BEETHOVENS KLAVIERSONATE NR. 24, OP. 78
ZUR ENTSTEHUNGSGESCHICHTE UND
ZUM MUSIKALISCHEN INHALT






Beethoven um 1808



EINLEITUNG

Wenn wir Thayers Auffassung folgen, dass Beethoven seine 23. Klaviersonate, op. 57, die sogenannte Appassionata, im Jahr 1804 fertiggestellt hatte, werden wir zum Schluss gelangen, dass es etwa vier bis fünf Jahre dauern sollte, bis er sich wieder mit der Komposition von Sonaten beschäftigen würde.  Zur Entstehung der nächsten 'Sonatengruppe' liefert uns Thayer (S. 477) folgenden zusammenfassenden Kommenar:

"The three Pianoforte Sonatas, Op. 78, 79 and 81a, are closely connected in time, notwithstanding their diversity of sentiment" --

(Thayer schreibt hier, dass die drei Klaviersonaten, op. 78, 79 und 81a zeitlich eng zusammenhängen, und das trotz ihrer unterschiedlichen Ausdrucksweisen.)

Beschäftigen wir uns also hier, wie immer, zunächst damit, den Zeitrahmen der Entehung jeder dieser Sonaten, aber auch die diesen Zeitrahmen begleitenden Lebensumstände, zu beleuchten.

 

ZUR ENTSTEHUNG 

"According to a note by Archduke Rudolph, the Fantasia, Op. 77, was composed in October as was the Sonata, Op. 78" (Thayer: 477 --

-- Thayer schreibt hier, dass nach den Angaben von Erzherzog Rudolph zu schließen die Fantasie, op. 77 und die Sonate, op. 78, im 'Oktober' entstanden seien). 

Von welchem 'Oktober' spricht Thayer hier?  Da Thayer (S. 474-475) diese Sonate als im Jahr 1809 entstanden aufführt, handelt es sich also um das auch für Beethoven so ereignisreiche Jahr der französischen Besetzung Wiens.  

Rufen wir uns hier, ohne uns in den entsprechenden Abschnitt unserer Biographischen Seiten zurückzuziehen, einige Ereignisse dieser Zeit ins Gedächtnis zurück:

- Im Herbst 1808 wohnte Beethoven in einer Wohnung im zweiten Stock jenes  Hauses in der Wiener (1074) Krugerstraße, in der Gräfin Erdödy eine Wohnung im Erdgeschoß hatte; Beethoven hielt sich dort als gerne gesehener Gast auf;

- Diese Zeit sah aber auch die Ankunft des 'Kasseler Kapellmeisterangebots' durch den Hof Jerome Bonapartes;

- Die Weihnachtszeit 1808 sah Beethovens Erdödy-Hauskonzert und jenes 'Mammutkonzert', über das Johann Reichhardt aus Kassel eingehend berichtete;

- Der Winter 1809 sah das Zustandekommen des Pensionsvertrags zwischen Erzherzog Rudolph, Fürst Lobkowitzy, Fürst Kinsky und Beethoven, der nicht zuletzt durch die aktive Vermittlung Gräfin Erdödys und Baron Gleichensteins entstand und Beethovens 'Kasseler' Pläne unnötig machte;

- Das herannahende Frühjahr 1809 sah, im Zusatz zur Entstehung seines Fünften Klavierkonzerts, seinen (wohl vorübergehenden) Streit mit Gräfin Erdödy in einer 'Dienstbotenangelegenheit';

- Mittlerweile war Beethoven wieder einmal umgezogen, jedoch 'nur' innerhalb Wiens (in die Walfischgasse) , während sich der Hochadel vor den herannahenden Franzosen in Sicherheit brachte, also auch Gräfin Erdödy, vor allem aber auch Erzherzog Rudolph, der am 4. Mai 1809 abreiste;

- Während der Bombardierung Wiens durch die Franzosen soll sich Beethoven Thayers Berichten zufolge seine empfindlichen Ohren im Keller des Hauses seines Bruders Caspar Carl mit Kissen zugehalten haben; 

- Am 31. Mai 1809 verstarb jener Komponist, von dem Beethoven seiner Aussage nach 'nichts gelernt' hatte, dem er aber im Jahr zuvor beim Liebhaberkonzert im Frühjahr 1808 laut Solomon Stirn und Hände geküßt haben soll: Joseph Haydn;

- Im Laufe des Sommers gab Beethoven hier und da schriftliche Lebenszeichen an seine Verleger von sich, die von harten Zeiten und wenig künstlerischer Inspiration Zeugnis geben.

