BEETHOVENS KLAVIERSONATEN
NR. 19 UND 20, OP. 49
ENTSTEHUNGSGESCHICHTE






Blick auf den Wiener Stephansdom


"EINSTEIN, DAS KLEINE EINMALEINS AUFSAGEND"?
-  GEDANKEN ZUR EINLEITUNG

Wenn Joachim Kaiser in seiner Besprechung dieser Sonaten darauf hinweist, dass sich große Pianisten beim Vortrag dieser "Leichten Sonaten" vielleicht so vorkommen wie "Einstein, das Kleine Einmaleins aufsagend", dann weist er damit möglicherweise darauf hin, dass auch diesen Sonaten genug Sorgfalt gewidmet werden sollte. 

Wenn wir uns als Laien zuerst mit ihrer Entstehungsgeschichte befassen, hilft eingangs vielleicht auch ein Blick auf zusammenfassende Kommentare der Experten:

"These sonatas fall readily into two groups: thirteen sonatas written prior to 1800--opus 2 to 22, plus two "easy sonatas," opus 49--which explore and expand the possibilities of sonata form" (Solomon: 104; --

Solomon schreibt hier, dass die Beethoven'schen Klaviersonaten leicht in zwei Gruppen eingeteilt werden können, von der die erste aus dreizehn vor 1800 komponierten Sonaten, op. 2 bis op. 22 und zwei "Leichten Sonaten", op. 49, bestehe, die die Möglichkeiten der Sonatenform erforsche und erweitere).

"By the time he had finished his First Symphony and the String Quartets op. 18 in 1800, Beethoven had written 13 piano sonatas (up to and including op. 22 and the two sonatas op 49) . . . " (Kinderman: 30; --

--Kinderman schreibt, dass Beethoven zu der Zeit, zu der er seine Erste Symphonie und seine Streichquartette, op. 18, komponiert hatte, 13 Sonaten (einschließlich op. 22 und der zwei Sonaten op. 49 geschrieben hatte).

"There is far less distance between these sonatas [WoO 47] and those of Op. 49 than between the latter and the 'Hammerklavier'" (Cooper: 11; --

-- Cooper weist darauf hin, dass zwischen Beethovens "Jugendsonaten", WoO47 und seinen Sonaten, op. 49 weniger Abstand herrsche als zwischen den letzteren und der "Hammerklavier"-Sonate).

Vielleicht sollten wir uns hier noch nicht reflektierend mit diesen Kommentaren befassen, sondern sie als "Reisegepäck" auf unsere Entdeckungsreise mitnehmen, die hier mit unserer Erarbeitung des Zeitrahmens der Entstehung dieser "Leichten Sonaten" beginnt.

 

ZUR ENTSTEHUNG DER SONATEN

Etwa in dem Maß, in dem uns diese Sonaten "chronologisch" inmitten der Reihe der 32 Klaviersonaten Beethovens zwischen op. 31 und op. 53 "fehl am Platz" vorkommen mögen, sollten wir auch darauf vorbereitet sein, dass ihre Entstehung "chronologisch" auch nicht strikt der Opusnummernreihenfolge von op. 49/1 und op. 49/2 folgt.

Ziehen wir also sowohl Thayer als auch Cooper chronologisch auf ihren Spuren dieser Werke, jedoch nicht unbedingt in der Reihenfolge der Opusnummern, zu Rat.

Thayer  (S. 197) berichtet uns zunächst, dass der Band der Kafka-Skizzen im Britischen Museum Skizzen des Menuetts und Trios zu Beethovens Sextett, der Arie und Szene "Ah, perfido!" und der Klaviersonate op. 49, Nr. 2 enthalte, und dass diese Skizzen auf das Jahr 1796 zurückzuführen seien. 

Während Thayer uns nur mit der Vermutung vertraut macht, liefert uns Cooper einen Hinweis darauf, wie wir dies nachprüfen könnten:  

"Several other works can be dated to Beethoven's period in Prague in 1796 on the basis of the paper types of their sketches or autograph score.(3) One is the Piano Sonata in G, Op. 49 No. 2" (Cooper: 64; --

Er schreibt hier, dass verschiedene Beethoven'sche Werke 1796 während seiner Prag-Reise entstanden seien, was man durch die Untersuchung der Papiersorten ihrer Skizzen oder Manuskripte feststellen könne.  Eines dieser Werke sei die G-Dur-Klaviersonate, op. 49, Nr. 2).

