BEETHOVENS KLAVIERSONATE NR. 15, OP. 28
ZUR ENTSTEHUNGSGESCHICHTE UND
ZUM MUSIKALISCHEN INHALT






Beethoven um 1800



EINLEITUNG

Diese Sonate führ uns in unserer Klaviersonatenabteilung dem Ende des ersten Abschnitts entgegen, und den Grund dafür liefert uns Beethoven in einer Aussage, die Czerny uns überlieferte und die Sie am Ende dieser Seite kennenlernen können. Zunächst sollten wir uns aber diesem Werk zuwenden.

ZUR ENTSTEHUNG 

In der Bestimmung des Zeitraums der Komposition dieser Sonate stehen uns nicht viele Quellen zur Verfügung.  Thayer (S. 297) bezeichnet die Jahresangabe "1801" auf dem Originalmanuskript als den einzigen Hinweis auf das Entstehungsjahr, und seine Angabe, dass es dazu wohl keine Entwürfe gebe, wird von anderen wichtigen Biographen zumindest noch nicht widerlegt.  

Thayer berichtet jedoch noch, dass dieses Werk sehr früh durch Beethovens Hamburger Verleger A. Cranz den Beinamen "Sonata pastorale" erhalten habe, der nicht unzutreffend sei (S. 297).

Wie wir bereits aus unseren Biographischen Seiten wissen, schrieb Beethoven im Sommer dieses Jahres Briefe an seine Freunde Amenda (im Kurland) und Wegeler (im Rheinland) in bezug auf seine einsetzende Schwerhörigkeit.  Auch wissen wir bereits aus unserer Entstehungsgeschichte zur 12. Klaviersonate, op. 26, dass Beethoven den Sommer dieses Jahres in Hetzendorf verbrachte.  

 

ZUR WIDMUNG UND ZUR VERÖFFENTLICHUNG

 

Während Beethoven den Sommer 1802 in Heiligenstadt verbrachte, kündigte laut Thayer (S. 297) das Industriekontor in der Wiener Zeitung vom 14. August 1802 die Veröffentlichung dieser Sonate mit der Widmung "A Monsieur Joseph Noble de Sonnenfels, Conseiller aulique et Secretaire perpetuel de l'Academie des Beaux Arts" (Thayer: 297) an.  Thayer vertritt zu Beethovens Beziehung und zur Widmung dieses Werks and Sonnenfels, sich auf Willibald Nagels Buch Beethoven und seine Klaviersonaten und auf Willibald Müllers Sonnenfels-Biographie berufend, die Meinung, dass Beethoven mit Sonnenfels nicht näher bekannt gewesen sei und dass es sich bei dieser Widmung nur um den Ausdruck seines Respekts für diesen zu dieser Zeit schon fast 70jährigen Aufklärer handelte.    

 



Joseph von Sonnenfels




Hierzu äussert sich Maynard Solomon etwas spezifischer:

"Beethoven evidently wished to emerge from a period of apparent ideological quiescence.  Perhaps this is one reason why, in the opening years of the nineteenth century, he began a series of apparently disinterested dedication of his works to leading adherents of Enlightened positions.  Thus the revered Austrian-Jewish Aufklärer and Freemason Joseph von Sonnenfels (favorite and adviser to Joseph II) received the dedication of the Piano Sonata in D, op. 28, in 1801" (Solomon: 137; --

-- Solomon schreibt hier, dass Beethoven sich offensichtlich nach einer langen Zeit der 'ideologischen Stille' aus dieser lösen wollte und dass dies vielleicht der Grund war, warum er zu Anfang des 19. Jahrhunderts eine Reihe von scheinbar beziehungslosen Widmungen seiner Werke an Vertreter der Aufklärung begann.  So erhielt der verehrte jüdisch-österreichische Aufklärer und Freimaurer Joseph von Sonnenfels (laut Solomon der Lieblingsberater von Kaiser Joseph II) die Widmnung der D-Dur-Klaviersonate, op. 28, im Jahr 1801).


Nach unseren Kommentaren zur Entstehung und zur Widmung dieses Werks können wir uns nun seinem musikalischen Inhalt zuwenden.

 

ZUM MUSIKALISCHEN INHALT

In bezug auf unsere drei verschiedenen Betrachtungsweisen bieten wir Ihnen wieder die Möglichkeit, durch Anklicken der jeweiligen Überschrift eine Ihnen gemäße Betrachtungsweise auszuwählen.  