Dies bringt uns an den Herbst des Jahres heran, in dem die Verhältnisse sich wieder einigermaßen normalisiert hatten.  Zur Entstehung der 24. Klaviersonate, op. 78, können wir noch folgendes berichten:

- Thayer (S. 477) berichtet, dass sich für dieses Werk keine Entwürfe finden ließen; 

- Cooper (S. 187) verweist auf Clementis Anwesenheit in Wien im Jahr 1809 und Beethovens Produktion der hier zu diskutierenden zwei Sonaten, opp. 78 und 79, wovon er op. 78 als im Oktober entstanden beschreibt.  Er verweist auf Clementi als den Initiator dieser Werke;

- Thayers-Forbes  (Ausgabe von 1964, S. 469) diskutiert, -- jedoch vorsichtig einräumend, dass es sich hierbei um Thayers Meinung handele, die zumindest 1964 noch nicht durch andere Beweise widerlegt gewesen sei --,  eines möglichen Aufenthalts Beethovens in diesem Sommer in Ungarn.  Vielleicht ist dieser Punkt der endgültigen Klärung durch weitere Beethovenforschung wert.  Zitieren wir Thayer jedoch direkt:

"Regarding the trip to Hungary, the unsettled conditions would not seem to favor it; yet, for lack of evidence to the contrary, Thayer's opinion may be given: -- "He was often in Hungary," said Czerny, and there is no good reason to doubt that he went thither now to pass several weeks with the Brunsviks.  It was already his practice to grant manuscript copies of his new works for the collection of Archduke Rudolph, whose catalogue, therefore, is of the highest authority in determining their dates.  From this source it is known that the Pianoforte Fantasia, Op. 77, previously sketched, and the great F-sharp Pianoforte Sonata, Op. 78, were completed in October.  The dedication of these two works to Count Franz and his sister Therese leads to the inference that they are memorials of happy hours spent in their domestic circle" (Thayer: 469; --

Thayer verweist hier auf Czerny, dessen Bericht zufolge Beethoven oft in Ungarn gewesen sei und hält es für möglich, dass sich Beethoven auch in diesem Jahr dort aufhielt.  Aufgrund von Beethovens Gepflogenheit, der Manuskriptsammlung seinen Gönners, Erzherzog Rudolph, Kopien seiner neuen Werke zu überlassen, sei diese Sammlung eine zuverlässige Möglichkeit, ihre Entstehungszeiten zu bestimmen.  Aus dieser Quelle wisse man, dass die Klavierfantasie, op. 77, und die Klaviersonate, op. 78, im Oktober 1809 fertiggestellt wurden.  Die Widmungen an Franz von Brunsvik und seine Schwester Therese lassen die Möglichkeit zu, dass diese Werke ein Ergebnis glücklicher in ihrem Kreise verbrachter Stunden seien).

Bevor wir uns der Veröffentlichung und Widmung dieses Werks zuwenden, steht uns noch ein weiterer Hinweis Thayers zur Verfügung, der sich hier auf Beethovens Zeilen, wohl aus dem Herbst/Winter 1809/10 an Baron Gleichenstein bezieht, und die darin erwähnte "Therese" ist natürlich Therese Malfatti.  Darauf hinzuweisen ist allerdings auch, dass Thayer nur vermuten kann, dass es sich bei der darin erwähnten Sonate vielleicht um op. 78 gehandelt haben mag: 

"Here is the s[onata] (8: Op. 78?) I promised Therese.  Since I cannot see her today, give it to her--remember me to all of them.  I feel so happy with them all and as though they might heal the wounds inflicted upon my soul by wicked people.  Thank you, kind G, for having taken me there-- . . . " (Thayer: 487).

