 23ten Januar                                                                No. 17.                                                    1799.

(Fortsetzung.)

Die Hypochondrie hat mir viele Leiden gemacht. Zwischen 1770 und 1771 war mein Körper durch sie so entkräftet, dass ich kaum von einem Hause zum andern schreiten konnte; mein Geist war so darnieder gebeugt, und so mit kranken Einbildungen erfüllt, dass ich nur höchstselten arbeiten konnte, dass ich oft die Jahrzahl vergaß, dass ich beim hellsten blauesten Himmel regnen sahe, dass ich bald diese, bald jene Todesart fürchtete. Oft peinigten mich Gedanken des Selbstmords, die schrecklichste Angst trieb mich umher, jeder kleine Sandhügel ward mir zum unübersehbaren Gebirge. Vernünftige Aerzte, Diät und mäßige Zerstreuungen verscheuchten endlich dieses Ungeheuer. Doch habe ich dieser Krankheit auch vieles zu verdanken.

1) Leitete sie mich wieder näher zur Religion. Der Hypochondrist bildet sich immer einen nahen Tod ein. Ich trachtete also nach bessern und gründlichern Einsichten in der Religion; ich suchte Gefühl für sie in meinem Herzen zu erwecken, um mit Freudigkeit und Hoffnung sterben zu können. Es gelang mir, vornehmlich durch die Schriften von B o n n e t , M o s e s M e n d e l s s o h n , S p a l d i n g , J e r u s a l e m und N ö s s e l t . Die Religion wurde mir verehrungswürdig, und ich spürte die herrlichen Früchte derselben im Herzen und Leben.

2) Hielt sie mich von den gewöhnlichen Ausschweifungen der Jünglinge auf Universitäten ab. Man beredete mich einstmals, nach einem Dorfe ohnweit Leipzig mitzutraben, wo damals noch ein Tempel der Unzucht gedultet ward. Was ich in demselben nur an unzüchtigen Mienen und Kleidungen sahe, trieb mich bald wieder fort, und prägte mir einen unausrottlichen Abscheu gegen alle solche Häuser, gegen ihre viehischen Bewohner, und überhaupt gegen Unkeuschheit ein. Aber ein reines Gefühl für das schöne Geschlecht hegte ich immer in meinem Busen.

3) Ward ich durch sie in den Stand gesetzt, meinem Vater, der einen so harten Anfall von ihr bekam, dass er in melancholische Verzweiflung fiel, Trost zuzusprechen und Rath zu ertheilen. Er hatte keinen Begriff von dieser Krankheit, und leitete darum seine Leiden aus der unrechten Quelle her. Ich lehrte ihn aus eigner Erfahrung die wahre Beschaffenheit seines Zustandes kennen, zeigte ihm, dass die Ursachen seiner Qualen im Körper und nicht in der Seele zu suchen seyen, dass niemand weniger, als der arme Teufel Antheil dran habe; und nun widerrieth ich ihm den geistlichen und empfahl ihm den leiblichen Arzt.  Ich schlug ihm die Mittel vor, deren ich mich bedient.  Er hatte Zutrauen zu mir, gab meinen Rathschlägen Gehör, nahm einen geschickten Arzt an, gebrauchte die vorgeschriebenen Arzneymittel, und so genaß er am Leibe und folglich auch wieder am Gemüthe.

4) Veranlasste sie eine genauere Freundschaft zwischen H i l l e r n und mir. Er hatte selbst viel von ihr gelitten. Und gleiche Schicksale bringen die Menschen gemeiniglich näher zusammen.

    Ich bin nun wieder auf H i l l e r n gekommen, und ich habe Pflicht mich jetzt länger bey ihm zu verweilen.  Welcher Musikfreund kennt und liebt nicht diesen einsichts-, geschmack- und empfindungsvollen Komponisten, diesen musikalischen G e l l e r t ! und welch unbefangener Tonkünstler schätzt ihn nicht!  So eine Thäthigkeit für seine Kunst mit Hintanzetzung seiner ökonomischen Vortheile, so einen glühenden Eifer, jedes junge Talent zu unterstützen, entwickeln zu helfen, und dessen Glück zu befördern, habe ich nie wieder gefunden.