 MUSIKWISSCHENSCHAFTLER UND BEETHOVENFORSCHER
 

AKTIVE MUSIKKRITIKER UND FEUILETTONISTEN

DARBIETENDE KÜNSTLER


MUSIKWISSENSCHAFTLER UND BEETHOVENFORSCHER

Hier wenden wir uns an die drei Beethovenforscher- und Biographen Solomon, Kinderman und Cooper.   Solomon kommentiert zu diesem Werk wie folgt:

"With the calm and reflective Sonata, op. 28 (Pastorale), Beethoven reverted, for the last time in his life, to the normal four-movement sonata form, with a traditional distribution of emotional weight and emphasis.  Like so many of Beethoven's works which follow hard upon a dramatic achievement, opus 28 celebrates the peace that comes from the fulfillment of a difficult creative effort and withdraws to a relative traditionalism, from which Beethoven will gain strength for a new creative surge" (Solomon: 106; --

--Solomon schreibt hier, dass Beethoven mit diesem ruhigen, reflektiven Werk sich zum letztenmal in seinem Leben der klassischen, aus vier Sätzen bestehenden Sonatenform zuwandte, in der das emotionale Gewicht und die emotionale Betonung eher traditionell verteilt sei.  Wie so viele bon Beethovens Werken, die gleich nach einem wesentlichen kompositorischen Fortschritt entstanden seien, schwelge Opus 28 in der Ruhe, die sich nach solch einem kreativen Vorstoß in der Tradition bewegen wolle, aus der Beethoven dann wieder Kraft für einen neuen kreativen Vorstoß gewinnen würde).

"It was Beethoven's tendency, having mastered a genre, to withdraw for a time from a further expansion of the implication of his advance and turn elsewhere.  .  .  .  This may be why several works of this period--such as the two symphonies and the sonatas op. 28 . . . have a somewhat conservative cast when viewed alongside . . . the sonatas, op. 27 . . . " (Solomon: 107- --

-- Dieser Kommentar Solomons stimmt mit seinem voherigen fast ganz überein.  Hier diskutiert er noch einmal Beethovens Tendenz, sich nach der Eroberung eines Genres für eine Weile zurückzuziehen, was wohl dazu führte, dass Opus 28 neben Op. 27 etwas konservativer wirke).

William Kinderman hat etwas mehr in bezug auf eine eigentliche Beschreibung des musikalischen Inhalts zu bieten:

"The next piano sonata, op. 28 in D major ('Pastoral'), and each of the three violin sonatas of op. 38 are highly individual and polished works. The title 'Pastoral' is not unfitting for op. 28: one can find pedal points in the first and last movements and occasional bagpipe fifths, whereas the cadential theme in the first movement, internal episode of the slow movement, and scherzo are all rustic in character.  The Andante in D minor has a processional, ballade-like atmosphere: the melodic inflections of its main theme seem suggestive of speech.  In the coda Beethoven juxtaposes the first phrases of the main theme with a disturbing, dissonant transformation of the innocent contrasting subject--a glimpse of the abyss, followed by a close in bleak resignation.  In the other movements of op. 28, Beethoven often employs static textures with repetitive figures, yet the development of the opening Allegro is dominated even more than usual by a process of foreshortening.  Appropriately, this developmental passage is set apart from its context:  the music comes firmly to rest on a protracted F# major harmony before phrases drawn from the cadential theme are played in B major and minor to preface the recapitulation.  Beethoven used an identical modulation through the submediant to introduce the climactic ninth variation of the 'Joy' theme in the choral finale of the Ninth Symphony" (Kinderman: 73-74; --

--  Kinderman beschreibt diese Sonate als sehr individuell und geschliffen und findet ihren Beinamen "Pastorale" nicht unbezeichnend.  Er spricht von dudelsackähnlichen Anklängen im ersten und letzten Satz, aber auch vom rustikalen Charakter des Kadenz-Themas im ersten, des internen Abschnitts im Andante und des Scherzos.   Seiner Meinung nach hat das Andante auch eine balladenhafte Stimmung, in der der melodische Charakter des Hauptthemas an den Sprechton erinnere.  .  .  .  In den Ecksätzen dieses Werks wende Beethoven oft statische Texturen, jedoch sei die Entwicklung der Eileitung des Allegros noch mehr wie sonst von beethoven'schen "Zusammenfassungen" charakterisiert.  Beethoven wende auch Phrasen des Kadenz-Themas an und bringe sie hier in B-Dur und b-Moll als Einleitung zur Rekapitulation und habe eine ähnliche Modulierung zur Einleitung des Themas der "Ode an die Freude" in seiner Neunten Symphonie angewandt).

