BEETHOVEN-VIGNETTEN


In dieser kleinen Unterabteilung zum Thema Musiker und Beethoven wollen wir Ihnen hier kürzere Texte einiger seiner Wiener Musikerzeitgenossen vorstellen, die vornehmlich aus ihrer eigenen, zusammengefassten Erinnerung stammen.

Daher unterliegen ihnen keine biographische Akribie, sondern eher interessante individuelle Gesamteindrücke. In diesem Sinn beginnen wir hier mit Seyfrieds kleinem, liebenswürdigem Beethoven-Beitrag.

 

 




Ignaz von Seyfried


Seyfried's Freundschaftsverhältnis zu Beethoven

 

Seyfried sagt in Bezug auf seinen vertrauten Umgang mit Beethoven:

"Unser festgeschlungendes Freundschaftsband wurde die ganze, lange Jahres-Reihe hindurch auch nie irgend gelockert; nie durch einen, selbst noch so geringfügigen Zwist gestört. Nicht, als ob wir beide stets und immerdar eines und desselben Sinnes gewesen wären, oder seyn hätten können; vielmehr sprach sich jeder frei und unverholen aus, wie ers eben aus geprüfter Überzeugung fühlte uns als wahr erfand, fern von allem sträflichen, egoistischen Eigendünkel, diese seine differirenden Ansichten und Glaubens=Meinungen dem Gegenpart als infallibel aufdringen zu wollen. Ueberhaupt war B e e t h o v e n viel zu gerade, offen und tolerant, um Jemanden durch Mißbilligung oder Widerspruch zu kränken; was ihm nicht behagte, pflegte er nur recht herzlich zu belachen, und wohl glaube ich mit Zuversicht behaupten zu können, daß er sich, wissentlich wenigstens, nie in seinem ganzen Leben einen Feind zuzog; nur, wem seine Eigenheiten fremd waren, der mochte sich auch in seinem Umgange -- ich spreche von einer frühern Zeit, als ihn noch nicht das Unglück der Taubheit getroffen -- vielleicht nicht so ganz ordentlich zurechte finden. Wenn B e e t h o v e n dagegen bei manchen, meist sich ihm selbst aufgedrungenen Protectoren mit seiner derben Geradheit wohl mitunter das Kindlein sammt dem Bade verschüttete, so lag die Schuld einzig daran, daß der ehrliche Deutsche stets das Herz auf der Zunge trug, und Alles besser, als zu hofieren, verstand, auch -- des eigenen Werthes bewußt -- sich nie zum Spielball der eitlen Launen seiner mit dem Namen und der Kunst des gefeierten Meisters sich brüstenden Mäcenaten entwürdigen ließ. -- So war der denn nur von jenen v e r k a n n t , welche sich die Mühe verdrießen ließen, den scheinbaren Sonderling k e n n e n zu lernen.

Als er den F i d e l i o , das Oratorium: C h r i s t u s am O e l b e r g e , die S y m p h o n i e n in Es, C-Moll und F, die P i a n o f o r t e - Concerte in C-moll, und G-Dur, das V i o l i n = C o n c e r t in D componirte, wohnten wir beide in ein und demselben Hause, besuchten fast tagtäglich, da wir eine Garcon-Wirtschaft trieben selbander das nämliche Speisehaus, und verplauderten zusammen manch unvergeßliches Stündchen in collegialer Traulichkeit; denn B e e t h o v e n war damals heiter, zu jedem Scherz aufgelegt, frohsinnig, munter, lebenslustig, witzig, nicht selten auch satyrisch; noch hatte ihn kein physisches Uebel heimgesucht; sein Verlust eines sonderlich dem Musiker so höchst unentbehrlichen Sinnes seine Tage getrübt; nur schwache Augen waren ihm aus früher Kindheit als Nachwehen der bösartigen Pocken=Seuche zurückgeblieben, und diese zwangen ihn, schon im angehenden Jünglingsalter zu concaven, sehr scharfen Brillengläsern seine Zuflucht zu nehmen. --

Von den oben angeführten, in der gesammten Musikwelt als Meisterwerke anerkannten Schöpfungen ließ er mich jedes vollendete Tonstück sogleich am Piano hören, und verlangte von mir, ohne mir lange Zeit zum Besinnen zu gönnen, auch unverzüglich mein Urtheil darüber ab; solches durfte ich freimüthig, unumwunden geben, ohne befüchten zu müssen, einen, ihm wildfremden, gar nicht innewohnenden After=Künstlerstolz damit zu verletzen. Sie Symphonien und Concerte, welche er bei seinen Beneficien im Theater an der Wien zum erstenmale producirte, das Oratorium, und die Oper, studierte ich selbst, nach seiner Angabe, mit dem Sänger=Personale ein, hielt alle Orchesterproben, und leitete persönlich die Vorstellungen; beim Vortrage seiner Concert=Sätze lud er mich ein, ihm umzuwenden; aber -- hilf Himmel! -- das war leichter gesagt, als gethan; ich erblickte fast lauter leere Blätter; höchstens auf einer oder der anderen Seite ein paar, nur ihm zum erinnernden Leitfaden dienende, mir rein unverständliche ägyptische Hieroglyphen hingekritzelt; denn er spielte beinahe die ganze Prinzipalstimme blos aus dem Gedächtnisse, da ihm, wie fast gewöhnlich der Fall eintrat, die Zeit zu kurz war, solche vollständig zu Papiere zu bringen. So gab er mir also nur jedesmal einen verstohlenen Wink, wenn er mit einer dergleichen, unsichtbaren Passage am Ende war, und meine kaum zu bergende Aengstlichkeit, diesen entscheidenden Moment ja nicht zu verabsäumen, machte ihm einen ganz köstlichen Spaß, worüber er sich noch bei unserm gemeinschaftlichen, jovialen Abendbrode vor Lachen ausschütten wollte.

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Quelle: 

Großes Instrumental- und Vokal-Conzert,  herausgegeben von Ernst Ortlepp, Band 6, S. 72-74, Stuttgart: 1841,Verlag Franz Heinrich Köhler.