Dieser Mann nun ist es, der vorzüglichen Anspruch auf meine Dankbarkeit zu machen hat. Er ist die Quelle, woraus ich meine bessern musikalischen Kenntnisse geschöpft. Zwar kann ich nicht sagen, dass ich so eigentlich Schule bey ihm gemacht habe. Aber seine Gespräche über musikalische Dinge, seine Erinnerungen über meine Arbeiten, seine Bereitwilligkeit, mir die besten Muster in die Hände zu geben, und mich auf ihre vorzüglichsten Schönheiten aufmerksam zu machen, dieselben zu entwickeln, das Vorschlagen solcher Bücher, worinnen die Kunst auf psychologische Gründe gebaut war, z. B. H o m e s Grundsätze der Kritik, S u l z e r s Theorie u. a. m. -- nützten mir mehr, als ein förmlicher Unterricht. So oft ich zu ihm kam, empfieng er mich mit freundlichen Augen. Dies benahm mir die Furcht, ihm mit der Vielheit meiner Befragungen und Besuche überlästig zu werden. Eine ziemlich lange Zeit war ich um ein geringes Geld sein Kostgänger. (Damals gieng auch der itzige königlich-preußische Kapellmeister R e i c h a r d t fleißig bey ihm aus und ein, und berathschlagte sich mit ihm über musikalische Gegenstände.) Dadurch bekam ich Gelegenheit, mit vielen andern wackern Tonkünstlern, inn- und ausländischen, bekannt zu werden.  Er verschaffte mir auch Bekanntschaft mit andern Gelehrten, schönen Geistern und Künstlern. Die Gesellschaft eines W e i ß e , G a r v e , E n g e l , O e s e r , B a u s e etc. -- ihre Werke, ihre unpartheiische Empfehlung andrer Produkte, ihre Unterredungen und Urtheile, klärten meinen Verstand immer mehr und mehr auf, bildeten meinen Geschmack und meine Empfindung.

Solches Umgangs mit solchen Personen suchte ich mich nun täglich würdiger zu machen. Ich glaubte, jede unedle Empfindung, jeden unanständigen Gedanken könnten sie deutlich an meiner Stirne lesen. Und so ward ich immer mehr im Guten durch Beyspiele und eigenes Bestreben befestigt.

H i l l e r sorgte auch für die Verbesserung meiner Glücksumstände. Er empfahl mich als Musikinstruktor in verschiedenen angesehenen Häusern, nahm mich zum Mitarbeiter an seiner Operette: der Dorfbarbier, und an seinen wöchentlichen musikalischen Nachrichten und Anmerkungen an, wodurch er mich öffentlich in die musikalische Welt einführte. Er beförderte einige meiner nachherigen Arbeiten zum Druck, und vermehrte solchergestalt meine Einkünfte.  Einige Gesänge zum Dorfbarbier, verschiedene kleine Stücke in seinen wöchentlichen N. u. A. Drei Operetten: Die Apotheke, Amors Guckkasten und die Einsprüche, die an C.P.E. Bach dedicirten Klaviersonaten sind ganz unter seiner Aufsicht komponirt und herausgegeben worden. Meine übrigen gedruckten Arbeiten sind folgende:

a)  Sechs Klaviersonaten, dem verstorbenen Königl. Preuß. Kammerkomponisten, Herrn A g r i k o l a zugeeignet.
b)  Freimäurerlieder, unter dem Namen F e n e e .
c)  Lieder mit Klaviermelodien.
d)  Heinrich und Lyda, eine Operette.
e)  Zwölf K l o p s t o k i s c h e Oden.
f)   Sechs Klaviersonaten zum Singen am Klavier.
g)  Sechs Klaviersonaten mit willkührlicher Begleitung einer Violine.
h)  Vademecum für Liebhaber des Gesangs und Klaviers.
i)   Sophonisbe, ein Monodram von M e i ß n e r , der Durchlauchtigen Erbprinzessin von Hessen-Darmstadt zugeeignet.
k)  Ein Klavierkonzert mit vollständiger Orchesterbegleitung, dem Churfürst von Sachsen dedicirt. Letzteres ist bey G ö t z
      in Mannheim gestochen; alle andern arbeiten sind bey B r e i t k o p f in Leipzig gedruckt worden.
l)  Beyträge in verschiedene Journale.