Hier zum Vergleich der Originaltext: 

"Hier die S[onate], die ich der Therese versprochen.--Da ich sie heute nicht sehen kann, so übergib sie ihr -- empfehl mich ihnen allen, mir ist so wohl bei ihnen allen, es ist, als könnten die Wunden, wodurch mir böse Menschen meine Seele zerrissen haben, wieder durch sie geheilt werden; ich danke Dir, guter G., daß Du mich dorthin gebracht hast. -- . . . " (Schmidt, Beethoven=Briefe: 51).

 

ZUR VERÖFFENTLICHUNG UND WIDMUNG 

In bezug auf die Veröffentlichung dieses Werks und alle damit verbundenen Verhandlungen müssen wir hier wieder etwas zurückgreifen.  Barry Cooper (S.166-167) berichtet, dass der in London lebende und wirkende Komponist, Pianist, Klavierbauer und Musikverleger, Muzio Clementi, Anfang 1807 von Rom aus in Wien eintraf.  Cooper spricht in diesem Zusammenhang davon, dass Beethoven Clementi bekannterweise bewunderte und dass seine eigenen frühen Sonaten am ehesten dessen  Beispiel folgten, dass er aber zögerte, seine persönliche Bekanntschaft zu machen.  Dazu hätte er bereits 1802 und 1804 bei Clementis frühreren Wien-Aufenthalten Gelegenheit gehabt.  Das Eis zwischen den beiden Musikern sei jedoch dann endlich 1807 gebrochen worden, und sie gelangten sogar zu einer vertraglichen Vereinbarung in bezug auf Clementis englische Veröffentlichungsrechte beethoven'scher Werke.  Baron Gleichenstein, der etwa zu dieser Zeit die Privatsekretärsrolle von Beethovens nun verheiratetem Bruder Caspar Carl übernommen hatte, sei Zeuge dieser Vereinbarung geworden.  So sicherte sich Clementi die englischen Veröffentlichungsrechte für fünf größere beethoven'sche Werke, nämlich zum Vierten Klavierkonzert, den 'Razumowsky'-Quartetten, der Vierten Symphonie, dem Violinkonzert und der Coriolan-Ouvertüre  (somit opp. 56-62).    Laut Cooper erbat sich Clementi von Beethoven auch eine Bearbeitung des Violinkonzerts als Klavierkonzert. das Beethoven so bald wie möglich nach England abschicken sollte.  Für diese Werke war Clementi bereit, Beethoven   200 englische Pfunde, also etwa 2,000 Wiener Gulden, zu zahlen.  Da Beethoven laut Cooper diese Werke auf dem europäischen Kontinent gesondert verlegen konnte, was er durch das Kunst- und Industrie-Kontor in Wien tat, stand sich Beethoven in dieser Sache nicht allzu schlecht.  Beethoven soll sich in einem Brief an seinen Freund, Graf von Brunsvik, sehr positiv über diesen Vertrag geäussert haben.  Bereits am 22. April dieses Jahres seien drei der bestellten Werke nach England unterwegs gewesen, nämlich das Klavierkonzert, die Symphonie und die Ouvertüre, während die anderen Werke nachfolgten.  Laut Cooper sah dieser Vertrag auch vor, dass Beethoven drei Klaviersonaten komponieren sollte, oder zwei Sonaten und eine Fantasie, unz zwar zum Preis von 60 englischen Pfunden.  Zwei Jahre später habe Beethoven diese Verpflichtung dadurch erfüllt, dass er Clementi seine Werke opp. 77 - 79 zuschickte, die dieser dann auch veröffentlichte.  

 



Muzio Clementi


Wie verhielt es sich jedoch mit der "kontinentalen" Veröffentlichung dieser Werke beziehungsweise insbesondere dieser Sonate? Hierzu berichtet Thayer (S. 477-478), dass Beethoven Breitkopf und Härtel bereits am 19. September 1809 "einige Sonaten" anbot, also zu einer Zeit, zu der diese noch nicht fertiggestellt waren.  Werfen wir also einen Blick auf diesen Brief: 

                           "Vien am 19ten wein Monath [=September] 1809[1]