Barry Coopers Kommentar ist kurz, charakteristisch und zusammenfassend:

"The next sonata, Op. 28, provides a complete contrast.   It is lengthy, relaxed, totally unheroic, and pastoral in mood, especially in the first and last movements; indeed it acquired the nickname 'Pastoral' not long after publication. Beethoven's ability to produce four such different sonatas so quickly is remarkable, and never again did he write so many piano sonatas in such a short space of time" (Cooper: 108; --

-- Er schreibt, dass diese Sonate mit ihrer entspannten Länge und unheldenhaften, pastoralen Stimmung, besonders im ersten und letzten Satz, einen totalen Kontrast [zu den Vorgängeinnen] bilde.  Er weist nochd darauf hin, dass Beethovens Fähigkeit, vier Klaviersonaten in einem Jahr zu schreiben, bemerkenswert sei und dass er nie mehr so viele Klaviersonaten in solch einem kurzen Zeitraum schrieb).

AKTIVE MUSIKKRITIKER UND FEUILETTONISTEN

Geben wir hier wieder Joachim Kaiser ohne lange Voreinleitung das Wort:

"Lebendig-lyrische Charaktere, auf pochend bewegtem Orgelpunktgrund sich entfaltend, von melodischen Nebenstimmen und empfindsamen Episoden bereichert, erfüllen Kopfsatz und Finale der -- von Beethovens Hamburger Verleger A. Cranz nicht unpassend so genannten -- >>Sonate pastorale<<.  Dem vielstimmigen und farbigen Anfangsallegro folgt ein d-Moll-Andante:  kein wilder, sondern ein milder, verhaltener, tänzerisch unterbrochener Trauermarsch.

Scherzo und Finale bestätigen die >>Idee<< des Kopfsatzes:  hier geht es nicht um Exzentrizität, sondern um erfüllte Identität.  Melodisches Selbstbewußtsein, Freiheit, Kunstfertigkeit und kraftvolle Virtuosität machen unentscheidbar, ja zum Scheinproblem, ob in Opus 28 kontrastierende Themen und Sätze den >>Verlauf<< prägen oder ob hier melodisch strömende Musik, in ihre bewegte Stille hineinlauschen, immer neue Charaktere entläßt.

Diese idyllische und großzügige Sonate wird von Anfang an geprägt durch orgelpunktartige Bildungen.  Sie bewirken etwas Doppeltes:  sie stiften Identität (als immer wiederkehrende, feste Modelle) -- und sie motivieren die Weiterbewegung.  Sollten diese beiden Funktionen schwer zusammenzudenken sein, so braucht ein solcher >>Widerspruch<< weder den Analytiker, noch weniger den Pianisten zu erschrecken.  Vielleicht hatte Beethoven es darauf abgesehen, die Spannung dieses Gegensatzes fruchtbar zu machen.  .  .  .

Kopfsatz und Andante dieser D-Dur-Sonate sind -- jeder für sich -- weit länger als Scherzo und Finale zusammen.  Mithin besteht ein beträchtliches Ungleichgewicht zwischen den ersten beiden und den letzten beiden Sätzen.  Die Tendenz zur >>Final-Sonate<<, die sich in Opus 27 Nr. 1 und Nr. 2 andeutete, erscheint hier gestoppt. . . .

Als wolle Beethoven beweisen, wie sehr ihn das Problem der spannungsvoll erfüllten Identität reizt, konstruiert er das Scherzo aus der Wiederholung eines einzigen Tones, beziehungsweise Intervalls. . . .

Es wäre hochtrabend, auch im Rondo das Verhältnis zwischen gegebenem, schließlich strettahaft gesteigertem Ostinato und den notivischen Entwicklungen oder hinzuerfundenen Verzierungen der Rechten zum >>Problem<< hinaufstilisieren zu wollen.  Der Baß kommt in den guten Takkteilen immer auf ein >>D<< zurück, die Spitzennoten darüber bilden eine motivische Linie.  Und diese Linie ist natürlich charakteristischer, auffälliger als der stets wiederholte D-Effekt. .  .  .

In Opus 28 komponierte Beethoven eine heiter bewegte, leicht überschattete, mittlere (gewiß nicht: mittelmäßige) Musik.  Er wagte Gesundheit, sanftes Gesetz.  Er mied Überspannung und bot stattdessen die erfüllte Spannung einer niemals monotonen Identität" (Kaiser:  276 - 289).


DARBIETENDE KÜNSTLER

Der aktive Pianist Anton Kuerti gibt uns zu dieser Sonate den folgenden Überblick:

Zunächst drückt er etwas Enttäuschung über die Tatsache aus, dass diese Sonate weniger originell sei als ihre unmittelbaren Vorgängerinnen.  Trotzdem, so Kuerti, und vielleicht gerade durch ihren passenden Beinahmen, sei sie sehr beliebt geworden.  Ihre Form sei ganz konventionell, und sei auch die letzte Klaviersonate Beethovens, in der er diese konventionelle Form angewandt habe.  