Manuscripte sind:

1)  Eine Partitur der Oper: Zemire und Azor, nach des Hrn. v. T h ü m e l s freyer Uebersetzung.

2)  Eine Partitur der Oper: A d e l h e i d von Veldtheim.

3)  Eine Partitur vom lateinischen Vaterunser.

4)  Sechs Klaviersonaten mit obligater Violinbegleitung.

5)  Einige Parthien für ein vollständiges Orchester.

6)  Eine Partitur von zwischen den Aufzügen der Schauspiele zu spielenden Stücken.

7)  Verschiedene Lieder.

8)  Kleinere Theater- und andere unvollendete Arbeiten.

(Der Beschluss folgt.)"

"Den 30ten Januar                                                                 No. 18                                                         1799.

(Beschluss.)

Ich war sehr begierig, einem Manne, wie H i l l e r , der so viel Gutes an mir gethan, meine Dankbarkeit einmal thätig zeigen zu können. Denn dass ich ihm meine erste Operette: Die Apotheke, zueignete, verdient weiter nicht in Betrachtung gezogen zu werden. Lange konnt' ich keine Gelegenheit dazu finden, worüber ich oft traurig ward. Endlich fand ich doch eine. Er hatte auf Zureden die Stelle des Musikdirektors bey dem Theaterdirektor S e i l e r übernommen. Da er sie aber wegen vieler anderen Verbindungen nicht gehörig besorgen konnte, und mehr Verlust als Gewinn dabey hatte, so fragte er mich, ob ich als ein ungebundener Mann ihn nicht ablösen wollte? Meiner Verfassung, fügte er hinzu, würde diese Stelle gewiss behäglicher seyn, als der seinigen. Ob ich mich nun schon aus vielen angenehmen Verhältnissen setzen musste, so ergriff ich doch mit Freuden die Gelegenheit, meinem geehrten Freunde eine Gefälligkeit zu erzeigen und ihn von einigen Verlegenheiten befreyen zu können. Ich ward bald mit S e i l e r n über die Bedingungen einig, und im Jahr 1776 gegen den Johannistag reiste ich ins L i n k i s c h e Bad nahe bey Dresden, wo sich damals die S e i l e r s c h e Schauspielergesellschaft aufhielt, und übernahm den Posten meines lieben H i l l e r s , welcher nach Leipzig zurückkehrte. Ich hatte einen mündlichen Kontrakt mit S e i l e r n auf ein Jahr gemacht. Bevor dieses Jahr verflossen, endigte sich S e i l e r s Kontrakt mit dem Chursächsischen Hofe und da sich Schwierigkeiten über verschiedene Punkte eines neuen Kontrakts äusserten, hielt sich Seiler genöthigt, Sachsen mit den Rheinländern zu vertauschen. Ich fühlte wenig Neigung in mir, ihn dahin zu begleiten, weil ich gar sehr an meinem Vaterlande, und meinen Verwandten und Freunden hing, und weil mich ein liebes braves Mädchen in meiner Geburtsstadt fesselte. Ich ersuchte demnach S e i l e r n , mir die sechs Wochen zu erlassen, die noch zur gänzlichen Erfüllung des Kontrakts fehlten. Allein er mahlte mir die rheinischen Gegenden so reizend, stellte mir den nützlichen Einfluss einer solchen Reise auf meine Gesundheit vor, (welchen ich in der Folge auch erfahren) dass ich die heilsamsten Bäder und mineralischen Brunnen dort fände, mich durch kräftigen ungeschminkten Rheinwein stärken, und durch alles dies meiner Hypochondrie einen solchen nachdrücklichen Streich versetzen könne, dass sie mich vielleicht nie wieder heimsuchen werde. Ich ließ mich endlich überreden, und reisete also im Jahr 1777 mit seiner Gesellschaft nach Frankfurt am Mayn. Die Entfernung von meinem Vaterlande und all den Lieben darin, that meinem Herzen sehr weh. Doch zogen mich nach und nach die zauberischen Schönheiten der maynischen und rheinischen Gegenden an sich, und sie nebst vielen andern neuen Gegenständen minderten den Kummer der Trennung. Ich dirigirte noch zwey Jahre und ein halbes die Opern der S e i l e r i s c h e n Bühne, welche abwechselnd in Frankfurt, Mainz, Kölln, Hanau, Mannheim und Heidelberg eröffnet ward, bis endlich diese einst so glänzende Schauspielergesellschaft 1779 nach der Frankfurter Herbstmesse auseinander gieng.