Mein Hochgeehrtester Herr,

  Auf ihren Brief vom 21 august[2], antworte ich ihnen, daß ich wohl zufrieden bin, wenn sie mir auch einige Posten in wiener Courant[3] (jedoch nicht viel), wollen ausbezahlen lassen -- die 3 werke sind schon abgeschickt, nun wünschte ich freylich, daß sie mir das honorar für diese 3 werke [4] früher anweisen als sie in Leipzig ankommen, ja wenn sie es sogleich hier anweisen wollten, würde mir sehr lieb seyn -- wir sind hier in geldes Noth,[5] dann, wir brauchen zweimal so viel als sonst -- verfluchter Krieg -- bey dem lied aus D sezen sie das tempo Allegretto[6] -- sonst singt mans zu langsam -- schreiben sie mir gefälligts, was die ausgaben von Schiller, Göthe [7] in Konwenzionsgeld kosten, auch die ganz in kleinem format Ausgabe von wieland[8] -- soll ich sie schon kaufen, so mag ich sie doch lieber von da her, indem hier alle ausgaben verhunzt, und theuer sind --

   nächstens über Quartetten, die ich schreibe, [9] -- ich geb mich nicht gern mit Klavier Solo Sonaten ab, doch verspreche ich ihnen einige [10] -- wissen sie denn schon daß ich Mitglied der Gesellschaft schöner Künste und wissenschaften geworden bin?[11] -- also doch einen Titel -- haha das macht mich lachen --

leben sie wohl ich habe nicht viel Zeit als ihnen zu sagen, daß ich mich nenne ihr ergebenster

                                                                                  Beethowen

Nb: vergessen sie nicht auf meine Bitte wegen dem Gelde --

An Breitkopf und Hertel in Leipzig"

[Quelle:  Ludwig van Beethoven Briefwechsel Gesamtausgabe, Band 2, Brief Nr. 400, S. 81 - 82]

[Original:  Bonn, Beethoven-Haus; zu [1]: "Weinmonat", nach alter deutscher Tradition, verweist auf den Oktober, jedoch verwendete Beethoven ihn auch für den Stepember, was durch den Eingangsvermerk des Verlegers bestátigt werde;  zu [2]: verweist auf Brief Nr. 398; zu [3]: verweist auf Beethovens Bitte um Bezahlung in Konventionsgeld, während Wiener Banknoten zu dieser Zeit immer mehr der Inflation ausgesetzt waren; zu [4]:  verweist auf op. 72, op. 85 und op. 86; zu [5]: verweist auf die Wiener Inflation und Kontributionsforderungen Napoleons; zu [6]: verweist auf Andenken WoO 136; zu [7]: verweist auf Brief Nr. 395, in dem Beethoven um die Zusendung der Schiller'schen und Goethe'schen Gesamtausgaben gebeten hatte; zu [8]: verweist auf die Gesamtausgabe der Werke Wielands, die von 1794 - 1802 von Göschen in Leipzig verlegt wurde; zu [9]: verweist auf die Tatsache dass laut des sogenannten Landsberg-Skizzenbuchs Beethoven nach op. 74 noch weitere Streichquartette komponieren wollte; zu [10]: verweist auf Beethovens Einlösung seines Versprechens, als er 1809/10 diesem Verleger seine Sonaten, op. 78, 79 und 81a überließ; zu [11]: verweist auf Beethovens Mitgliedschaft vierter Klasse in der  "Koninklijk Nederlandsch Institut van Wetenschappen, Letterkunde en Schone Kunsten" siehe Brief Nr. 396; Einzelheiten S. 81 - 82 entnommen 81 - 82).

 

Am 4. Februar 1810 habe er dann sein Angebot wiederholt:

                                                   "Vien am 4ten Februar 1810

  . . . 

   Hier von neuen Werken: 

  . . . 

3 KlawierSoloSonaten[7] -- Nb. wovon die 3te aus 3 stücken, Abschied, Abwesenheit, das widersehn besteht, [8] welche man allein für sich heraus geben müste -- "                                                 

[Quelle:  Ludwig van Beethoven Briefwechsel Gesamtausgabe, Band 2, Brief Nr. 423, S. 104 - 107]

[Original:  Bonn, Beethoven-Haus; zu [7]: verweist auf op. 78, op. 79 und op. 81a; zu [8]: verweist auf op. 81a; Einzzelheiten S. 106 entnommen].