Der emotionale Inhalt ist laut Kuerti auch weniger atemberaubend als der der vorangegangenen Sonaten, obwohl man diese Sonate deswegen nicht kritisieren solle, denn ein Künstler wie Beethoven könne sich nicht nur auf seine innigen und temperamentvollen Stimmungen beschränken, obwohl er dafür besonders bekannt sei.  Gelegentlich wolle auch ein Komponist wie er Musik schreiben, die sanfter und weniger ausdrucksvoll sei.  Daher sei auch ihr Beiname sehr angebracht.  (Kuerti: 30).

Allegro 

Der pastorale Charakter wird laut Kuerti durch die dröhnenden, monotonen Bass-Noten der Einleitung unterstrichen.  Der Satz strahle einen ausdrucksvollen Glanz aus, der uns hoffen lasse, dass er eine konzentrierte Aussage zu machen habe.   Aber auf seiner Suche nach einem zweiten Gegenstand stehe Beethoven einem Dilemma gegenüber.   Ein lyrisches Thema würde nicht genug Kontrast bieten; auf der anderen Seite kann vielleicht ein lebhafteres oder dramatischeres zweites Thema die friedliche Stimmung des Werks stören.   So erscheint es uns, als gehe Beethoven auf die Suche nach einem zweiten Thema, ohne dies je zu finden!  Auch die aufsteigenden Passagen in Richtung betonter Akkorde komme zu spät .  .  .

Beethoven rettet sich laut Kuerti aus dieser Situation durch ein Schlussthema solchen Charmes und solcher Individualität, dass es der Exposition Leben einhauche.   

Diese zerlege das Hauptthema allmählich und schneide ihm seine Gliedmaßen ab, in dem es anfangs seine ersten vier Takte entferne, dann die nächsten zwei Takte (nur die letzten beiden übriglassend), und dann den letzten Takt .  .  .  Während dieses Massakers nehme die Intensität und der Zorn zu, bis wir in der entfernten Fis-Dur-Tonart ankämen.  .  .  .  (Kuerti: 30-31).

Andante

Kuerti weist darauf hin, dass zwischen dem ersten und zweiten Satz dieser Sonate sehr wenig Kontrast herrsche.  Sie seien beide sanft-ausdrucksvoll, etwas "wandernd" in ihrem Charakter, und beide in D-Dur geschrieben.  Die sehr zurückhaltende Einsamkeit und Einfachheit dieses Satzes sei sehr anrührend und beethoven habe ihn oft vor seinen Freunden gespielt.  (Kuerti: 31).

Scherzo: Allegro vivace

Kuerti bezeichnet dieses Scherzo mit seiner heiteren Einleitung als sehr humorvoll, und weist darauf hin, dass das Trio aus einer einzigen, "manischen" Linie bestehe, die immer wieder wiederholt werde und sei in der von Beethoven selten angewandten b-Moll-Tonart geschrieben . (Kuerti: 31).

Rondo: Allego, ma non troppo

Die ländliche Stimmung des Rondos sei von Anfang an zu erkennen, schreibt Kuerti, und erinnert ihn an Dudelsackklänge aus der Ferne.  Es sei durchweg leicht gehalten, und im Mittelteil finde man einige sehr faszinierende harmonische Experimente Beethovens.  Der brillante Schluss stelle die einzige "Virtuosenpassage" des Werks dar, in dem er das Tempo zunächst zurückhalte, bis es zum Schluss in grosser Geschwindigkeit ende, was für ihn später fast zur Regel werden sollte.   (Kuerti: 31-32).

Kunst der Fuge: Beethoven-Sonaten

Für diejenigen von Ihnen, die sich s e h r ernsthaft mit dieser Sonate auseinandersetzen möchten, bieten wir hier auch einen Link zur Beethoven Bibliography Data Base des Ira Brilliant Center for Beethoven Studies in San Jose, Kalifornien:


Opus 28 - Suche


Ein von Barry Cooper wiedergegebener Kommentar Czernys erinnert uns daran, dass Beethoven im Jahr 1802, dem Jahr der Veröffentlichung dieses Werks, "auf neuen Wegen" zu schreiten schien:  

"Beethoven had also already been consciously exploring new directions, according to Czerny, who reports that between the composition of the Sonata, Op. 28, and the three of Op. 31 Beethoven said: 'I am not very well satisfied with the work I have thus far done.   From this day on I shall take a new way.'" (Cooper: 122; --

Cooper gibt hier Czernys Bericht wieder, dass Beethoven nach der Komposition seiner Sonate, op. 28, und vor Beginn seiner Arbeit an den drei Klaviersonaten, op. 31, gesagt habe:  'Ich bin mit der Arbeit, die ich bisher geleistet habe, nicht sehr zufrieden.  Von heute an werde ich einen neuen Weg einschlagen').

Wann wird sich dieser "neue Weg" in seinen nächsten Klaviersonaten zeigen?