Schon seit einigen Jahren interessirte mich ein wackeres liebes Mädchen mehr, als für meine Ruhe gut war. Demoiselle Z i n k , aus Warza im Gothaischen gebürtig, ehemals in Herzoglich Gothaischen Diensten als Hofsängerin, und damals, auf Anrathen des Kapellmeisters G e o r g B e n d a , in dessen Hause sie erzogen worden, Schauspielerin und Sängerin beym S e i l e r i s c h e n Theater, ward heimlich meine Geliebte. Es gelang mir, mich auch ihr werth und theuer zu machen. Aber ich hatte sie schon längst ihres sanften Herzens, steten Charakters und ihrer guten Sitten wegen geschätzt.

Ich sahe keine Hofnung vor mir, jemals mit ihr in Sachsen vereinigt zu werden. Der Gram unglücklicher Liebe beugte mich zu sehr nieder; ich begann die sonstige Thätigkeit in meinem Amte zu verlieren; selbst mein Talent litt; die Neigung, mit einer tugendhaften Freundin den Pfad meines Lebens gemeinschaftlich zu durchwandeln, ward immer stärker in mir -- ich heyrathete sie im Jahr 1778 in Frankfurt, und habe an ihr eine redliche, zärtliche Gattin gefunden, die mir drey Kinder, zwey Töchter und einen Sohn gebohren hat, von denen der letzte aber gestorben ist.

Ich habe am Mayn- und Rheinstrom manche wichtige und angenehme Bekanntschaften gemacht, und einige meinem Herzen theure Freunde gewonnen. Beym Theater fand ich viele niederträchtige Personen, wenige, die ihrem Stande Ehre machten.