 

Am 21. August schrieb Beethoven dann laut Thayer in bezug auf die Widmungen:   

"The sonata in F-sharp major--a Madame la Comtesse Therese Brunswick; the fantasia for pianoforte solo--a mon ami Monsieur le Comte Francois de Brunswick. . . .  As regards the two sonatas publish them separately; or, if you want to publish them together, inscribe the one in G major Sonata facile or sonatina, which you might also do in case you [do not] publish them together."" (Thayer: 477-478).

                                  "Baden am 21ten SommerMonath [=August] 1810

. . .

-- die Sonate in Fis dur[8] A Madame la Comtesse therese Brunswick, die Fantasie für's Klawier allein[9] A <Monsieur> mon ami Monsieur le Comte <de B> Francois de Brunswick . . .

. . . was die zwei Sonaten angeht, so geben sie jede allein heraus, <das> Oder wollen sie sie zusammen herausgeben, so sezen sie auf die aus dem g dur Sonate facile Oder Sonatine[12], welches sie auch thun können im Fall sie sie zusammen herausgeben -- . . . "                             

[Quelle: Ludwig van Beethoven Briefwechsel Gesamtausgabe, Band 2, Brief Nr. 465, S. 148 - 152)

[Original:  Bonn, Beethoven-Haus; zu [8]: verweist auf op. 78; zu [9]: verweist auf op. 77; zu [12]: verweist auf op. 79].

(Wie Sie sehen können, haben wir auch den deutschen Originaltext aus der Briefwechsel Gesamtausgabe wiedergebeben). 

Thayer (S. 503) beschreibt op. 78 als 1810 von Breitkopf und Härtel verlegt und Gräfin Therese von Brunsvik gewidmet.  

 



Titelblatt mit Widmung


Über das musikalische Talent der Widmungsempfängerin erwähnt Kinderman: 

"Therese Brunswick was presumably a less accomplished player than Keglevics or Ertmann, but Beethoven devoted long hours to teaching her and her sister Josephine as early as 1799, when, as she later recalled, he 'never tired' of 'holding and bending my fingers'" (Kinderman: 136-137; --

Kinderman schreibt hier, dass Therese Brunswick vermutlich eine weniger begabte Klavierspielerin war als Gräfin Keglevics oder Baronin Ertmann, dass Beethoven aber im Jahr 1799 ihr und ihrer Schwester Josephine stundenlang Klavierunterricht erteilte und dabei nicht müde wurde, ihre Finger zu halten und zu biegen).



Therese von Brunsvik



 

ZUR REZEPTION ZU BEETHOVENS LEBZEITEN

Dazu können wir Ihnen die kurze Anzeige dieser Sonate, im Zusammenhand mit der "Fantaisie p. le Pianoforte", Op. 77 in der Leipziger Allgemeinen Musikzeitung", August 1811, bieten, wobei die Unterstreichung des sich auf die Sonate beziehenden Texts von dieser Websiteautorin stammt:

"AMZ August 1811, Spalte 548:

1. Fantaisie p. le Pianoforte -- Oeuvr. 77. (Preis 16 Gr.) und

2. Sonate p. le Pianoforte -- Oeuvr. 78. (Preis 16 Gr.) beyde von L. v. Beethoven und im Verlag Breitkopf und Härtel in Leipzig.

    Beyde Werkchen sind vielleicht bey ihrem Entstehen verbunden, oder doch das zweyte als Folge des ersten angesehen gewesen; beyde schliessen sich wenigstens in den Ideen, in der Schreibart, im Grade der Schwierigkeit, und auch in der Tonart (H dur) an einander.  Die Phantasie ist recht eigentlich eine freie, und hat -- in Neuheit mehrerer Ideen, in Kühnheit und Ueberraschung der Modulationen, in gelehrter Führung der Stimmen, und auch im Abgebrochenen der Schreibart -- am meisten Aehnlichkeit mit denen des herrlichen Ph. Eman. Bach; nur dass bey Beethoven weniger, wie bey Bach, auf Einfachheit der melodiösen Sätze gesehen worden, das Ganze aber mit mehr Feuer, und, wie sich das von selbst versteht, mit mehr Fülle, und reicherer Benutzung der Vortheile des jetzigen Pianoforte, gearbeitet ist. Die Sonate enthält, nach kurzer Einleitung, ein ernstes, an Phantasie reiches Allegro, und ein, mit vielen, ganz ungewöhnlichen Wendungen ausgestattetes Vivace, voll Feuer und Lebendigkeit. Beyde Werke machen, gut und in ihrem wahren Sinn vorgetragen, einen schönen Effect; aber sie so vorzutragen, ist keineswegs leicht, und schwerer, als es beym Durchlesen scheint."