Thayer (S.199) weist dann darauf hin, dass die Tatsache, dass der zweite Satz der zweiten (also der 1796 entstandenen) Sonate, das Menuett, auf dem selben Motiv wie der dritte Satz des Septetts aufgebaut sei und dass die Tatsache, dass das Motiv in der Sonate älter sei als das gleiche Motiv im Septett dadurch bewiesen werde, dass sich Skizzen dazu neben den Entwürfen zu "Ah, perfido" (1795-96 entstanden) und des Sextetts für Blasinstrumente, op. 71 befänden.  Dies weist laut Thayer darauf hin, dass dieses Motiv aller Wahrscheinlichkeit nach 1795 oder spätestens 1796 entstanden sei.   

Thayer (S. 201) führt diese Sonate dann  als 1795-1796 entstanden an.

Wann ist jedoch die "erste" Sonate, op. 49/1 entstanden?  Zitieren wir dazu Thayer direkt:

"Nottebohm considers it likely that the first Sonata was finished at the latest in 1798, certainly before the Sonata "Pathetique" and the Trio for strings, Op. 9, No. 3" (Thayer: 199; --

-- Thayer weist darauf hin, dass Nottebohm es für wahrscheinlich hält, dass die erste Sonate spätestens 1798, bestimmt jedoch vor der "Pathethique" und dem Trio für Streicher, op. 9, Nr. 3 fertiggestellt worden sei).  

Thayer (S. 213) bestätigt dies andererseits durch seinen Hinweis darauf, dass sich Entwürfe zum Rondo von op. 13 unter denen zum Trio, Op. 9 und nach dem Anfang einer Reinschrift für die Sonate, op. 49, Nr. 1, befänden.  

Thayer (S. 217) führt diese Sonate dann als 1798 entstanden auf.  

Beabsichtigte Beethoven jedoch, diese Sonaten zu veröffentlichen?  Ziehen wir dazu Barry Cooper zu Rat:

"The theme of the Tempo di Menuetto [of the Septet] (though not its working-out) was borrowed from the still unpublished Sonata, Op. 49 No. 2.  Beethoven did not normally make such borrowings except where the earlier work was to remain unpublished . .  . and so it seems probable that in 1799 he had no intention of ever publishing the sonata.(13)" (Cooper: 86-87; --

--Cooper schreibt hier, dass das Thema des "Tempo di Menuetto" des Septetts, jedoch nicht dessen Ausarbeitung, aus der damals noch unveröffentlichten Sonate, op. 49, Nr. 2 "entliehen" sei und dass Beethoven solche "Entleihungen" normalerweise nur dann vornahm, wenn er das Werk, aus dem sie entliehen wurden, unveröffentlicht bleiben sollte.  Daher hält es Cooper für sehr wahrscheinlich, dass Beethoven zumindest 1799 noch nicht daran dachte, diese Sonaten jemals zu veröffentlichen).

ZUR VERÖFFENTLICHUNG DER SONATEN

Wann begannen dann jedoch Verhandlungen mit Verlegern und wer führte sie?  Thayer schreibt dazu:

"The Sonatas were ready for publication as early as 1802, in which year brother Carl offered them to Andre in Offenbach.  They were not published until 1805, when they appeared with the imprint of the Bureau d'Arts et d'Industrie, as appears from an advertisement in the Wiener Zeitung of January 19, 1805" (Thayer:199; --

Thayer schreibt hier, dass die Sonaten 1802 zur Veröffentlichung fertig waren und dass Beethovens Bruder Carl sie in diesem Jahr dem Verleger Andre in Offenbach anbot.  Sie seien jedoch dann erst 1805 herausgekommen, und zwar im Bureau d'Arts et d'Industrie in Wien und seien zu diesem Zweck am 19. Januar 1805 in der Wiener Zeitung angekündigt worden).

Thayer (S. 392) führt die Werke dann als 1805 beim Kunst-und Industrie-Comptoir veröffentlicht an.

Da sich der weitgespannte Zeitraum (1795 - 1805) von den ersten Skizzen zur Veröffentlichung dieser "Leichten Sonaten" anläßlich dieser kleineren Werke nicht dazu anbietet, ihn intensiv vom biographischen Standpunktaus zu durchleuchten, verweisen wir jene Leser, die sich damit befassen wollen, auf unsere Biographischen Seiten und fahren hier mit der Beschreibung des musikalischen Inhalts jeder Sonate fort, wobei wir unsere einleitenden Expertenzitate individuell mit bedenken können, falls uns unser jeweiliger individuell gewonnener Eindruck dieser Werke dazu Anlaß bietet .