Im October 1779, nachdem sich die S e i l e r i s c h e Gesellschaft getrennt hatte, ging ich mit meiner Familie zur G r o ß m a n n - H e l l m u t i s c h e n Bühne nach Bonn. Ich stand zwar vorher schon mit B o n d i n i , dem Impressario des Chursächsischen Theaters in Unterhandlung; weil er aber seinen letzten Entschluss zu lange verzögerte, so nahm ich einstweilen unter freundschaftlichen Bedingungen, ohne förmlichen bestimmten Kontrakt die Stelle eines Musikdirektors, und meine Frau die einer Schauspielerin bey der Bonnischen Gesellschaft an. Einige Zeit darnach kamen Briefe von B o n d i n i an mich, worinne er meine Forderungen bewilligte. Ich benachrichtigte die Direktion davon, und von meiner ganzen Verbindung mit B o n d i n i , die schon seit einem halben Jahr existirte. Ohne Kontrakt, als Freund von Freunden, die meine Vaterlandsliebe kannten, durft' ich erwarten, dass sie mich ohne Hindernisse wieder von dannen ziehen ließen. Doch sie sollten nicht allein alles für mich thun. Ich schlug vor, dass ich B o n d i n i ersuchen wollte, die Anfangszeit des Kontrakts bis zu den nächsten Ostern zu verschieben. Indess könnt' ich ihnen ihre Oper auf einen bessern Fuß setzen, und sie hätten Zeit genug, unsre Lücken wieder auszufüllen. Dieß ward angenommen.  Ich schrieb also an B o n d i n i . Er antwortete bald darauf, wollte von keinem Aufschub hören, schickte Kontraktsmäßigen Brief, Wechsel und Reisekosten, und drang darauf, dass ich mit meiner Frau längstens in der Mitte des Jänners zu Leipzig eintreffen sollte. Dieß meldete ich sogleich der Direktion und bat sie, mich nun nicht weiter aufzuhalten. Man bediente sich mancherley Mittel, mich zur Vernichtung der Verbindung mit B o n d i n i zu bewegen. Liebkosungen, Versprechungen k ü n f t i g e r Vortheile, Apellationen an mein Herz, Ermahnungen u. d. m. versuchte man. Allein ich, der ich mich auf keine bestimmte Zeit an die Bonnische Direktion versprochen, weder durch schriftlichen noch mündlichen Kontrakt gebunden war, wie aus denen noch in meinen Händen befindlichen Originalpapieren zu ersehen ist, (die ich nach Dresden zu meiner Rechtfertigung geschickt) ich konnte als ein ehrlicher Mann meine gesetzmäßige Verbindung mit B o n d i n i nicht aufheben, wenn ich auch die Sehnsucht nach meinem Vaterlande besiegt, und die Bonnische Direktion mir auch noch so viel reelle Schadloshaltung angeboten hätte, wie sie denn doch nicht gethan. Endlich da alle Versuche mißlangen, legte man Arrest auf meine Effekten. Ich klagte. Aber die Entscheidung der Sache ward von einer Zeit zur andern verzögert. Dieß ward auch der einzige Weg, auf welchem man seine Absicht erreichen konnte. Kurz, es war mir unmöglich, zur gesetzten Zeit in Leizpig zu erscheinen; B o n d i n i war genöthigt, andre Personen zu unsern Stellen zu engagiren, und ich m u s s t e einen Kontrakt eingehen und also in Bonn bleiben. Ueber meine Richter beklage ich mich nicht. Nach dem Lichte, in welchem ihnen meine Sache vorgestellt worden, und nach gewissen andern Umständen, die ich aus Bescheidenheit verschweige, konnten sie fast nicht anders verfahren. Nur über Misshandlung der Freundschaft habe ich zu klagen, die auf einen redlichen Mann, der solcher Auftritte nicht gewohnt ist, schrecklich wirken kann. Möchte diese Begebenheit auf ewig aus meinem Gedächtnis getilgt seyn. Sie hat meinem Herzen eine tiefe Wunde geschlagen, meinen Charakter und meine Gesundheit nicht wenig verstimmt, und Empfindungen und Leidenschaften in mir erweckt, deren ich mich nie fähig geglaubt. Es brauchte lange Zeit und Mühe, ehe ich wieder ruhiger ward, und meinen Charakter wieder in seine vorige Stimmung brachte. Freundesgesinnungen und Zutrauen für gewisse Personen habe ich nie wieder in mir erregen können. Dieses Ereignis verbreitete nun über ihre andern Handlungen ein ganz andres Licht. Indess habe ich mein Amt mit voriger Treue und Eifer verwaltet, welches ich bis jezt noch thue.

Im Jahr 1781 den 15. Februar bekam ich auf Empfehlung des dirigirenden Ministers, Grafen von B e l d e r b u s c h , und der Frau Gräfin H a t z f e l d von Sr. Churfürstlichen Gnaden zu Kölln, M a x i m i l i a n F r i e d r i c h , das Dekret zur Anwartschaft auf die Hoforganistenstelle zu Bonn, ohne mich wegen meiner protestantischen Religion in Anspruch zu nehmen. Im Junius dieses Jahres reiste ich mit der Gesellschaft nach Pyrmont, wo G r o s s m a n n die Direktion allein übernahm, und wo wir uns zwey Monate verweilten; von da nach Cassel, wo wir uns fast eben so lang aufhielten, und wo ich in eine Gesellschaft der weisesten und rechtschaffensten Männer, die nach einem großen Plane für das Glück der Menschheit vereint arbeiten, aufgenommen zu werden gewürdigt ward. Von Cassel kehrten wir nach Bonn zurück. Daselbst blieben wir bis zum 20. Junius 1782. An diesem Tage traten wir unsre Reise nach Münster an, wohin auch der Churfürst gieng. Den Tag zuvor ward mein Vorgänger, der Hoforganist V a n d e n E d e n begraben. Ich erhielt aber Erlaubnis, dass ich meine Stelle durch einen Vikar verwalten lassen, nach Westphalen und von da nach Frankfurt zur Michaelismesse mitreisen durfte, wo wir das vom Magistrat neuerbaute Comödienhaus einweihten.