 

ZUM MUSIKALISCHEN INHALT

In bezug auf unsere drei verschiedenen Betrachtungsweisen bieten wir Ihnen wieder die Möglichkeit, durch Anklicken der jeweiligen Überschrift eine Ihnen gemäße Betrachtungsweise auszuwählen.  


 
MUSIKWISSCHENSCHAFTLER UND BEETHOVENFORSCHER
 

AKTIVE MUSIKKRITIKER UND FEUILETTONISTEN

DARBIETENDE KÜNSTLER


MUSIKWISSENSCHAFTLER UND BEETHOVENFORSCHER

Hier wenden wir uns an den Beethovenforscher Kinderman:   

"An unusual feature of the F# major Sonata op. 78 is the introductory motto encapsulated in the four opening bars, marked Adagio cantabile.  Euhponious chords enhanced with expressive appoggiaturas rise above a deep pedal point in the bass; the gesture is declamatory, yet tender and heartfelt.  This quality of Innigkeit is found often in Beethoven, yet nowhere more prominently than in some of the solo piano sonatas, from the gracious finale of the F-flat Sonata op. 7 to the glowing lyricism of the opening Allegretto of op. 101" (Kinderman: 136; --

-- Kinderman weist hier auf das ungewöhnliche Einleitungsmotto dieser Sonate, das in den vier Einleitungstakten enthalten sei und mit Adagio cantabile bezeichnet sei.  Wohlklingende, durch ausdrucksvolle Appoggiaturas verstärkte Akkorde steigen laut Kinderman über den tiefen Basspedalpunkt hinaus; die Geste sei deklamatorisch, jedoch zart und tief empfunden.  Diese innige Qualität finde man oft bei Beethoven, jedoch nirgends so stark wie in einigen seiner Klaviersonaten, vom graziösen Finale der Sonate op. 7 zur glühenden Lyrik des einleitenden Allegrettos von op. 101).  

"Uhde has suggested that the choice of key for the F# major sonata may have had a pedagogical purpose, and that the intimately lyrical character of the music was influenced by Bach's works in this key in The Well-Tempered Clavier.(28) A tight network of motivic relationships takes shape in op. 78 as the ascending contour and harmonic colour of the fervent opening motto are reinterpreted in ensuing passages of the Allegro, ma non troppo. In turn, the second group of the exposition introduces a motif of three emphatic chords, the last marked sforzando, which are juxtaposed with more gentle figures marked piano.  A variant of this motif is employed in the principal theme of the finale" (Kinderman: 137; --

-- Kinderman verweist hier darauf, dass Uhde die Meinung vertrat, dass Beethovens Wahl der Tonart für die Fis-Dur-Sonate vielleicht einen erzieherischen Zweck hatte, und dass er intime lyrische Charakter der Musik von Bachs Werken dieser Tonart aus dem Wohltemperierten Klavier beeinflusst gewesen sein mag.  Laut Kinderman entwickle sich in op. 78 ein eng gespanntes Netz motivischer Beziehungen durch die wiederholte Interpretation der ansteigenden Kontur und harmonischen Farbgebung des intensiven Einleitungsmottos in den folgenden Allegro, ma non troppo-Passagen.  Danach führe die zweite Gruppe der Exposition ein Motiv dreier emphatischer Akkorde ein, von dem der letzte mit sforzando gekennzeichnet sei, und die sanfteren, mit piano gekennzeichnete Figuren gegenüber gestellt seien.  Eine Variante dieses Motivs werde im Hauptthema des Finales eingesetzt).