Bis hieher geht jetzt mein unbedeutendes einfaches Leben. Möchte ich die wenigen Jahre, die ich nach meinem kränklichen Körper etwan noch zu leben habe, ruhiger und nützlicher für meinen Geist, für meine Familie und für meine Mitmenschen anwenden, und dann endlich Bruder H a i n mit freudigem Herzen umarmen können!

Frankfurt, den 30. September 1782."

"1799. März.

Neefes Lebensgeschichte von seiner hinterlassenen Wittwe fortgesetzt.

(Siehe das 17. Stück dieser Zeitung.)

Im Jahr 1784 wurde meinem seligen Manne die einstweilige Direktion über Kirchen- und alle andere Musik bey Hofe übertragen, weil der Churfürstliche Kapellmeister L. auf einige Monathe verreiste. Während dieser Zeit hatten wir das Unglück, unsern wahrhaft guten alten Churfürsten zu verlieren.

So sehr dieser gute Fürst auch von Jedermann beklagt wurde, so fühlten doch wenige seiner Unterthanen seinen Verlust so sehr, als wir: denn wir verloren zugleich jährlich 1000 Gulden von unserm Gehalt, weil das Theater, welches er auf seine eigenen Kosten unterhalten hatte, aufhörte. Es blieb uns also nichts übrig, als der feste Gehalt, welchen mein Mann als Hoforganist machte. Davon allein konnten wir aber nicht leben: es mussten also Lectionen dabey gegeben werden, um das Fehlende herbey zu bringen. Es dauerte auch nicht lange, so hatte er die Lectionen von vielen der ersten Häuser in Bonn. Zu seinem Vergnügen kaufte er sich einen kleinen Garten vor dem Thore, worinne er die wenigen Stunden, welche ihm zu seiner Erholung übrig blieben, zubrachte. Doch war er auch hier keinen Augenblick müßig. Er besäete und bepflanzte sein Gärtchen selbst, wartete und pflegte seine jungen Bäume und Pflanzen mit so viel Sorgfalt, dass jeder, der vorbey gieng, stehen blieb und sich des ordentlichen und fleißigen Gärtners freuete. Wie süß schmeckten uns die selbstgezogenen Gemüse und die ersten Früchte der selbstgepflanzten Bäumchen! So verlebten wir unsere Zeit ziemlich ruhig, bis nach einigen Jahren der jetzige Churfürst von Cölln abermals ein Hoftheater errichtete, wobey mein Mann seine schon seit vielen Jahren begleitete Stelle als Musikdirektor und ich die meinige als Hofschauspielerin wieder bekam. Dadurch wurde freylich unsere Einnahme, aber auch die Arbeit meines Mannes dergestalt vermehrt, dass er gezwungen war, seine Lektionen wieder aufzugeben, und alle seine Kräfte dem Theater zu widmen. Nichts belebte ihn dabey mehr, als die Hoffnung, dass hier für uns im Alter Brod wachse. Armer Mann, wie traurig wurdest du getäuscht! --

Der französische Krieg brach aus. Die Franken kamen uns immer näher, das Theater wurde eingestellt, der Gehalt hörte auf, und die Lektionen waren aufgegeben. Unser ältester Sohn, der uns zu den schönsten Hoffnungen berechtigte und der die Stütze unsers Alters werden sollte -- starb jetzt gleichfalls! -- Nun bekam mein Mann Briefe aus Amsterdam, vom Herrn Schauspieldirektor H., welcher unsre ältere Tochter von 15 Jahren, welche schon seit einigen Jahren in der Musik unterrichtet worden war, und öffentliche Proben ihres Talents abgelegt hatte, zu seiner Gesellschaft als Sängerin begehrte. Da für sie in Bonn nun weiter keine Aussicht und nicht einmal Gelegenheit war, ihr Talent vollends auszubilden, so wurden mein Mann und Herr Direktor H. bald über die Bedingungen einig, unter welchen sie kommen sollte. Um sie recht sicher an Ort und Stelle zu bringen, nahm es der zärtliche Vater, ohngeachtet seines schwächlichen Körpers auf sich, sie selbst dahin zu bringen, und reiste 1794 mit unserer Tochter ab, welche auch, 2 Tage nach ihrer Ankunft in Amsterdam, zur Zufriedenheit des Direkteurs und des Publikums auftrat. Nach 4 Wochen kehrte mein guter Mann wieder in unsere Arme zurück. Nunmehr wäre Zeit genug für die Lektionen da gewesen, aber alles war in Furcht und Schrecken über die immer näher und näher kommenden Franken. Da sie zu gleicher Zeit auch ihren Marsch nach Holland nahmen, so gieng Herr Direktor H. mit seiner Gesellschaft nach Düsseldorf. Er besuchte uns, und da er fand, dass mein Mann kein anderes Geschäft hatte, als zweymal in der Woche die Orgel an der Hofkapelle zu spielen, so bot er ihm eine ansehnliche Gage, wenn er zu ihm kommen und seine Oper dirigiren wollte. Mein Mann, dessen musikalischer Geist jetzt ohnehin zu wenig Nahrung hatte, gieng zum Churfürsten und begehrte auf einige Zeit Urlaub, auch war er schon mit einem Freunde überein gekommen, der seinen Dienst einstweilen versehen wollte. Der Churfürst schlug ihm seine Bitte ab und verlangte, dass er seinen Dienst so lange thun sollte, als die Franken den Gottesdienst nicht störten. Es vergiengen kaum 14 Tage, so reisten Se. Durchl. von Bonn weg, der ganze Adel folgte ihm nach, die Franken rückten ein, der Rhein und alle Ab- und Zugänge waren gesperrt: wir mussten nun bleiben.

Der Churfürst hatte vor seiner Abreise seiner Dienerschaft noch 3 Monate Gehalt voraus bezahlen lassen, und sich und seinen Unterthanen mit der Hoffnung geschmeichelt, binnen dieser Zeit wieder in Bonn zu seyn. Aber es vergieng ein Monat und ein Vierteljahr nach dem andern -- wir bekamen Tag vor Tag Einquartierung, eine Lieferung über die andere, die Lebensmittel stiegen mit jedem Tage, viele dringende Nothwendigkeiten konnte man für Geld nicht einmal mehr bekommen, und dabey kein Heller Einnahme! Bey Errichtung einer neuen Municipalität fiel es den Franken noch gar ein, meinen Mann in Requisition zu nehmen, und ihn, ohngeachtet seiner Kränklichkeit und seines Mangels an den dazu gehörigen Kenntnissen, zum Municipalbeamten zu machen. Dafür bezahlten sie ihm aber auch montalich 200 Livres in Papier, wofür mir niemand Brod gab. Desto mehr belud man meinen Mann mit Arbeiten. Der Vormittag wurde jeden Tag, und oft auch der Nachmittag auf dem Rathhause zugebracht, die übrigen Stunden verstrichen zu Hause mit Durchlesung ganzer Stösse Akten. Dabey mussten wir ein Stück nach dem andern verkaufen, um nur leben zu können! Dieses dauerte beynahe ein Jahr, als in der Administration noch ein zweyter Registrator verlangt wurde. Da dort mit Gelde und hier blos mit Papier bezahlt wurde, so zog mein Mann diesen Dienst vor und wurde vom Rathsherrn zum -- Registrator. Hier gab es nun wieder ein neues Studium. So viele Mühe ihm dies anfänglich machte, so überwand er doch, da er von jeher an Fleiß und Ordnung gewöhnt war, auch diese Schwierigkeiten; und nun befanden wir uns einige Monate ziemlich leidlich! -- Kaum fiengen wir an zuweile eine heitere Stunde zu genießen, so traf uns ein neuer Schlag: die ganze Administration wurde mit einem mal abgesetzt. Während dieser Zeit war Herr Direktor H. mit seiner Gesellschaft in Wetzlar und beynahe 1 Jahr in Mainz gewesen, wo er sie aus einander gehen ließ, und unsere Tochter hatte Engagement bey Herrn B o s s a n g , Direktor bey der Hofschauspielergesellschaft in Dessau, angenommen. Diesem gieng im August 1796 sein Musikdirektor ab, er schrieb deswegen an meinen Mann und bot ihm diese Stelle an. Wir konnten nicht länger in Bonn bleiben, wenn wir als rechtschaffene Menschen handeln und den guten Leuten, welche uns in der Noth geholfen hatten, nichts schuldig bleiben wollten. Wir befriedigten ihre Forderungen mit allem, was wir hatten, und reiseten von Bonn nach Leipzig, wo unsere Bestimmung war, die B o s s a n g i s c h e Gesellschaft zu erwarten. Wie glücklich fühlten wir uns bey Eintritt in diese schöne Stadt! Wir glaubten nunmehr alles über uns verhängte Elend überstanden zu haben, und hatten auch noch die große Hoffnung von unserm lieben Churfürsten, welchen wir das Glück hatten, eben daselbst zu treffen, den noch rückständigen 7vierteljährigen Gehalt zu bekommen, da mein Mann auf seinen ausdrücklichen Befehl seinen Dienst in der Hofkapelle bis zum Tage seiner Abreise richtig versehen hatte. Es wurde dem Churfürsten eine Supplik dieserhalb übergeben, mein Mann gieng darauf selbst zu ihm, wurde außerordentlich gnädig aufgenommen, und wir erwarteten mit Sehnsucht die Antwort. Sie kam -- mit zitternden Händen öffneten wir, und fanden nichts, als einen f ö r m l i c h e n A b s c h i e d !