AKTIVE MUSIKKRITIKER UND FEUILETTONISTEN

Geben wir hier wieder Joachim Kaiser ohne lange Voreinleitung das Wort:

"Zart, von rasch sich wandelnden Gestalten erfüllt, zieht der erste Satz dieser Sonate vorbei, chevaleresk und geistvoll virtuos der zweite.  Das Werk ist kurz, aber nicht karg, vielmehr zärtlich, beredt, überschwenglich.

Aller logisch-prozessualen Appassionata-Strenge steht diese -- von Hugo Rieman so genannte -- >>Theresensonate<< antipodisch fern.  An Erklärungsversuchen für ihn unstreitig >>Besonderes<< fehle es nicht.  Sollte es sich um einen klingenden Liebesbrief an Therese von Brunsvik handeln?  Kommt die innige Adagio cantabile-Einleitung einer Anrede gleich?  Oder waren es die Verlockungen des exquisiten Fis-Dur, die Beethoven zu einer so komplexen und kantabilen Schreibweise animierten?  Bestehen gar, wie wiederholt mit Hilfe plausibler Analogien nachgewiesen, verwandtschaftliche Beziehungen zwischen Bachs empfindsam melodischem Präludium und Fuge in Fis-Dur (aus dem 1. Band des Wohltemperierten Klaviers) und dieser Fis-Dur-Sonate?

Man kann den charakteristisch gewandelten Ton von Opus 78 auch mit der Entwicklung des Beethovenschen Personal-Stils zu erklären versuchen.  Vor den manchmal schroffen und entschlossen konstruktivistischen Ballungen der >>Spätzeit<< komponierte Beethoven nämlich eine Reihe melodischer, zugleich meditativer und avancierter Werke.  Bei den Klaviersonaten in Fis-Dur, Es-Dur (Opus 81a) und e-Moll (Opus 90), bei der Sonate für Klavier und Violine in G-Dur (Opus 96), vor allem aber im >>großen<< B-Dur-Trio (Opus 97) und im Liederkreis >>An die ferne Geliebte<< (Opus 98) wird eine weitausgreifende, intime, lyrisch inspirierte Kantabilität hörbar, erscheinen motivische Arbeit und gesangliche Entfaltung neuartig aufeinander bezogen.

Aber musikantische Einfühlung, die übrigens als ein Moment improvisatorisch lebendigen Musizierens keinesweg hochmütig verketzert zu werden braucht, spielt am Geheimnis, am Kontrast zumal des ersten Satzes vorbei.  Was da so überredend und flüssig, so einheitlich, inspiriert und empfindsam harmonisch scheint, das setzt sich aus lauter eigentlich zusammenhanglosen, knappen, in rascher Folge ohne erkennbares Ordnungsgesetz vorbeiziehenden, oft doppeldeutig ineinander übergehenden Impulsen zusammen.  Die wunderschöne Fis-Dur-Sphinx ist schwer zu enträtseln, sie offeriert spätstilhafte Dissoziations-Tendenzen in bezaubernd-verbindlichem Gewand . . .  Auch der zweite Satz -- im Aufbau einfacher, in der pianistischen Ausschmückung umso virtuoser -- birgt versteckte Vexierspiele.

Donald Francis Tovey weist (>A Companion to Beethoven's Pianoforte Sonatas<, a.a.O., S. 178) sehr einleuchtend darauf hin, daß es analytische Energieverschwendung wäre, im Kopfsatz -- wo die >>Logik<< sich aus den modifizierten Propoertionen der einzelnen Abschnitte ergäbe -- ein Motiv aus dem anderen ableiten zu wollen.  Manchmal sei ein halbes Dutzend völlig verschiedenartigen Motive zu einem Abschnitt zusamdmengeschweißt.  Aber die Feinheiten von Opus 78 gehören, laut Tovey, zu jenen Dingen, die wir >>vollkommen verstehen können, solange man sie uns nicht erklärt . . . <<

Ein schwacher Trost für Interpreten.  Pianisten müssen also imstande sein, vorzuführen, daß die Fis-Dur-Sonate gar nicht so selbstverständlich ist, wie sie klingt, daß aber ihre inspirierte Sprunghaftigkeit, ihre Fülle trotzdem einer höheren Logik folgt" (Kaiser: 425-426).

 


DARBIETENDE KÜNSTLER

Der aktive Pianist Anton Kuerti gibt uns zu dieser Sonate den folgenden Überblick:

Kuerti weist zunächst darauf hin, dass Beethoven das Genre der Klaviersonate nach der "Appassionata" für mehrere Jahre außer Acht ließ, sein Publikum aber dafür mit seinen zwei letzten Klavierkonzerten, dem Violinkonzert und vielen ausgezeichneten Kammermusikwerken entschädigte .   Als er sich dann wieder der Sonate zuwandte, habe er das von einem ganz anderen Ansatz her getan.  Reife Lyrik ersetze nun die Dramatik von op. 53 und op. 57, und während die Tonreichweite des Klaviers in der Zwischenzeit noch größer geworden sei, nehme zumindest in op. 78 der Kontrastreichtum eine etwas bescheidenere Form an.  Das Werk bestehe nur aus zwei ziemlich kurzen Sätzen, beide Allegros, jedoch enthalten beide laut Kuerti eine Fülle von Reichtum und Substanz.   

Adagio cantabile; Allegro ma non troppo

Kuerti schreibt, dass ein exquisites, aus vier Takten bestehendes Adagio die freundliche Ausdrucksweise des ersten Satzes einleite.    Beethovens fundierte Kenntnis der musikalischen Psychologie könne man dadurch beweisen, dass man versuche, diesen Satz ohne diese Einleitung zu beginnen, was ihm bestimmt die Hälfte seines Zaubers nehme.  

Kuerti weist darauf hin, dass die äußerst einfachen Harmonien hier einen Sinn der Zufriedenheit und des Friedens schaffen, aber dieser Friede werde plötzlich durch die Einführung einer sehr farbigen fremden Note gestört,  die dem Satz irgendwie 'rechtzeitig'  etwas von seiner Süße nehme, bevor diese unerträglich zu werden drohe.  Diese fremde Note, die ausdrucksvollen Akkorde, die einen Teil des zweiten Gegenstandes bilden, und der Ausflug in die Moll-Tonart in der Durchführung verleihen laut Kuerti diesem Satz eine klagende Dimension, was uns die vorangegangene Süße zwar genießen lasse, ohne uns jedoch lästig zu werden.  

Allegro vivace

Die Glätte und Kontinuität, die den ersten Satz kennzeichnen, schreibt Kuerti, würden durch das ausdrucksvolle, jedoch auch flatternde Wesen des zweiten Satzes hinweggeblasen.  Die spröden Sechzehntel-Notenpaare im höheren Tonregister sind laut Kuerti offensichtlich aus den ersten zwei Noten der ausdrucksvollen Einleitung hergeleitet, was nach der ersten Wiederkehr des Hauptthemas klar werde.  Der karge und abstrakte Charakter dieser Figurierung zeige, dass wir uns hier Beethovens unkonventionellen Charakteristiken seiner späteren Sonaten nähern.   Die 'zwitschernden' Sequenzen schneller Appogiaturas, die plötzlichen, jedoch nicht unbeschwerten Wechsel vom Dur zurück zum Moll und vom Moll zum Dur, die schnellen Registerwechsel, und die eindringliche Harmonie des Pianissimo-Akkords vor dem letzten superben Einsatz werde durch den plötzlichen Stimmungswechsel gegen Ende dieses Satzes erzielt, der vor allem verspielt und provokativ war.  Beethoven ergreife das letzte Fragment des Themas und entwickle es kurz auf eine noble, ausdrucksvolle Weise, die den Hörer bewege, obwohl er eigentlich erwartet hatte, nur unterhalten zu werden.    (Kuerti: 44-45).

 

Kunst der Fuge: Beethoven-Sonaten

Für diejenigen von Ihnen, die sich s e h r ernsthaft mit dieser Sonate auseinandersetzen möchten, bieten wir hier auch einen Link zur Beethoven Bibliography Data Base des Ira Brilliant Center for Beethoven Studies in San Jose, Kalifornien:


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