Wir blieben zwey Monate in Leipzig, und reisten den 1. Dec. 1796 von da nach Dessau. Den ersten Winter verlebten wir hier sehr vergnügt. Wir fühlten das Glück, aus dem Elende des Krieges errettet zu seyn, und dankten es mit innigster Rührung der Vorsehung. Doch auch dies Glück sollte bald gestört werden. Ich verfiel in ein hitziges Gallenfieber, gerieth in Wahnsinn und Raserey und verursachte meinem guten Mann also neues Leiden. Wider alles Vermuthen wurde ich durch die Kunst des hiesigen Herrn D. O l b e r g s vollkommen wieder hergestellt, und ich ergreife die Gelegenheit, diesem würdigen Manne öffentlich meine herzlichste Dankbarkeit zu bezeigen.

Nach einigen Monaten überfiel meinen Mann ein ganz ungewöhnlicher Katharr. Der Husten dauerte Tag und Nacht fort, und verursachte seiner ohnehin schwachen Brust viel Schmerzen. Er konnte weder liegen noch sitzen. Diese Unruhe dauerte einige Tage immerwährend fort. Den 26. Jan. 1798 fieng endlich der Husten an ein wenig nachzulassen; der Kranke bekam Lust zum schlafen, verlangte eine Arzeney und bat, dass man ihn ja nicht im Schlafe stören möchte. Er schlief auch wirklich bald darauf ganz ruhig ein, aber ohne jemals die Augen wieder zu öffnen. Sein Ende war so ruhig und sanft, als sein Leben unruhig und kummervoll gewesen war. Er brachte sein Alter auf fünfzig Jahr weniger 9 Tage und hinterließ am Leben drey Töchter und einen Sohn.

S. M. Neefe. Wittwe."

Nach diesem Blick auf Neefes Autobiografie und auf den Beitrag seiner Witwe sollten wir vielleicht einigen interessanten Links nachgehen.

Das Beethoven-Haus in Bonn bietet dreierlei Möglichkeiten dazu an:

Beethovens Lehrer: Eine Kurzbeschreibung Neefes

Suche nach Schriftdokumenten Neefes im Handschriftenkatalog

Suche nach Werken Neefes im Bibliothekskatalog

Auf der Website der Beethoven Bibliography Database des Ira F. Brilliant Centers in San Jose, Kalifornien, können wir nach Literatur zum Thema Neefe suchen:

Beethoven Bibliography Database